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2021-09-25

NICK HUDSON - Font Of Human Fractures

READ AN ENGLISH REVIEW OF THIS ALBUM ON VEIL OF SOUND!


Eines meiner absoluten Lieblingsalben des Jahres 2020 war ja "The Quiet Earth" der englischen Band The Academy Of Sun, eine weitläufige Sammlung genauso ansteckender wie intelligenter Ohrwürmer, irgendwo im Stildreieck von Post Punk, Synthie Pop und Singer/Songwriter Piano Artrock, um es an dieser Stelle mal ganz dürftig simplifizierend zusammenzufassen.

Und während ich eigentlich immer noch dabei war, immer neue verliebenswerten Details in diesem Meisterwerk zu entdecken, beschloss Nick Hudson, Hauptsänger/Songwriter der Gruppe, einfach mal, ein neues Soloalbum zu veröffentlichen.



NICK HUDSON - Font Of Human Fractures (LP) (2021)

Solo heißt hier aber nicht allein. Nick Hudson, der hauptsächlich an Gesang und Klavier zu hören ist, aber auch für Orgel, Synthesizer, Programmierung, Vibraphon und einiges mehr zuständig ist, wird durch das ganze Album von Lizzy Careys Geige begleitet und begrüßt eine Handvoll weiterer Gastmusiker zu mehreren Tracks. Während es hier und da ein paar Stellen gibt, die leicht als Academy Of Sun-Kompositionen verkauft werden könnten, bewegt sich der Großteil der Musik auf "Font of Human Fractures" in einer unterscheidbar andersartigen Atmosphäre.

Interessanterweise sind die beiden Stücke, die einer Bandperformance noch am nächsten kommen, ausgerechnet die beiden, die Hudson nicht selbst geschrieben hat. Dennoch sind sie perfekte Beispiele, um die Vielfalt des Albums zu umreißen:
"Tokyo Nights", geschrieben von Penelope Hudson und John Darrell, klingt, als hätte jemand einen eher einfachen, um nicht zu sagen albernen New-Wave-Song der frühen 80er mit J-Pop-Elektronik gemischt, um ihn zu etwas Größerem aufzublasen. Es ist immer noch ein kurzes Stück, das eher im Kontext als als eigenständiger Song funktioniert.

Das achtminütige "Dambala" hingegen ist beinahe das genaue Gegenteil. Es gibt Songs, die von einer zeitlosen Grandiosität erfüllt sind, so dass man kaum glauben kann, dass sie tatsächlich irgendwann von jemandem geschrieben wurden. Es ist einfacher, sich vorzustellen, dass sie seit Ewigkeiten in einer Paralleldimension zu unserer Welt existierten und nur darauf warteten, dass ihre Interpreten sich mit dieser Dimension verbinden, um sich vom Song beseelen und fernsteuern zu lassen.
"Dambala", ursprünglich aufgeführt vom bahamischen Reggae/Folk-Künstler Exuma, ist ein Werk dieser Kategorie und Hudsons Interpretation wird ihm gerecht. Wenn Klavier, Streicher und komplettee Band zu voller Pracht anschwellen und er "You won't go to heaven / You won't go to hell / You remain in your graves / With the stench and the smell" singt, dann ibt es keinen Zweifel dass dies als Doomsday-Epilog nach dem Ende von Allem gedacht ist. Nick Hudson knüpft natürlich noch mit seinem letzten Track "End Credits" daran an, aber das ist schon ok.


Das Album hält weitere Highlights bereit, beginnend mit dem Opener "Surkhov's Dream", einer eindringlichen Komposition für Orgel, Horrorfilm-Soundtrack-Streicher und Noise, in der Hudson auch die Bandbreite seines Gesangs zwischen sonoren Spoken Words und einem bis zu Falsetthöhen ansteigenden Refrain.
Hudsons Stimme ändert ihre Farbe von Track zu Track, abhängig von der Tonhöhe, in der er sich gerade bewegt. Manchmal erinnert er mich dabei an Leonard Cohen oder Brendan Perry (Dead Can Dance), manchmal eher an Holly Johnson (Frankie Goes To Hollywood). Und Krystoffer Rygg in diese Liste aufzunehmen - sowie Ulver im Allgemeinen als musikalische Referenz - ist auch nicht fehl am Platz.

Auf "Come Back When There's Nothing Left", einer der schrägsten, experimentellsten und dennoch sehr zugänglichen Passagen des Albums, klingt er allerdings überhaupt nicht wie er selbst. Ganz einfach, weil er es nicht selbst ist, der hier singt, sondern sein Brotherfromanothermother Toby Driver (Kayo Dot), mit dem er nicht nur mehrmals als Support- und/oder Bandmitglied durch Europa getourt ist, sondern auch letztes Jahr das fantastische improvisatorische Gemeinschaftsalbum "Black Feather Under Your Tongue" aufgenommen hat.

In Bezug auf Font Of Human Fractures bleibt jedoch noch ein episches Stück übrig, welches zwingend erwähnt werden muss: Hudson hat sich das Klavierspielen zum Teil dadurch gelehrt, dass er obsessiv Tori Amos entschlüsselt und gecovert hat. Und wenn es ein Verbrechen ist, ihr Spiel perfekt nachzuahmen, dann schickt ihn "The Ballad of K69996 Roma" zweifellos ins Gefängnis. Schade, denn dieser Song hat abgesehen davon noch so vieles mehr zu bieten, z.B. eine Solo-Jodeleinlage, welche überhaupt nicht fehl am Platz erscheint.

Aber egal, wie viele Aspekte dieses Albums man auch herauspickt, das Herzstück des Ganzen ist im Grunde einfach nur ein Typ, der sich an die Klaviatur setzt und ein paar phänomenale Songs schreibt. Wenn Du also auf großartiges Songwriting stehst und es dir egal ist, ob du genau festlegen kannst, welche Art von Musik du eigentlich gerade hörst, könntest Du hier genau richtig bedient werden.

Und falls dies zutrifft, wirst du Nick wahrscheinlich genau wie ich großzügig nachsehen, dass er "Teenage Hudson Summons Epona" mit auf das Album geschummelt hat.
Nicht, dass dieses orchestrale Instrumentalstück, das er im Alter von sechzehn Jahren aufgenommen hat, schlecht wäre - aber come on, das grenzt schon irgendwie an Angeberei!

Als Ausgleich dafür ist das Album anders als "The Quiet Earth" aber auch in einer kleinen Vinyledition erschienen. Es ist also alles gut.

Der Rezensent hängt übrigens weiterhin hoffnungslos hinterher, denn jetzt, wo dieser Text das Licht der Öffentlichkeit (oder wie auch immer man den kleinen exklusiven Zirkel meiner Leserschaft bezeichnen mag) erblickt, hat Hudson auch schon eine neue EP nachgelegt, welche "The Ballad Of K69996 Roma" laut Eigenaussage durch ein Prisma aus... schwuler kommunistischer Black Metal Chamber Elektronika bricht.

Klingt nach einem Teil dieses gefährlichen Linksrucks, der in Deutschland bald verboten wird. Also höre ich da wohl besser bald mal rein!






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