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2026-03-11

JO QUAIL und CORECASS live im Hafenklang, Hamburg (09. März 2026)

Déjà-vu! Damals war es zwar im Erdgeschoss statt oben im Goldenen Salon gewesen, doch genau diese Künstlerkonstellation hatte schon einmal im November 2023 das Hafenklang beglückt. Corecass kehrten dann ein Jahr später für ihre Albumpremiere zurück und begegneten mir zuletzt vor nicht einmal vier Monaten im Vorprogramm von Mono im Knust.
Und die heutige Headlinerin hatte ich tatsächlich 2019 gemeinsam auf der Bühne mit Mono und später ebenfalls als Support der japanischen Post-Rock-Monumentalisten kennengelernt. Die Welt ist anscheinend  echt winzig.

Nein, von einem radikalen Ausbruch aus meiner Komfortzone konnte an diesem Montagabend wahrhaftig nicht die Rede sein. Ist ja auch nicht schlimm. Dafür gibt es zur Abwechslung diesmal keine Bilder meiner Digital Harinezumi-Spielzeugkamera, die ich schlicht zu Hause vergessen hatte. Immerhin hatte ich für sie Ersatzbatterien dabei. Und zum Ausgleich habe ich immerhin ein paar GIFs aus meinem Smartphonegeknipse gebastelt. Yay!





CORECASS
An dieser Stelle könnte ich im Grunde schon copypasten. Das vierte Corecass-Konzert innerhalb von wenigen Jahren, stets mit Meisterin Elinor Lüdde an Keyboard, Harfe, Elektronik und Gesangsmikrofon, begleitet von ihrem Mitmusiker an Bass, Gitarre und Basspedalen, und mit ähnlichem Programm. Also ein - sehen wir einmal von einer technischen Schwierigkeit ab, die einen Track unfreiwillig aus der Setlist kickte - ziemlich ähnliches, man könnte auch sagen verlässliches Erlebnis zwischen Dark Ambient, Drone, minimalistischer Neoklassik und gegen Ende aus scheinbar weiter Ferne herüberdröhnendem Black Metal.

Nach der etwas zu unterkühlt wirkenden Show vergangenen November schrieb ich zwar, dass ich mir "zukünftig irgendwie schon - entweder minimalistischer oder unter Hinzunahme eines weiteren Musikers - eine direktere, klanglich nähere, mehr auf die tatsächlich live gespielten Anteile fokussierte Darbietung wünschen" würde; diesmal gelang es mir allerdings, vielleicht durch den intimeren Rahmen, wieder deutlich besser, in die emotionale Tiefe der Musik hinabzutauchen. Schön.








JO QUAIL
Auch bei Jo Quail war vieles sehr vertraut: Das unverwechselbare elektrische Cello mit dem geschweißten Ständer inklusive JQ-Logo. Das achtzehnhundertirgendwann geborene, knorrige alte akustische Cello namens Ferdinand im Hintergrund, sowie die beiden illuminierten Metallflammenskulpturen, die den Rest der Bühne weniger leer erscheinen ließen.

Neu bzw. weitergewachsen war allerdings ein großer Teil ihres Programms mit Schwerpunkt auf dem letztjährigen Album "Notan", welches ich mir bei der Gelegenheit natürlich auch endlich ohne lästige  post-brexitäre Extrakosten mitnahm. Ein wunderschön gestaltetes Werk, das bei rechtzeitigerer Anschaffung vermutlich die Auswahl meiner 25 Lieblingsalben 2025 noch mehr erschwert hätte.

Die Musikerin brachte im schulterfreien Kleid klassische Eleganz in den Undergroundsiff der Location (psst Hafenklang Ultras, ich mach doch nur Spaß!), brachte mit ihren gewohnt leicht chaotischen Ansagen die Sympathien auf ihre Seite und verzauberte dazwischen natürlich den anständig gefüllten Raum mit ihrer auf instrumentaler Virtuosität, bildhaftem klanglichen Storytelling und meisterhaftem Looping basierenden, wunderbaren Musik.

Wie ihre Stücke sich allmählich durch vielzählige dröhnende, melodische und rhythmische Klänge zu orchestraler Wucht aufbauen, ist einfach ein Ereignis. Und zu sehen, wie sehr Jo mit ihren wilden, nie ganz kontrollierbaren Kompositionen verschmilzt, ist kein unerheblicher Teil des Erlebnisses. You've heard about drummer face or bass face? Vergiss die! Jo Quails Cello-Gesicht ist der real deal.
Insbesondere während der Stücke, die sie ganz ohne Effektschnickschnack akustisch spielte war einfach die pure Liebe zur Musik zu spüren, in ihrem filigranen, emotionalen Spiel, und wenn sie angesichts des Wohlklangs des altehrwürdigen Instruments spontane Freudenlaute nicht unterdrücken konnte.

Wer - wie sie in ihrer Zugabe - Bach mit solcher Leidenschaft zelebriert, der braucht eigentlich all das elekrische Loop- und Verzerrungsgedöns gar nicht, um zu scheinen. Aber es ist natürlich ein immens schmackhaftes Sahnehäubchen. Letztendlich ist Jo Quail - egal ob modern oder traditionell, ob mit Orchester oder solo - immer ein Garant für berührend faszinierende, fantastische Unterhaltung. Was für ein wunderbarer Abend!






2025-11-22

MONO und CORECASS live im Knust, Hamburg (16. November 2025)


Willkommen in der Komfortzone! Dieser Konzertbericht enthält keine Überraschungen... ok, eine kleine vielleicht... Wenn man zu Mono fährt, weiß man halt, was einen erwartet. Es sei denn, von der einen kleinen Überraschung hat man nicht wie ich schon vorher gehört...

Doch zunächst zum Opening Act, der mir auch bereits bekannt war und sich tatsächlich zu so einer Art jährlichen Tradition zu entwickeln scheint.





CORECASS
November 2023 als Support von Jo Quail. Oktober 2024 alleine im Hafenklang. Und nun stand Elinor Lüddes elekroakustisches Dark Ambient Neoclassical Post Gothic Drone-Projekt Corecass also wieder auf der Bühne, um Songs ihres Albums "Tar" zu spielen.

Im Vergleich zu den Studioversionen schlägt das Pendel zwischen Licht und Schatten live schon häufiger in die Dunkelheit. Das liegt nicht nur an dem gegenüber Piano, Harfe und Feengesang in der Wirkung doch dominanteren Dröhnelementen wie Orgel und Gitarre, sondern auch daran, dass das Duo fast immer von einem Teil der Musik als Backingtrack begleitet wird, der irgendwie eine seltsam unterkühlte Distanz schafft - insbesondere, wenn weit entfernt eine komplette post-schwarzmetallische Band zu spielen scheint.

Und so ist Corecass zwar musikalisch interessant und faszinierend, hat es aber trotz aller vorhandenen und auch angewendeten Mittel schwer, darüber hinaus Momente wirklich tiefer emotionaler Verbindung mit dem Publikum zu generieren. Ich mag es also an sich, würde mir aber zukünftig irgendwie schon - entweder minimalistischer oder unter Hinzunahme eines weiteren Musikers - eine direktere, klanglich nähere, mehr auf die tatsächlich live gespielten Anteile fokussierte Darbietung wünschen.  







MONO
Danach standen bald Mono auf der Bühne. Ja, standen, denn neuerdings gibt es tatsächlich keine Hocker mehr auf den beiden Gitarristenplätzen. Wenn Takaakira oder Yoda also nicht auf dem Boden über ihren Effektboards knien, stehen sie nun während der gesamten Show. Na und? Das erscheint natürlich im rockmusikalischen Gesamtzusammenhang unbedeutend, doch wenn eine Post Rock-Institution wie das japanische Quartet nach Jahrzehnten seine schon zum Markenzeichen gewordenen Gewohnheiten ändert, hat das aus Sicht eines Fans schon eine psychologische Wirkung. Da vermeint man schon, eine zwingendere Energie zu spüren - als ob das bei der Lautstärke und den unendlich emotionsgeladenen Instrumentalkompositionen der Band überhaupt nötig sein könnte. Trotzdem natürlich ein Plus für die Performance.

Abgesehen vom Stehen war die Auftellung natürlich wie gewohnt: zwei Gitarren, Tamaki am Bass und Dahm am Schlagzeug, dazu für den Einsatz in jeweils einem Song Klavier und Glockenspiele.
Das reguläre Set bestand zur Hälfte aus Stücken das aktuellen Albums "Oath", die die Show auch einrahmten. Dazu waren noch die beiden vorigen Alben vertreten, wobei gerade der lange, mit seinem ungeraden Takt Spannung zurückhaltende Auftakt von "Innocence" einen Gegenpol zum sofort intuitiv verständlichen Großteil des Programms darstellte.

Insgesamt war es wieder ein dynamischer Rausch vom sanften Säuseln der Blüten im Windhauch bis zur reinigenden Apokalypse in Erdbeben und Vulkaneruption. Zwischen Stücken wie "Sorrow" oder "Time Goes By" wäre es hier im Grunde unmöglich, einzelne Highlights hervorzuheben - ja, wenn zu diesem Zweck nicht schon zwei Plätze in der Setlist für das Klassikeralbum "Hymn To The Wind" reserviert gewesen wären. Denn "Pure As Snow" und "Ashes In The Snow" sind einfach immer wieder Ereignisse, welche einem den Film eines gesamten Lebens vor dem inneren Auge abspielen. Das war an diesem Abend im Knust natürlich nicht anders.

Epochal vom Licht in die Düsternis eintauchend verabschiedeten Mono das Publikum mit "Recoil, Ignite" von "Rays Of Darkness" - und ich staune gerade, dass ich die Band erst seit Veröffentlichung dieses Albums vor elf Jahren kenne. Aber wer will einem angesichts derart gewaltiger Post-Rock-Macht verdenken, dass man sein Zeitgefühl verliert?

Auch wenn dieser Zustand für Mono natürlich a day in the office ist: Diese Show war wieder einmal vollkommen überwältigend!








2024-10-15

CORECASS live im Hafenklang, Hamburg (13. Oktober 2024) / CORECASS - Tar


Mensch, was bin ich trotz immer wieder interessantem Programm lange nicht mehr im Hafenklang gewesen!
Letztes Jahr Ende November war es, es spielten Jo Quail und... oh... Corecass. Das ist ja praktisch! Da kann ich meinen kleinen Bericht ja einfach copypasten.

Ach nee, schade, geht nicht. Diesmal wurde ja nicht unten im großen Raum gespielt, sondern oben im Goldenen Salon. Und wenn das schon nicht übereinstimmt...
Dabei war die Präsentation am Sonntag durchaus ähnlich, als Elinor Lüdde in Gänze das neue Album ihres Projekts vorstellte, welches man auf dieser Release-Show auch schon vorab am Merch abgreifen konnte.

Und damit unterbreche ich diesen Konzertbericht auch schon für ein kleines Review im Review:



CORECASS - Tar (Gold Spot Blue Splattered Ultra Clear vinyl LP) (2024)

Schon auf der 2020er EP "V o i d", die ich mir auf dem letzten Konzert mitgenommen hatte, war dieses Eine-Damen-Projekt schwer eindeutig zu klassifizieren. Und auf dem neuen Album macht die Multiinstrumentalistin und Sängerin mir diese Übung nicht einfacher, da die Trajektorie ähnlich ist, allerdings diesmal noch etwas gereifter und stilistisch umfangreicher daherkommt.

Aber zum Glück verlangt ja niemand eine eindeutige Zuordnung, also darf, um die (auch bei mir) beliebte billige Ausflucht "Experimental" zu vermeiden, fröhlich aufgezählt werden:
Vom Fluss und den dominantesten Klängen her lässt sich die Basis von Corecass' Sound in Neoklassik und Dark Ambient verorten. Viel Klavier, Orgel, Harfe, Streicher (bzw. streicherartige Synthesizer), der Gesang, wenn er stattfindet oft wie eine mystische Textur in einem weiten sakralen Raum.

Anna von Hausswolff, Kali Malone und Jóhann Jóhannsson kamen mir dazu schon vor einem Jahr in den Sinn und finden sich auch auf "TAR" wieder. Naheliegend ist auch der Vergleich zu den letzten Veröffentlichungen von - Überraschung - Jo Quail. Nicht nur kompositorisch verbergen sich in diesen überwiegend aktives Zuhören einfordernden Stücken nämlich ebenso metal-entlehnte Elemente. Nein, manchmal wird dies auch ganz offen mit Drums und Gitarren offenbar, in "Disrupt" sogar mit passendem Gebrüll von Ercüment Casalar. Und gerade dieser Einsatz von Gastgesang kam mir sofort sehr vertraut vor.

Während instrumental bis auf die Trompete alles komplett von Elinor Lüdde eingespielt wurde, gibt es gesanglich noch ein paar Fremdgesänge mehr. So hören wir auf "Sørunej" ihr Schwester Barbara. Kollaborativ am weitesten geht jedoch "Glijd Me", auf dem reichlich spoken words und fiesem Geschrei Colin H. van Eeckhout von Amenra nicht nur einfach seine Stimme leiht, sondern auch den Songtext beigesteuert hat.

Das Konzept des Albums kann ich hier nach so kurzer Zeit natürlich nicht entschlüsseln, aber ich spüre ganz diffus umschrieben durchaus einen Faden, der sich durch dieses dunkelschöne Contemporary Gothic-Werk zieht. Ein atmosphärisch dichtes Album für die Weltflucht zur späten Abendstunde, während nur sanftes warmes Kerzenflackern durch die geschlossenen Lider an die Augen dringt.

Wenn man die LP schon vor offiziellem Erscheinen von der Quelle schöpfen kann, dann nimmt man sich natürlich tendentiell schon gerne die limitierteste Version mit, was in diesem Fall blaue und goldene Farbklekserei auf dem transparenten Vinyl bedeutet und auch einigermaßen passt. Also warum nicht? Noch schicker finde ich allerdings das restliche Layout inklusive festem Textblatt und sehr stimmiger Coverfotografie.     

Diese schöne Platte mitzunehmen war - neben dem sehr viel günstigeren Eintritt - auf jeden Fall auch ein Argument gewesen, mich an diesem Sonntag immer noch sehr schweren Herzens für den Auftritt von Corecass und gegen Lili Refrain, die im Bahnhof Pauli als Supportact auftrat, zu entscheiden. Im Moment sind diese Konzertclashs aber auch ständig brutal... Aber hey, ich bin nun ja schon wieder im Konzertreview-Modus, also bitte zum Weiterlesen etwas nach unten scrollen!





Wie wurde "TAR" nun live umgesetzt?

Also, im Prinzip, wie ich eingangs schon sagte, ähnlich wie beim Auftritt voriges Jahr.
Elinor konnte natürlich nicht alles live darbieten, also konzentrierte sie sich neben dem Gesang auf die Klavier-, Orgel- und Harfenparts und hatte als entscheidenden Unterschied wieder einen Bassisten/Gitarristen (bediente auch weitere Elektronik und Pedale) dabei, wodurch sich das Gewicht dieser Elemente schon deutlich in rock-peripherere Richtung verschob.

Was dann noch fehlte wurde in Sampleform nachgereicht, auch die gelegentlichen Schlagzeugeinsätze. Das war jetzt nicht so explosiv, wie ein halbes Dutzend echter Musiker dafür abzustellen, funktierte hier im Kontext aber durchaus gut. Die Narration von van Eeckhout wurde, wenn ich mich recht erinnere auch gesampelt, die restlichen Gastgesänge inklusive beinahe schwarzmetallischem, aggressiveren Geschrei übernahm die Künstlerin aber sehr kompentent und wirkungsvoll selbst.

Corecass ist wie die meisten vergleichbaren Multitasking-Projekte kein Livespektakel, bei dem neben der Musik viel passiert. Das kann, will und muss es ja auch nicht sein. Trotzdem wäre es sicherlich interessant und könnte die traumhafte Wirkung noch weiter steigern, wenn die ohnehin sehr filmscore-taugliche Musik noch durch passende Projektionen unterstützt würde.

Doch auch so war es eine wunderbar entrückende Albumpremiere. Und ich konnte kaum fassen, wie früh es danach noch war! Beginn neunzehn Uhr ist schon Frühschoppen, wenn es keinen Supportact gibt.

Aber gar nicht doof für mich, denn schon am nächsten Abend stand gestern ja schon die nächste Fahrt nach Hamburg an. Der Browsertab, in dem Du dies liest, kann also gerne weiter geöffnet bleiben. Und ich tippe gleich weiter... also bis dann!