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2013-03-27

BONGRIPPER - Live at Roadburn 2012

Es war Sonntagabend, der vierte Tag des Roadburn Festivals 2012, der Hauptsaal des 013 war proppevoll. Die Band hatte vorher schon einen Auftritt hingelegt, ihren allerersten in Europa, bei dem ich leider noch nicht zugegen gewesen war.
Doch diese zweite Show war mir schon Offenbarung genug. Bongripper spielten ihr komplettes Album "Satan Worshipping Doom", welches sinnigerweise aus den vier Longtracks "Hail", "Satan", "Worship" und "Doom" besteht. Die Musik ist rein instrumentaler, böser, ranziger Doom Metal. Der Albumtitel ist sozusagen Programm. Großartiges Album, sehr feines Konzert!

Und nun gibt es diese Perle zusammen mit dem ersten Auftritt als Doppel-CD.



BONGRIPPER - Live at Roadburn 2012 (2013)

Bongripper lassen die pure Macht des Riffs für sich sprechen und halten ansonsten die Klappe. In diesem Geiste kann und will hier auch nicht unnötig viele Worte verlieren.

Wer auf konsequenten tiefen, harten Krachdoom steht und gerne rätselt, ob gerade der Speaker der eigenen Anlage oder das Arbeitsgerät des Bassisten kaputt gegangen ist, der kann gar nicht besser bedient werden!

Als kleines Manko könnte man höchstens zählen, dass der Zwanzigminüter "Worship" doppelt vertreten ist. Anderseits ist das Stück aber auch sehr geil und ein Highlight beider Sets. Warum also nicht?
Nein, bei einer Instrumentalgruppe mit Songtiteln wie "Fisting" oder "Sex Tape" kann man eigentlich schon prinzipiell nichts kritisieren.

Fazit: "Live at Roadburn 2012" brummrockt ganz famos und wird sicherlich schnell zum gefragten Liebhaberstück avancieren. 130 Minuten Doooooom zum Genießen!

Anspieltipps: Worship, Hate Ashbury, The Great Barrier Reefer (Segment)

2013-03-25

YOUN SUN NAH - Lento

Schnauze auf den billigen Plätzen!
Hier spricht der Jazzperte!

Ich weiß quasi alles über Jazz, schließlich habe ich mich schon ab und zu bei Konzerten im Fernsehen festgekuckt. Außerdem mag ich das extreme Advantgardezeugs von John Zorn, wie z.B. Naked City oder PainKiller - und aus dem Fusionbereich den Jazzrock von Colosseum und Mahavishnu Orchestra - und die krautigeren Niagara und Passport - und den Jazz-Metal von Exivious. Und Helge Schneider sowieso.

Und dann habe ich ja auch noch diese großartige La Discotheque Ideale-Box mit 25 Album-Klassikern von Künstlern wie Sarah Vaughan, Art Tatum, Jaco Pistorius und  Herbie Hancock, in der ich immer noch viele Schätze entdecke, bei der mich allerdings auch ein wenig ernüchtert hat, wie ewig lange diese Musik im 4/4-Takt festhing, ehe Befreier wie Dave Brubeck zur Tat schritten...

Soweit der Überblick. Wie ihr Ahnungslosen seht, bin ich also Fachmann durch und durch.

Ich rieche, schmecke und atme Jazz.

Kein Wunder also, dass ich neulich im Jazzperten-Fachblatt Spiegel Online auf den Stream des neuen Albums einer in Paris lebenden Koreanerin gestoßen bin, welches mir so gut gefiel, dass ich umgehend in mein Jazzman-Kostüm geschlüpft bin und mit dem Jazzmobil das nächste amazon-Lager zerstört, alle Sklaven befreit und mir ein Exemplar erplündert habe.



YOUN SUN NAH - Lento (2013)

Besengewische, walking Kontrabass, Klavier *klimperklimper*, Trompete *trööt*... Davon ist Youn Sun Nah Welten entfernt.

Ehrlich gesagt kann man bei einigen Tracks auf "Lento" sogar die berechtigte Frage stellen, ob es sich hier überhaupt um Jazz handelt. Zumal hier z.B. auch koreanische Folklore ("Arirang") oder ein Cover der Johnny Cash-Version des Nine Inch Nails-Songs "Hurt" zu hören sind.

Beim Scat von "Momento Magico" hingegen ist die Frage überflüssig. Und für mich persönlich ist sie - egal, wie man sie beantworten möchte -  einfach insgesamt nicht von Belang. Gut ist einfach gut.

Fakt ist, dass es sich bei Youn Sun Nah um eine hervorragend ausgebildete, extrem vielseitige und ausdrucksstarke Sängerin handelt, die nicht nur bei sehr ruhigen, spartisch instrumentierten Stücken glänzt, sondern auch in ihren überraschend energischen aber niemals geknödelten Ausbrüchen stets die volle Kontrolle über ihre Stimmbänder behält.

Bis auf wenige Ausnahmen wie "Lament" oder das böse "Ghost Riders In The Sky" ist "Lento" überwiegend ein eher ruhiges, aber deswegen nicht weniger spannendes Album, welches auf jeden Fall auch außerhalb elitärer Jazzpolizeizirkel seine Hörer verdient hat. Wer mit offenen Ohren durch die Welt geht, sollte auch ohne entsprechende Sozialisation mal mindestens eines davon riskieren.

Mich packt Youn Sun Nah hier beispielsweise weit mehr als das etwas zu verkonzeptionalisierte verkopfte letzte Album von Björk.

Aber wie gesagt - ich bin ja auch Jazzperte durch und durch.


Anspieltipps: Ghost Riders In The Sky, Momento Magico, Lament

2013-03-16

DAVID BOWIE - The Next Day

Bäm! Plötzlich war da ohne jene Vorwarnung - wie aus dem Nichts - ein Lebenszeichen!

Ganz großer Feueralarm im Feuilleton. Die Buchstabensuppe wurde intravenös injiziert, die Archive vorbereiteter Nachrufe geplündert und sich hemmungslos in Ekstase geschwafelt. Keine Frage, zu diesem popkulturellen Paukenschlag galt es nun, sich auf jede erdenkliche Weise intellektuell zu positionieren, Brücken zwischen dem hier und damals zu schlagen, das Gesamtkunstwerk, seine Bedeutung für Mode und Zeitgeist neu zu bewerten und natürlich, die brennende Frage nach seiner aktuellen Relevanz zu stellen.

Was war geschehen?

In einer Zeit, in der jeder Stuhlgang Philipp Röslers von einem Spiegel-Liveticker begleitet wird, hat der große David Bowie, von dem man seltsamerweise zuletzt hörte, als er nicht bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele in London auftrat, es tatsächlich geschafft, über viele Monate klammheimlich ein komplettes neues Album einzuspielen!

Am neulich schon von mir erwähnten 8. Januar, seinem Geburtstag, tauchte dann plötzlich das Video zu "Where Are We Now?" auf, ein sehr schwermütiger Song, in dem er die Stätte einer seiner kreativsten Phasen besingt, das Dorf Reher, in dem auch ich zu Hause bin. Auf deutsch erinnert er an die zwei nicht mehr vorhandenen Kneipen, den A&O- und den Bona-Markt, sowie die alte Bushaltestelle gegenüber der neuen Sparkasse. Kein Wunder, dass die hiesige Hörer- und Schreiberschaft kollektiv ausrasten musste, bis auf einige, die angesichts der melancholischen Schwermut etwas besorgt waren, dass es dem neuen Bowie an Dampf mangeln könnte.

Dass er sich beim Cover zum Album um schon mehr als eine bloße Reminiszenz an die Reher-Tage handelte, machte den Verdacht wahrlich nicht kleiner... Der zweite bekannte Song "The Stars (Are Out Tonight)" kam dann aber ganz anders daher, so dass den meisten Bowie-Fans wohl klar wurde, dass man sich vom gesamten Spektrum auf "The Next Day" besser ein eigenes Bild machen sollte.

   

DAVID BOWIE - The Next Day (2013)

Es ist wirklich ein sehr abwechslungsreiches Album geworden, auf dem jeder der 17 Tracks seinen eigenen Charakter hat. Natürlich gibt es dabei weitere Anklänge an die Vergangenheit, sonst wäre das genial plumpe Cover ja auch ziemlich deplaziert. Gleichzeitig ist es trotz Elementen wie dem Achtziger-Saxophon in "Dirty Boys" und "Boss of Me" kompositorisch aber keine reine Ü40-Veranstaltung, sondern in guter Bowie-Tradition mit modernem Sound zeitlos gut.

Im Zentrum des instrumentalen Geschehens stehen dabei fast immer die Saiteninstrumente, deren Bedienung sich mehrere alte Weggefährten teilen. Was kann z.B. schon groß schiefgehen, wenn sich Bowies engster Kompositionspartner Tony Visconti, sowie Tony Levin und seine großartige Live-Bassistin und Backgroundsängerin Gail Ann Dorsey die tiefen Saiten teilen? Genau, nichts.

Und dann ist da natürlich der Meister selbst. Welche Rolle er in den Siebzigern in was für einem Kostüm gespielt hat, war für mich schon immer nur Randnotiz. Ich bin da eher der Musik-Purist, so dass ich mich an der Überinterpretation und Sezierung des Künstlers David Bowie nicht beteiligen möchte.
Was ich weiß ist, dass er selbstverständlich ein Charismat vor dem Musikgott ist, eine unfassbar einzigartige Stimme hat und seine Lieder oft mit einer ganz eigenen, teilweise ironisch anmutenden Distanz singt, die ich unglaublich faszinierend finde. Auf "The Next Day" enttäuscht er in keinem dieser Punkte. Und sein Jahrgang 1947 ist ihm dabei nur sehr selten anzuhören, und zwar nur genau dann, wenn er es bewusst darauf anlegt.

"The Next Day" ist von vorne bis hinten eine energiegeladene, spannende Angelegenheit ohne Füllmaterial, welche tatsächlich neben dem optisch zitierten Reher-Klassiker "Heroes" bestehen kann.
Das einzige Haar in der Suppe, welches ich mit Lupe finden kann ist die durchgehend radiofreundliche Songlänge. Gerade den ganz und gar radiounfreundlichen Prog-Irrwitz meines persönlichen Lieblings "If You Can See Me" hätte man doch noch sooo viel konsequenter auskosten können... Das war's dann aber auch schon.

Nachdem ich mich ja schon frühzeitig auf Voivods "Target Earth" als Metal-Album des Jahres 2013 festgelegt habe, wage ich ich hier einfach mal ähnliches und erkläre David Bowies "The Next Day" hiermit zum besten internationalen Top-1-Album des Jahres.

Bäm!

Anspieltipps: If You Can See Me, How Does The Grass Grow?, The Stars (Are Out Tonight), Heat, Love Is Lost, Where Are We Now?

DIE ÄRZTE - Waldspaziergang mit Folgen / Sohn der Leere

Bäm! Plötzlich war da ohne jene Vorwarnung - wie aus dem Nichts - ein Lebenszeichen!

Ganz großer Feueralarm im Feuilleton. Die Buchstabensuppe wurde intravenös injiziert, die Archive vorbereiteter Nachrufe geplündert und sich hemmungslos in Ekstase geschwafelt. Keine Frage, zu diesem popkulturellen Paukenschlag galt es nun, sich auf jede erdenkliche Weise intellektuell zu positionieren, Brücken zwischen dem hier und damals zu schlagen, das Gesamtkunstwerk, seine Bedeutung für Mode und Zeitgeist neu zu bewerten und natürlich, die brennende Frage nach - Halt! Stopp!

Sorry, die Einleitung gehört natürlich zu meinem noch unfertigen Review des neuen Albums von David Bowie.


DIE ÄRZTE - Waldspaziergang mit Folgen / Sohn der Leere (2013)

Die aktuelle, nach der Laternen-Joe-Splitsingle vierte Auskopplung aus dem Die Ärzte-Longplayer "auch" ist hingegen keine große Überraschung, sieht aber mit ihrem Doppelcover de Luxe mal wieder geil aus und gehört deswegen schon mit in die Sammlung.

Die beiden Titelsongs von Farin und Rod sind logischerweise schon vom Album bekannt, die beiden anderthalb Neuinterpretationen "Waldspaziergang mit Gott" und "Lohn der Lehre" sind von Bela B. im Alleingang zu verantworten. Was eigentlich schon alles sagt.

Dazu gibt es für alle, die noch nicht dieses neumodische Interweb am Kompjuter haben noch zwei Musikvideos.

Man könnte also unter Umständen durchaus sagen, dass man tatsächlich auch als Fan diese Veröffentlichung eventuell nicht ganz wirklich braucht. 

Aber möchte ich dafür verantwortlich sein, wenn im millionenschweren Luxusloft von Farin Urlaubs Putzhilfe der doppeltürige Kaviarkühlschrank in der Bernsteinküche nicht prall gefüllt ist? Wehe mir!

In diesem Sinne: Lasst euch von den Punkrocktitanen ausbeuten!
Ruhm, Reichtum und Macht für Die Ärzte!

Anspieltipps: Sohn der Leere, Lohn der Lehre

2013-03-06

VOIVOD - Target Earth (Limited Edition Box Set)

Klammern wir Willy Millowitsch, Elvis Presley und die Sesamstraße an dieser Stelle einfach mal aus.

Vor knapp zwei Monaten, Am 8. Januar feierten sie vor allem im Weltraum Geburtstag:

Stephen Hawking, David Bowie - und natürlich die legendären Voivod!

VOIVOD : Away, Chewy, Blacky, Snake










































Tatsächlich wurden Voivod stolze 30 Jahre alt, was angesichts der wechselvollen Geschichte dieser Band ja schon als kleines Wunder gelten darf. Auf der einen Seite stand immer der durch ihren einzigartigen Sound schon früh erspielte weltweite Kultstatus, auf der anderen nicht nur die personelle Zerfaserung, nachdem sich in den Neunzigern gleich zwei Gründungsmitglieder (vorübergehend) aus der Gruppe verabschiedeten, sondern vor allem zwei schwere Schicksalsschläge: der schwere Tourbusunfall auf dem Weg zum Wacken Open Air 1998, der für den damaligen Frontmann Eric Forrest in ein neunmonatiges Koma mündete und natürlich der Tod von Denis "Piggy" D'Amour, der im August 2005 dem Darmkrebs erlag.

Angesichts dieses menschlichen Verlustes, aber auch wegen der essentiellen Rolle seines einzigartigen Gitarrenstiles für den Sound von Voivod, hätte demnächst wohl kaum jemand bezweifelt, dass das Ende der Band gekommen war.
Es ging aber auf sehr unkonventionelle Weise weiter, denn Piggy hatte ihnen auf seinem Homerecording-Laptop Material für zwei weitere Studioalben ("Katorz" und "Infini") hinterlassen.

Und so gab ab 2008 tatsächlich sogar zwei verschiedene Versionen von Voivod, welche parallel existierten (und wenn man die Bebilderung von Voivod-Artikeln im Internet betrachtet, für eine bis heute andauernde Verwirrung sorgten): Im Studio vollendeten Michel "Away" Langevin und Denis "Snake" Belanger zusammen mit Ex-Metallica-Bassist Jason Newsted die beiden posthumen Piggy-Alben.

Das zunächst nur für ein paar Festivals angedachte Live-Lineup jedoch bestand neben dem Original-Schlagzeuger und -sänger aus dem nun ebenfalls zur Band zurückgekehrten Jean-Yves "Blacky" Theriault und dem durch Piggy zum Gitarrespielen inspirierten Dan "Chewy" Mongrain, der die unmögliche Aufgabe, in die Fußstapfen seines Idols zu treten, seitdem mit Bravour meistert.

Es sind dann ja doch zum Glück doch ein paar Konzerte geworden, so habe ich persönlich Voivod seit 2010 in Wacken, Zürich, zweimal in Tilburg und zuletzt in Hamburg erleben dürfen.

Im April 2011 hörte ich mit "Kaleidos" den ersten neu komponierten Song der Band, und seitdem war meine Vorfreude auf dieses Album ungebrochen. Und - soviel sei verraten - ich wurde nicht enttäuscht!



VOIVOD - Target Earth (Ltd. Edition Box Set) (2012)

Das selbstverständlich wie immer von Away gestaltete Cover des Albums (bzw. in meinem Fall der auf tausend Exemplare limitierten Box) sieht nicht nur geiler aus als 99 Prozent der üblichen Metal-Cover, sondern verrät auch schon ganz subtil etwas über den musikalischen Inhalt. Man beachte die Farben und vergleiche sie mit allen Voivod-Covern der Vergangenheit! Sämtliche dominierenden Farben wurden hier nämlich aufgegriffen, ganz so wie es auch musikalisch Anklänge an alle noch so verschiedenen Phasen der Bandgeschichte zu hören gibt.

Dies geschieht allerdings keinesfalls in krampfhaft konstruierter Form, sondern ist vielmehr logische Konsequenz dessen, was Voivod in den letzten Jahren auf und abseits der Bühne getrieben haben. Zunächst einmal ist natürlich die Rückkehr Blackys und seines unverwechselbaren "Blower Bass"-Sounds entscheidend. Seine letzten Studioaktivitäten mit der Band waren ja die Prog/Thrash-Meisterwerke "Dimension Hatröss", "Nothingface" und das damals umstrittene und heute umso beliebtere Spacerockalbum "Angel Rat".

Sein Mit-Saitenhexer Chewy hat sich auch sehr intensiv mit der Spätachtziger-Phase auseinandergesetzt, indem er Gitarrenbücher zu "Killing Technology" und "Dimension Hatröss" veröffentlicht hat. Und "Hatröss" wurde 2012 ja schließlich auch komplett live aufgeführt...
Nebenbei haben Voivod aber auch die Songs von "Negatron" und "Phobos" geübt und teilweise live gespielt. Für drei Viertel der Band waren diese ja quasi Coversongs, zumal von der Trio-Besetzung der neunziger Jahre nur Away übrig geblieben ist.

Einige Live-Klassiker der Frühphase waren ja sowieso nie ganz weg, und so kam gewissermaßen die komplette Bandgeschichte mit ins Studio.

Gleich beim Opener und Titeltrack hat man das Gefühl, Snake (auf dem ganzen Album mit der für mich besten Gesangsperformance seit "The Outer Limits") würde im Duett mit dem manisch schreienden Eric Forrest singen.
Musikalisch hält sich der Track ebenso wie zum Beispiel "Mechanical Mind" hingegen eher an das wilde Kombinieren unzähliger Parts im Stile von "Dimension Hatröss", während "Kaleidos" - noch irrwitziger, aber dafür auch noch lockerer aus dem Ärmel geschüttelt - schon eher in der "Nothingface"/"Angel Rat"-Phase zu verorten ist.
Primitiver geht es im erstmals französischsprachigen Thrasher "Corps Etranger" und dem für Voivod-Verhältnisse sehr gradliniegen "Kluskap O'Kom" (inkl. Shouting-Refrain) zu. Das eingängigste Stück ist jedoch der am Ende doch noch überraschend fiese Grooverocker "Resistance", welcher kaum an die Achtziger, sondern vielmehr an die 2000er Jahre der Band erinnert.

Bei all den Referenzen ist "Target Earth" aber auch über die gesamte Laufzeit ein für sich stehendes Werk, welches sich keineswegs in nostalgischer Zeitreise genügt, sondern vor allem nach vorne schaut. Dafür sorgt nicht zuletzt Chewy, der sich erfreulicherweise nicht damit begnügt, Piggys Stil zu imitieren, sondern auch viele neue Nuancen in den Voivod-Sound hineinträgt. Technisch kann dem sowohl im technischen Death Metal, als auch Jazz und Pop geschulten Gitarrenlehrer, der neuerdings nebenbei auch noch als Coach für eine Michael Jackson-Show arbeitet, ohnehin niemand etwas vormachen.

Die Songs sind allesamt so großartig, dass ich unter "Anspieltipps" eigentlich das komplette Album nennen müsste. Oder um es anders auszudrücken und das Fazit vorwegzunehmen:

2013 wird für den Metal ein ganz hartes Jahr, denn Voivod haben mit "Target Earth" bereits im Januar das Metal-Album des Jahres rausgebracht. Mehr wird da nicht nicht kommen, das geht einfach nicht!


Einen einzigen Kritikpunkt gibt es allerdings schon. Der letzte, äußerst vielversprechend beginnende Song "Defiance" wird nämlich nach anderthalb Minuten plötzlich ausgeblendet!
Das Ganze ist natürlich eine fiese Hommage an Venoms Rumpel-Klassiker "Black Metal", an dessen Ende es ebenfalls schon eine Vorschau auf das Nachfolgewerk "At War With Satan" gab.

Als Ausgleich zu diesem gemeinen Teaser enthält die Digipack-Version der CD dann aber noch zwei Live-Bonustracks vom Roadburn Festival 2012, nämlich den Titelsong und das Die Kreuzen-Cover "Man In The Trees" mit Gastsänger Dan Kubinski.




Die Box enthält zudem noch die den Gesamtpreis schon rechtfertigende, zuvor nur als LP von Roadburn Records erhältliche Liveaufnahme vom Roadburn 2011, deren Tracklisting natürlich viele Übereinstimmungen mit "Warriors Of Ice" zeigt.
Mit "Experiment" und dem besonderen Highlight den zu der Zeit erstmals von Snake gesungenen "Phobos"-Track "Forlorn" gibt es aber auch ein paar Abweichungen. Auf jeden Fall für sich schon ein lohnender Silberling!

Ansonsten gibt die Box noch diverse Aufkleber, Postkarten, ein Poster und einen Gürtel, der für meinem Körperumfang zwar schon nicht mehr wirklich gemacht ist, für besondere Anlässe aber schon taugt und von daher ein sinnvolleres Extra ist als das Einheitsgrößen-T-Shirt in der "Unplugged II"-Box der Fantastischen Vier. ;)


Sagte ich schon, dass der Rest der Metal-Welt für dieses Jahr einpacken kann?

"Target Earth" = das Pflichtalbum 2013. So weit möchte ich mich jetzt schon festlegen.


Anspieltipps: Kaleidos, Target Earth, Resistance, Mechanical Mind

2013-02-26

NEAL MORSE und THE FLOWER KINGS live in der Markthalle, Hamburg (25.02.2013)

Die Tatsache, dass ich mich gerade in der Abschiedsphase vom alten Auto befinde und der Tankfüllstand noch relativ viel hergibt, hat sicherlich bei der Entscheidung geholfen, mir noch kurzfristig ein Ticket für die gestrige Retroprogvollbedienung in der Hamburger Markthalle zu besorgen. So gesehen möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich bei der alten Rostlaube bedanken!

Das Konzert begann früh. Bereits um halb acht starteten die Flower Kings ihr 90minütiges Set. Auch wenn sich meine Songkenntnis auf den immerhin schon einen großen Happen der Spielzeit einnehmenden Klassiker "The Truth Will Set You Free" beschränkte, wusste mich die komplette Show der schwedischen Frickelhippies um  Roine Stolt doch sehr gut zu unterhalten.
Insbesondere mochte ich an der Band ja schon immer die sehr eigenen, jazzig beschwingten und oftmals knapp am vermeintlichen Chaos vorbeischrammenden Schlagzeugarrangements, die vom deutschen Drummer Felix Lehrmann auch einwandfrei umgesetzt wurden. Bei einer Referenzliste, die neben Yvonne Catterfield, Jeanette Biedermann, Michelle Hunziker (die singt?) und diversen Castingshowgewinnern wie z.B. Tobias Regner oder Lena Meyer-Landruth sogar den Schlagerbarden Bernhard Brink einschließt, hätte ich jetzt nicht zwingend mit den Flower Kings gerechnet...


Weiter ging es mit Neal Morse, der mal wieder eine vorzügliche Band mit sich führte, die sowohl in symphonischen und gefühlvollen Teilen, als auch gesanglich und bei total fiesekrankem Gehexe wie "Thoughts, Part 5" oder "Author of Confusion" keine Wünsche offen ließ. Professioneller, aber gleichzeitig spielfreudiger und unterhaltsamer kann man Progrock gar nicht darbieten!
Man kann von seiner aus Ottonormalatheistensicht befremdlichen Religiosität vielleicht irritiert sein, aber an diesem Abend war vom Prediger eigentlich nichts zu spüren, und in erster Linie ist Neal Morse einfach ein erstklassiker Musiker, Komponist und Entertainer, der seine Musik lebt und dabei unglaublich viel Energie und gute Laune versprüht. Besonders witzig der Teil in der "Question Mark Suite", in dem er ins Publikum gestiegen ist und einzelne Fans beim Singen mit Umarmungen überfallen hat.

Zwei Bandmitglieder (Gitarre + Gesang, sowie Gitarre, Gesang + Keyboards) waren übrigens erstaunlicherweise per YouTube gecastet worden, während hinten bewährtes Stammpersonal inklusive Randy George und Mike Portnoy für Sicherheit sorgte. Der ehemalige Dream Theater- und nun Zwanzig-Projekte-parallel-Drummer gefällt mir übrigens im Zusammenspiel mit Morse stilistisch vielleicht am besten. Die Sachen, die er auf dessen Soloscheiben und bei Transatlantic trommelt, sind einfach stets sehr geschmackvoll.
Überhaupt scheint das aktuelle NM-Album "Momentum" ja tatsächlich ein ausgesprochen gelungenes Werk zu sein, bei dem der Macher aus seiner ja doch immer vorhandenen Songwritingformel sehr viel herausgeholt hat. Zumindest das dazugehörige Live-Album muss ich nach diesem Konzert unbedingt haben!


Aber wo ich gerade Transatlantic erwähnt habe: mit Neal Morse, Mike Portnoy und Roine Stolt waren doch drei Viertel der Prog-Supergroup, die zuletzt im Mai 2010 hier gastiert hatte, anwesend.
Wäre es da nicht naheliegend... natürlich!

Nach anderthalb Stunden Neal Morse gab es tatsächlich am Ende noch einen halbstündigen Transatlantic-Jam als Zugabe, bei dem zunächst nur zwei Leute auf der Bühne standen ("Bridge Across Forever"), ehe für ein Medley aus Stücken aller drei Studioalben zunächst Mike Portnoy und der Bassist der Flower Kings, später dann aber (fast) alle Musiker des Abends dazukamen, bis beim großen "Stranger In Your Soul"-Finale, tatsäch Bass und Bass Pedals, sowie drei Leadgitarren den epischen Höhepunkt und Endpunkt eines langen, aber kurzweiligen Progabends to remember zelebrierten. Gänsehaut!


Und um den Abend für mich persönlich noch erinnernswerter zu machen (nicht das das nötig gewesen wäre!), gab's im Anschluss dann noch diese kleine Begebenheit mit dem scheinbar aus dem nichts aufgetauchten Polizisten an meinem Auto, aber die kennen meine facebook-Freunde ja schon. ;)

2013-02-24

Warum ich alle Kommentare hier auf Blogger manuell freischalte

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Und das war jetzt nur, was bisher im Februar eingegangen ist.


2013-02-20

Hallo Februar!

Ich wollte nur mal Moin! sagen, bevor Du vorbei bist und ich möglicherweise hier nichts getan habe.

Demnächst sollte sich die kleine Blog-Winterpause aber ihrem Ende zuneigen. So will ich zumindest zu ein paar meiner neuesten Kameraspielzeuge noch etwas schreiben, und auch mit Musikrezensionen geht es bald weiter.

Außerdem, liebes Internettagebuch, habe ich heute mal ganz was Neues getan, nämlich ein Telefoninterview zu meinem Superstarfotografendasein geführt!  Mehr dazu demnächst nach Erscheinen!

2013-01-27

Legenden der Meierei

Lang ist's her, dass wir in Kiel - und insbesondere in der guten Alten Meierei - gespielt haben.


Umso mehr haben wir uns gefreut, dass unsere Fan-Legende Achim uns eingeladen hatte, ihm zusammen mit Forecast und SpaceKlotz am Freitag (25. Januar) ein paar Ständchen zum Geburtstag zu bringen. Letztere wurden auf der Meierei-Homepage übrigens als "Blueschamäleon" angekündigt, Das Rote Universum als "Rocklegende aus Reher". Da zeigt jemand musikalische Kompetenz! Sehr geil!

weiterlesen HIER im Roten Logbuch!




2013-01-01

Jahresrückblick Fotografie 2012

Heute werde ich dann wohl mal ein Bild in die flickr-Gruppe "Dein bestes Bild 2012" einstellen. Allein, mich erstmal zu entscheiden...

Ginge es nach der Internet-Beliebtheit, dann wäre es ein ganz klarer Fall, denn selten ist ein Foto so schnell in die Top-Ränge der Statistik aufgestiegen wie meine mit der Kiev 88 aufgenomme Fisheyeaufnahme des berühmt berüchtigten Sprinkenhofs. Im Grunde braucht dafür aber auch nur ein Affe die Kamera ruhig halten, den Rest macht das Motiv von alleine. Auch wenn es durchaus eine ansprechende Ansicht einer an sich totgeknipsten Immobilie ist, bewerte ich meine persönliche Leistung bei dieser Aufnahme nicht allzu hoch.

Sprinkenhof


Drei neue (bzw.) gebrauchte Kameras habe ich dieses Jahr eingeweiht. An allle drei bin ich gelangt, weil ich zur richtigen Zeit auf facebook unterwegs war, was vielleicht keine große Kunst ist, wenn man das Fickbuch fast ständig nebenbei geöffnet hat. ;)

Die erste, eine zur Lochkamera umgebaute Agfa Clack habe ich genau vor einem Jahr zum Neujahrsspaziergang erstmals ausgeführt.

New Year's Eve


Auch die zweite Knipse kommt ohne Linsen aus und gefällt mir durch das luxeriöse Panoramaformat von satten 6 x 12 cm sogar noch etwas besser: die Holga Wide Pinhole Camera.

WPPD 2012 : Mühlenteich

Mit ihren z.T. sehr langen Belichtungszeiten und der meistens unverzichtbaren Stativschlepperei zwingt die mittelformatige Lochkamerafotografie mich natürlich, meinen inneren Schweinehund zu besiegen, bevor es mal spontan auf Fototour losgehen kann. Trotzdem ist sie mich fotografisch wohl das interessanteste Neuland, was ich 2012 betreten habe. Da passiert auch dieses Jahr sicherlich noch einiges.


Die dritte Neu-Knipse habe ich erst im November in Betrieb genommen, ein für eine Toycam mit vielen Extras ausgestattetes Lomography-Spielzeug im Fischdosenformat: die La Sardina.

La Sardina "Sea Pride"
Squid Party

Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten (schlimme Fehlbedienungsfalle eingebaut!) sind die ersten Bilder schon recht vielversprechend, auch wenn der ganz große Kracher noch nicht dabei ist.
Ob sich die Kamera in meiner Gunst langfristig durchsetzen kann, bleibt abzuwarten. Normales Kleinbild hat es gegen alle Kiev 88- und Holga-Herrlichkeit, aber auch das kauzige "Pseudorama"-Format schon etwas schwer bei mir, allein weil ein Mittelformatfilm einfach weniger Bilder zum Entfusseln bedeutet.


Als besonderes - nicht nur fotografisches - Highlight bleibt mir natürlich das Roadburn Festival in Tilburg in Erinnerung, welches ich mit Fotopass erleben durfte.

JESU @ Roadburn 2012

VOIVOD @ Roadburn 2012

(alle Bilder HIER!)


Touristisch war bei mir mangels echtem Urlaub eher wenig los, aber sowohl in Tilburg und Umgebung als auch im September anlässlich des Laibach-Konzerts in Kopenhagen habe ich die begrenzt gegebene Zeit durchaus zufriedenstellend für allerlei Lichtbilderzeugerei genutzt.


Tilburg

Minigolf



In die Kategorie "gut genutzte Zeit" fallen natürlich auch meine Fotosessions mit Jasmin und Anja, von denen ich das äußerst ergiebige Herbstshooting ja bereits an dieser Stelle mit einem animierten GIF gewürdigt habe. ;)

Vielen Dank hier nochmal an euch beide!

Ein kreativer Ausflug zu dritt gehört auf jeden Fall zu den fotografischen Vorsätzen 2013.

...

*


Zum Einsatz kommen könnte dabei durchaus eine brandneue Kamera, die ich nicht wie ursprünglich angekündigt im Januar, sondern bereits kurz vor Weihnachten per Express frisch aus dem Werk geliefert bekommen habe: die Belair X 6-12 Jetsetter Edition

Belair X 6-12 Jetsetter Edition

Leider bin ich bisher noch nicht dazu gekommen, dieses Prachtstück mit Wechselobjektiv und der Möglichkeit, in den Formaten 6x6, 6x9 und 6x12 zu schießen, seiner Bestimmung zuzuführen, weswegen es eigentlich auch gar nicht in diesen Jahresrückblick gehört...


Also, zurück zu meinem besten Bild 2012!

Ich glaube, es muss einfach ein Lochkamerafoto aus der Holga WPC sein. Da entscheide ich mich doch einfach für das Foto, dass ich gerade heute als Leinwandbild in 100 x 50 cm an die Wintergartenwand gehängt habe, eine wunderschöne, stimmungsvolle Herbst/Nebel-Aufnahme aus dem Park Wilhelmshöhe in Hohenwestedt, einen Ort, den ich zum schnellen Knipsen zwischendurch, wenn mir sonst keine Location einfiel oder ich einfach nicht weiter fahren mochte, auch im vergangenen Jahr immer wieder gerne aufgesucht habe.



Dann schauen wir mal, was mir 2013 so vor die Linse bzw. das Loch kommt...

Gut Licht und Knipsmannsheil!


Jahresrückblick Musik 2012

Nach dem Vorbild diverser Musikzeitschriften hier mal mein kleiner Versuch, meine Favoriten auf eine überschaubare Anzahl zu reduzieren. Die Auswahl fällt schwer und ich garantiere nicht, dass ich mich übermorgen noch in allen Punkten genauso festlegen würde. ;)


ALBUM TOP 10:
  • LAIBACH - Monumental Retro-Avant-Garde
  • SWANS - The Seer
  • MOTORPSYCHO and STÅLE STORLØKKEN - The Death Defying Unicorn
  • THE MARS VOLTA - Noctourniquet
  • NAPALM DEATH - Utilitarian
  • CANDLEMASS - Psalms For The Dead
  • MUSE - The 2nd Law
  • LAIBACH - Iron Sky (The Original Film Soundtrack)
  • ARCHIVE - With Us Until You're Dead
  • KREATOR - Phantom Antichrist

TOP DVD:
  • DIE FANTASTISCHEN VIER - MTV Unplugged II 

KONZERT TOP 5:

  • LAIBACH - Statens Museum for Kunst, Kopenhagen
  • SWANS - Kampnagel, Hamburg
  • CORONER - Wacken Open Air
  • VOIVOD - Roadburn Festival, Tilburg (2 Shows)
  • VOIVOD - Hafenklang, Hamburg


BESTES KONZERT von DAS ROTE UNIVERSUM:
  • DAS KLOSTER ROCKT, Lütjenwestedt

    (Welches auch sonst? *g*
    Dieses Jahr wird die Auswahl wohl etwas größer.)

SPÄTZÜNDER 2012:
  • METALLICA - Metallica

    (Mit zwanzig Jahren Verzögerung dann doch zu Schätzen gelernt. Haha.
    Sich mit alten Scheiben nach ewiger Zeit mal wieder zu beschäftigen, rockt eh. Eben gerade habe ich z.B. festgestellt, dass die "Shitfun" von AUTOPSY ja weitaus geiler ist, als ich sie in Erinnerung hatte.)

ENTTÄUSCHUNG 2012:

Um mich vorsätzlich mit schlechten Platten und Konzerten zu belasten, sind mir meine Zeit und mein Geld zu kostbar. Und dieses Jahr bin ich von echten Enttäuschungen zum Glück verschont geblieben.
Was mich allerdings tierisch nervt (betrifft nicht nur Musik, sondern auch Filme / Serien) sind unausgegorene Verpackungen mit Sollbruchstelle und Schäden durch beschissen plazierte FSK-Aufkleber.
Ansonsten war die AWD Hall in Hannover nicht die Knaller-Location für die an sich vollkommen überzeugenden DREAM THEATER.
Und liebe Madame JANELLE MONÁE - anstatt als überflüssiges Feature in Hits anderer Interpreten weit unter Ihren Möglichkeiten zu bleiben, zimmern Sie doch bitte lieber endlich den Nachfolger zu "The ArchAndroid" ein!  Falls Sie das Charthurengeld brauchen, um eben jenen noch großartiger zu machen, sind Sie allerdings entschuldigt! ;)


HOFFNUNG / VORFREUDE 2013:

Nur noch knapp drei Wochen, dann erscheint "Target Earth" von VOIVOD. Selten haben ich mich so auf ein Album vorgefreut. Weihnachten reloaded! 2013 wird ein ganz großes Jahr für BlackyChewySnakeAway!
LAIBACH schaffen es hoffentlich auch, ihre lange verschobene "Revisited"-Scheibe rauszubringen, und JANELLE MONÁE erwähnte ich ja gerade schon.
Mit zwei Tagen Abstand DEPECHE MODE und IRON MAIDEN live - das wird eine eine Knaller-Woche im Juni!

2012-12-31

ARJEN LUCASSEN - Lost In The New Real

Und dann war da dieses Jahr ja noch ein Konzeptalbum aus Holland...

Mr. Ayreon hat mal wieder zugeschlagen und eine neue Doppel-CD rausgehauen.


ARJEN ANTHONY LUCASSEN's Lost In The New Real (2012)

Nachdem man sich an dem grenzgenialen Cover-Artwork und dem gewohnt schicken Booklet sattgesehen hat, stellt sich zunächst einmal natürlich die Frage, warum nicht Ayreon vorne drauf steht.
Schließlich gibt ja schon das "Filmplakat" von "Lost in the New Real" dem Eingeweihten einen dezenten Hinweis darauf, dass sich Arjen Lucassens neue Geschichte problemlos in das Universum der Meisterwerke "The Human Equation", "Into the Electric Castle" und "01011001" einfügen lässt.

Antworten gibt es einige: Zum einen fehlen die von Ayreon gewohnten Gastsänger. Bis auf einen über die ganze Albumlänge präsenten Backgroundsänger und eine Sängerin in einem der insgesamt 20 Lieder stemmt der Meister den Gesang hier ganz alleine und lässt einen dabei auch keine weiteren Vokalisten vermissen.
Ähnlich wie auf der elektrischen Festung gibt es jedoch einen Erzähler, der als "Dr. Voight-Kampff" viele Stücke einleitet, nämlich den Schauspieler Rutger Hauer.

Und auch die musikalische und konzeptionelle Ausrichtung unterscheidet sich von Ayreon - zumindest gerade so weit, dass eine andere Etikettierung sinnvoll erscheint.
"Lost in the New Real" ist zwar wieder einmal eine naiv hochtragende und mal wieder das ganze große Ganze umfassende Science-Fiction-Story geworden, hat aber auch eine teilweise sehr persönliche Metaebene, in der Arjen ganz klar über sich, seinen Lebensstil und seine Art, Musik zu hören und zu komponieren schreibt.
Besonders ernst nimmt er sich dabei nicht immer, und andere Kapitel sind ganz klar rein fiktiver Quatsch ohne persönlichen Bezug. Wie das alles funktiert, ohne zerfahren zu wirken, wäre schon fast zu viel verraten. Ich sage mal so: Es handelt sich um einen relativ simplen, teilweise an den ersten "Universal Migrator"-Teil erinnernden Überbau mit einer ebenso einfachen, aber dennoch befriedigenden Auflösung, in den sich im Grunde unendlich viele Stimmungen und Themen unterbringen lassen:
kataklysmische Naturkatastrophen, Geburtenkontrolle, Weltraum, Internet, Einsiedlertum, Sterbehilfe und und und...

Aber diese Themen werden eben nicht alle gleich ernsthaft und "schwer" genug behandelt, um als Ayreon durchzugehen.

Herr Lucassen hat sich hier sehr locker gemacht. Musikalisch huldigt er vor allem seinen 70er-Jahre-Helden, wie schon die Songtitel "Pink Beatles In A Purple Zeppelin", "Where Pigs Fly" und "When I'm A Hundred Sixty-Four" selbst für den Allerlangsamsten mehr als deutlich machen. Das ist vielleicht nicht ganz so innovativ wie seine stärkeren Prog/Folk/Metal-Mix-Momente auf einigen seiner früheren Werke, ist aber ebenso verdammt gut gemacht (Powerdrumming von Ed Warby inklusive) und verbreitet einfach Freude.

Apropos Instrumente: sämtliche Saiten- und Tasteninstrumente (bis auf Geige und Cello) hat der Meister eigenhändig eingespielt. Und wie immer sind Arrangements und Produktion über jeden Zweifel erhaben.


Die Geschichte von "Lost In The New Real" wird bereits auf der ersten CD komplett zu Ende erzählt.
CD 2 besteht aus einem Mix von weiteren Songs, die CD 1 nochmal vertiefen, sowie verschiedenen Coverversionen, die thematisch mit dem Album verwandt sind und den Mastermind vermutlich sogar dazu inspiriert haben, am prominentesten darunter sicherlich Pink Floyds "Welcome To the Machine".

Das mag nach Resteverwertung und Bonusflickwerk klingen, aber tatsächlich bleibt das Doppelalbum in seiner Gesamtheit immer eine runde Sache.


Arjen Anthony Lucassens "Ego-Trip" ist verglichen mit einem epischen Brocken wie Motorpsychos "The Death Defying Unicorn" vielleicht ein sehr traditionelles Rock-Konzeptalbum und wird wohl an dessen langfristige Bedeutung nicht heranreichen können. Innerhalb von Lucassens Diskographie handelt es sich aber dennoch um ein weiteres Meisterwerk, das sich trotz seines etwas lässigeren Anspruchs nicht vor seinen anderen Werken verstecken muss.


Und als nächste Scheibe - soviel hat er ja schon per Video-Teaser verraten -  gibt es dann ja wieder die volle Ayreon-Breitseite!


Anspieltipps: Lost In The New Real, Yellowstone Memorial Day, Pink Beatles In A Purple Zeppelin, Welcome To The Machine

AUTOPSY - Born Undead (DVD)

Mmmh, guten Appetit!

Natürlich ist das Cover dieser Autopsy-DVD nicht die feine Vegetarier-Art. Aber es hat durchaus eine Botschaft, die sich auf den Inhalt übertragen lässt: Guts, guts, guts!

Oder anders ausgedrückt: meeehr!

Will sagen: viel value for money.





AUTOPSY - Born Undead (2012)

Diese DVD hat gleich zwei Kernstücke.

Das erste davon ist eine Dokumentation über die gesamte Geschichte der us-amerikanischen Gore-Death-Metal-Institution. Von Chris Reiferts Tagen mit Chuck Schuldiner und Death, den Death-Metal-Boom der frühen Neunziger, gefühlten dreißig Basserwechseln, einer katastrophalen US-Tour, die letztendlich zur Auflösung der Band führte, den Brücken-Jahren mit Abscess bis zur Revitalisierung der Band und den Aufnahmen zu "Macabre Eternal" lässt dieser Film nichts aus und zieht sich damit auf eine Länge von knapp über zwei Stunden.
Für den unbedarften Zuschauer und das Absahnen von Filmpreisen ist das natürlich nichts, als Fan hat man jedoch das Gefühl, dass sich da jemand wirklich um einen kümmert. Sehr ehrlich, sympathisch oder auch down to earth, wie der Angelsachse sagt.

Die andere Hälfte des Inhalts ist Autopsy live, und zwar Material von gleich vier verschiedenen Konzerten aus den Jahren 2010 und 2011, ohne dass allzu viele Songs sich dabei überschneiden würden.
Mit satten 18 Tracks (+ 2 weiteren von den Proben für das Konzert) führt quantitativ der Mitschnitt vom Maryland Death Fest. Dazu kommt noch das Hole In The Sky Festival, sowie Highlights vom Party San (aaarrgh, hätte ich die Gelegenheit bloß genutzt!) und Slaughter By The Water.

Schnörkellos brutal, 100% Death Metal und davon jeden Moment "Wer hat's erfunden?", keine großen Sperenzchen, aber eine gute Prise Humor - das bekommt man hier in großen, blutig versuppten Löffeln kredenzt.

Bild- und tontechnisch ist das alles nicht Led Zeppelin oder "The Dark Knight Rises", sowohl was die Konzertmitschnitte, als auch was die Dokumentation angeht.
Nein, das hier ist im Verhältnis zum Mainstream natürlich alles obskurer Underground und will auch nichts anderes sein. Dafür ist es verdammt ehrlich und direkt. Wäre es technisch möglich, dann hätten Autopsy diese Veröffentlichung wahrscheinlich nicht auf DVD, sondern auf Vinyl herausgebracht.

Für Fans und Metalhistoriker ist "Born Undead" eine tolle Fundgrube. Und die Gestaltung der Hülle (Mediabook) ist auch jenseits des hübschen Covers gelungen.
Ganz klare Kaufempfehlung von mir!

Anspieltipps: Braucht man die als Fan? ;)

2012-12-30

OLLI SCHULZ - S.O.S. Showman Olli Schulz Live (DVD)

Maßgeblich für die Auswahl der meisten Musik-CDs und -DVDs, die ich mir zulege ist eigentlich mein Musikgeschmack.

Bei manchen Silberscheiben hingegen geht es mir dann doch mehr darum, einfach das Richtige zu tun und ein besserer Mensch zu werden.


OLLI SCHULZ - S.O.S. Showman Olli Schulz Live (2012)

Ein Mann, ein Wort.

Und noch ein Wort. Und noch eines. Und noch eine Geschichte, und noch eine Anekdote, und Faden verloren und ach ja usw.

Da ist auch ein Klavier, aber das steht da nur als Ablagefläche.
Und eine Gitarre ist da noch, die spielt Herr Schulz sogar ab und zu. Aber wirklich nur ab und zu.

In erster Linie ist Olli Schulz einfach da und erzählt aus seinem Leben. Rammstein, Sido, Farin Urlaub, King Diamond, Mando Diao - alle waren sie dabei und haben diesen Showgiganten geformt.

Olli Schulz ist der neue große alte Mann des Premiumgeschichtenerzählens in Deutschland, ein Held des Rock'n'Roll, ein Mensch für die Menschen.
Wer wirklich herzhaft was zu lachen haben will, der macht mit dieser DVD nichts verkehrt!

Und ab un zu spielt er auch mal ein Lied.
Dieses kann allerdings jäh durch an YouTube in Deutschland erinnernde Einblendungen unterbrochen werden...

Ein absoluter Knaller ist die Bonus-DVD, in welcher sein Alter Ego Bibi McBenson sich mit seiner Band zu einem fulminanten Comeback-Gig aufmacht. Doch schon bald hängen die Manierismen der einzelnen Musiker, welche damals zur Trennung geführt haben, wieder wie eine düstere Wolke über dem Tourbus und das Elend nimmt seinen Lauf...

Rocktainment Deluxe!

Anspieltipps: Der Strumpfmaskenmörder, H.D.F.K.K., Spielerfrau, Der Rumäne, Partytrack

THE MARS VOLTA - Noctourniquet

Morgen ist Silvester und ich bin von meinem Vorsatz, alle dieses Jahr erschienenen Musikscheiben meiner Sammlung zu rezensieren, noch ganze zwei Alben plus zwei DVDs entfernt. Also nichts wie ran!

Das folgende  Album erschien bereits im März und hat sich seitdem ganz weit oben in meiner Playlist festgefressen. Omar Rodriguez-Lopez (Musikchef u. Gitarre) und Cedric Bixler-Zavalas (Gesang) präsentieren:


THE MARS VOLTA - Noctourniquet (2012)

Mein großes Problem beim Schreiben über The Mars Volta ist ja der Mangel an Vergleichen und Referenzen außerhalb des Universums der Band selbst.

Also überlasse ich die Basics einfach mal anderen und konzentriere mich auf die Fragen: Was ist anders? Was ist neu?

Es gab mal wieder Besetzungswechsel, so hat man u.a. einen neuen Drummer an Bord. Wesentlich normalsterblicher wird das Schlagzeugspiel dadurch aber nicht. Zwar gibt es keinen Rhythmus-Overkill wie auf "The Bedlam of Goliath", dafür allerdings auch in ruhigen Passagen sehr viel anspruchsvollen Breakbeat.

Der dramatischste Wechsel für den Sound hat sich allerdings an den Tasten vollzogen. Auf sehr eigenständige Weise vom Geist des Krautrock beseelt, nehmen Synthesizer und Klangeffekte eine prominente Rolle wie nie zuvor ein. Bei "In Absentia", ausgerechnet mit siebeneinhalb Minuten dem längsten Track von "Noctourniquet" geht die Liebe zur Elektrospielerei sogar soweit, dass man die ersten drei Viertel des Songs das Gefühl hat, die "normalen Instrumente" (Gitarre, Bass, Drums) spielen nur noch die zweite Geige - anstrengend, sich da reinzuhören, aber am Ende sehr lohnenswert.

Die meisten Stücke sind allerdings leichter zugänglich. Tatsächlich meistert dieses Album spielend den Spagat, einerseits bei aller sofortigen Wiedererkennbarkeit The Mars Volta einen sehr kantigen, vollkommen kauzigen Neuanstrich zu verpassen (der einzige wirklich traditionelle TMV-Song ist "Molochwalker"), anderseits aber eben zugänglich wie vielleicht niemals zuvor zu sein.

Zum Teil sind es natürlich die relativ kurzen und zumeist relativ kontrollierten Songs, die "Noctourniquet" zu einem vergleichsweise poppigen Hitalbum machen. Die funky Gitarrenarbeit ist bemerkenswert zurückhaltend, ausschweifende Saitenwichsorgien Fehlanzeige.
Hauptverantwortlich ist jedoch Cedric Bixler-Zavala, der sich stimmlich erstaunlich variabel zeigt und scheinbar über jedes wirre Gewusel eine griffige, mitreißende Gesangslinie zu zaubern versteht.

Für mich einer der absolut herausragenden Ohrwürmer dieses Jahres, muss ich namentlich unbedingt noch "Empty Vessel Make the Loudest Sound" erwähnen. Allein durch diesen Song wird dieses Album die Ewigkeit überdauern. Was für eine Hymne!

Und was für ein Album mal wieder! The Mars Volta eben. Klarer Spitzenanwärter zur Wahl des Albums 2012.

Anspieltipps: Empty Vessels Make The Loudest Sound, In Absentia, The Malkin Jewel, Noctourniquet, Molochwalker

2012-12-17

KREATOR, MORBID ANGEL + NILE in der Großen Frühheit 36, Hamburg (14.12.2012)

Nein, ich habe es über Arbeit, schreibfaulen Restsamstag und Hobbit-Sonntag nicht vergessen: am Freitag war da doch noch was, nämlich ein großartiges Metal-Package auf der Großen Freiheit 36, welches einerseits zum nostalgischen Schwelgen und Mal-wieder-fünfzehn-Jahre-alt-Sein einlud, aber anderseits auch für jüngere Fans noch absolut relevant war.

Kreator, für mich aktuell nur hinter Slayer und Coroner in den Top-Thrash-Bands des Planeten, zusammen mit Morbid Angel, dem Synonym für Death Metal schlechthin! Und davor mit Nile noch eine weitere, in eine ähnliche Kerbe schlagende Todesbleikapelle der Spitzenklasse.

Den Opener Fueled by Fire kann ich nur der Vollständigkeit halber erwähnen. Ich war zwar echt bemüht, zeitig loszukommen und war auch schon etwa um viertel vor sechs vor Ort, doch das war gerade mal rechtzeitig für Nile. Einlass um 16:30 Uhr und Beginn nur wenig später, das halte ich für einen ganz schlechten Scherz. Die gesamte Veranstaltung war um 22:15 Uhr vorbei, also ungefähr so früh wie mein letztes Konzert auf der Reeperbahn. Da haben allerdings auch satte drei Bands weniger gespielt!

Nun war das für mich persönlich nicht weiter tragisch, aber prinzipiell muss man hier einfach öffentlich auf die Veranstalter schimpfen, nicht dass solche Zustände noch zur Regel werden. Es kommen schließlich nicht ausschließlich halbtags arbeitende St.Paulianer zu so einem Konzert.


Ansonsten gab es zum Glück keinen Grund zu meckern - bei durchgehend ordentlichem Sound lösten die Bands voll und ganz ein, was sie versprachen, also zunächst einmal Qualitätsdeathgrind mit mehreren Growlern und charakteristischen Soli von Nile.

Morbid Angel spielten einmal mehr ein sehr nostalgisches Set, d.h. neben ein paar Krachern von "Illud Divinum Insanus" ausschließlich Stücke der ersten vier Alben mit Schwerpunkt auf "Altars of Madness". "God of Emptiness" war natürlich dabei, David Vincent ist als Frontmann einfach die Macht, und Trey Azagthoths maximal krankes Solo in "Chapel of Ghouls" sowieso. Ein Hammerauftritt!


Bei Kreator standen die Zeichen dann von Anfang an auf Heimspiel. Schon der Bandhistory-Introfilm und die böse metal Bühnendeko mit erhöhtem Ventor-Drummerthron sprachen da eine ganz deutliche Sprache.
Das abwechslungsreiche Programm deckte fast alle Phasen der Kreator-Discographie ab, wobei natürlich besonderes Gewicht auf das aktuelle Spitzenalbum "Phantom Antichrist" und die unverzichtbaren Klassiker gelegt wurde.
Saitenhexer Sami Yli-Sirniö wusste viele Glanzpunkte zu setzen, und Mille glänzte auch zwischen den Songs mit gewohnt putzigen Ansagen. Also alles, wie es sein muss!

Das Publikum im prall gefüllten Haus feierte die Thrasher dann auch verdient frenetisch ab. Da werden sich nachher einige in ihren schweißnassen Shirts draußen im kalten Nieselregen gehörig erkältet haben...


Fazit: Kurz vorm Fest ein herrliches Metal-Legenden-Fest ohne auch nur eine langweilige Minute.

Besonders Morbid Angel könnte ich mir sofort wieder anschauen. Aber das war ja eigentlich schon immer so. ;)


2012-12-09

CYNIC - The Portal Tapes

Nach dem aktuellen Geschreibsel zum "Hobbit"-Soundtrack wird's mal wieder Zeit für etwas älteres. Zwei Alben stehen schon seit März in meiner Rezensions-Warteschleife. Und eines davon ist tatsächlich sogar noch viele Jahre älter und erst 2012 offiziell erschienen...


CYNIC - The Portal Tapes (2012)

"Cynic" steht auf dem limitierten Tonträger namens "The Portal Tapes" drauf, obwohl es eigentlich gar nicht Cynic ist, anderseits aber uneigentlich schon irgendwie... Ok, ich fang von vorne an:

Nach dem legendären und bis heute unvergleichlichen Debütalbum "Focus" (1993) lösten sich Cynic bekanntlich 1994 auf und ließen uns bis 2008 auf das Wiederauferstehungsalbum "Traced In Air" warten.

Die Zeit zum dritten Album, welches derzeit noch in Arbeit ist, wurde bisher mit den EPs "Re-Traced" und "Carbon-Based Anatomy" verkürzt. Und dieses Jahr nun also dieser als hübsches Digipack aufgemachte Silberling, der es mit zehn Tracks tatsächlich mal wieder auf Albumlänge bringt und doch nicht das neue Album ist.

Denn tatsächlich handelt es sich hier um Aufnahmen, die Paul Masvidal, Sean Reinert und drei weitere Mitstreiter nach dem Ende von Cynic in den Jahren 1994 und 1995 unter dem Projektnamen Portal als Demo aufnahmen aber bisher nie in dieser Form veröffentlichten, da auch diese Formation sich bald wieder auflöste. Einzig die drei Songs "Cosmos", "Circle" und "Endless Endeavors" haben es auf die erweiterte Neuauflage von "Focus" gebracht und sind mit der Reunion auch ins Live-Repertoire gerutscht.

Diese drei Songs waren zu der Zeit wohl auch als einzige unter diesem Bandnamen veröffentlichungsfähig. Zu weit weit weg von allen "Focus"-Markenzeichen sind die restlichen Stücke.
Zunächst einmal gibt es hier definitiv keinen Metal zu hören, sondern allesamt ruhige, im Prinzip poppige und einfach strukturierte Lieder, auf denen die Musiker ihre Virtuosität wesentlich zurückhaltender als auf dem vorhergegangenen Jazz/Avantgarde/Progmetal-Meilenstein  aufscheinen lassen.

Der Gesang teilt sich zwar wieder in zwei Hauptstimmen auf, doch statt Vocoderstimme vs. Deathgrowls sind es hier klassischer Männlein und Weiblein, die sich am Mikrofon ergänzen, wobei der größte Leadgesangsanteil bei Aruna Abrams liegt, während Paul Masvidal sich mit meist etwas tieferer Tonlage als heutzutage eher ruhig im Hintergrund hält.

Nein, das wäre einfach nicht durchgegangen...
Heutzutage sieht es diesbezüglich allerdings anders aus, sind die letzten beiden  EPs doch großenteils auch eher ruhig ausgefallen. Mittlerweile ist man es als Fan gewohnt, dass die Werke von Masvidal und Reinert immer etwas anders (und dabei eben mal lauter mal leiser) ausfallen, aber eben auch alle dieses vom Härte- und Gefrickelgrad unabhängige gewisse Etwas haben, was sie einfach zu Cynic macht.

Dies gilt im gesamtdiscographischen Zusammenhang eben auch für die "Portal Tapes", weshalb ich die Veröffentlichung als Cynic-Werk auch absolut gerechtfertigt finde.

Man muss allerdings schon einschränken, dass sie damals für viele Elemente ihres heutigen Sounds noch geübt haben. Obwohl es sich bei den meisten Tracks um zeitlos schöne Musik handelt, sind gerade zum Ende hin manche Ideen und ihre Umsetzungen noch nicht auf Zielniveau und einige Textpassagen noch arg cheesy. Allerdings darf man ja nicht vergessen, dass dies "nur" ein Demo war.

An diesen paar Stellen einfach beim Hören locker bleiben und es bleibt immer noch ein interessantes Interimswerk, für das man zwar schon in Stimmung sein muss, in das man als Fan jedoch auf jeden Fall zumindest mal reinhören sollte!

Anspieltipps: Cosmos, Karma's Plight, Endless Endeavors, Road To You

HOWARD SHORE - The Hobbit : An Unexpected Journey (Soundtrack)

Mensch, bald ist's Mitte Dezember. Zeit, sich zu überlegen, wo und wann man den "Hobbit" kuckt...

Wenn ich nur nicht so ein Skeptiker wäre, was Synchronisation und dritte Dimension angeht... Aber auf ein hier vom Dorf erreichbares Kino, in dem Peter Jacksons neuester Streich zweidimensional und englisch läuft, kann ich wohl kaum hoffen.

Herr Shore, schmeißen Sie bitte Chor und Orchester an, um mich ein wenig mehr in Kino-Stimmung zu bringen!


HOWARD SHORE - The Hobbit : An Unexpected Journey (Original Motion Picture Soundtrack - Special Edition) (2012)

Etwas über 2 Stunden später: Danke, Howard!

Wie zu erwarten bleibt "Der Hobbit" auch musikalisch dem in der "Herr der Ringe"-Filmtrilogie etablierten Kosmos treu.

Fast alle Völker, Figuren, Orte bekommen ihr eigenes Thema, alles wird komplex miteinander verbunden und mit lautem, aber stimmungsvollem Getöse in die Welt hinausgeschmettert. In vielen Stücken der zwei CDs sind natürlich neue Variationen seit zehn Jahren vertrauter Themen zu hören: das Auenland, Rivendell, Gollum und noch einige weitere. Dadurch fühlt man sich beim Hören auch ohne Kenntnis des Films schon sehr zu Hause.

Analog zum Gefährten-Thema aus dem ersten "Herr der Ringe"-Film ist die Heldenhymne hier natürlich das Zwergen-Thema, welches geschickterweise auf einem von Tolkien selbst gedichteten und von den Zwergendarstellern im Film gesungenen Lied basiert, welches in poppigerer Form dann auch als Abspannsong fungiert. Stünde im Booklet nicht, dass der Komponist und Sänger dieses Stückes Neil Finn heißt, dann hätte ich fast auf Ayreon-Mastermind Arjen Lucassen getippt. Nicht nur im Gesang, sondern auch im Arrangement höre ich da einige Parallelen.


Anlass zum Meckern gibt wie so oft nur die - äußerlich durchaus schicke - Verpackung.
Wann wir endlich mal die CD-Hülle erfunden? Ich kann diese Pappscheiße, die zur Zeit so angesagt ist, echt bald nicht mehr sehen.
Zweimal wurden die CDs nun rausgenommen und schon musste ich einen Riss doppelseitig mit Tesafilm verarzten. Klar, Plastik ist auch nicht besser... Wie gesagt, die CD-Hülle an sich muss eben erst noch erfunden werden.

Ich hoffe dann mal, dass der Film mich demnächst über dieses Ärgernis hinwegtröstet - dritte Dimension hin oder her.

Musikalischer Hauptunterschied der Special Edition zur normalen Version des Soundtracks sind übrigens vier Bonustracks am Ende. Man zahlt also nicht nur für die rissgefährdete Papphülle zwei Euro mehr. ;)


Anspieltipps: Misty Mountains, An Ancient Enemy, The Defiler, Over Hill, Riddles In The Dark, Song Of The Lonely Mountain

CANDLEMASS - Psalms For The Dead

Über ein Drittel Türen im Wacken-Adventskalender wurden ja nun schon geöffnet, ohne dass es eine Bandankündigung gegeben hätte, bei der ich wirklich vor Freude an die Decke gesprungen bin.

Also wende ich mich doch einfach einer schon länger für nächstes Jahr bestätigten Band zu, auf die ich jetzt schon wieder richtig Laune habe. Grund dafür ist neben dem tollen Auftritt 2012 natürlich auch die Hoffnung, ein paar Stücke vom aktuellen Album auf die Ohren zu bekommen:


CANDLEMASS - Psalms For The Dead (2012)

Von allen Silberscheiben, die ich mir dieses Jahr zugelegt habe, ist diese ganz eindeutig die traditionsbewusste. Schon das Cover und die Bandfotos (inklusive Posing mit großem Metallkreuz) bzw. -zeichnungen sprechen eine ganz deutliche Sprache. Ok, der Bandname Candlemass natürlich auch...
"Psalms for the Dead" ist fast so etwas wie ein Klang gewordener Lexikoneintrag zum Begriff "Doom Metal (oldschool)". Die gute alte Black Sabbath-Lehre also.

Das ist für die Doom-Institution Candlemass natürlich grundsätzlich erstmal keine Sensation. Die Qualität und Konsequenz mit der die Tradition auf diesem Album gepflegt wird, lässt aber aufhorchen. Besonders lyrisch zelebrieren die Schweden mit geradezu kindlicher Freude 60er- und 70er-Jahre-Klischees, wobei die Höhepunkte wohl die schön britischen spoken words über die böse schwarze Zeit in "Black As Time" und die absolute Kitschplosion "Dancing In The Temple (Of The Mad Queen Bee)" sind. Wer Zeilen wie "I see the ogre polish the rainbow" schreibt, kann nur ein guter Mensch sein.
Ich war vom ersten Hören an versucht, den Text dieses Songs in meinem Review mit "The Fairy Feller's Master-Stroke" vom legendären "Queen II"-Album zu vergleichen, und tatsächlich habe ich nun gelesen, dass das Stück vom gleichen Gemälde wie Freddie Mercurys Klassiker inspiriert sein soll!

Und das beste daran ist: Auch wenn manches sich echt seltsam liest - im Zusammenhang mit der Musik passt es und wird auch niemals peinlich. Kitsch und Klischee sind ja so Disziplinen, an deren Beherrschung gerade im Metal-Bereich viel zu viele Bands kläglich scheitern. Candlemass meistern sie auf "Psalms for the Dead" souverän.

Und musikalisch gibt es hier sowieso in keiner Minute etwas auszusetzen. Im Grunde könnte ich hier jeden der neun Tracks als Anspieltipp nennen. Ein Doom-Metal-Meisterwerk!


Abzüge in der B-Note gibt nur die Bonus-DVD, die mit ihren großenteils selbst gefilmten, ziemlich wahllos geschnittenen Szenen rund ums "70.000 Tons of Metal" einen Unterhaltungswert gegen Null hat. Dafür darf man mal wieder einen "FSK: 0 Jahre"-Aufkleber direkt vom Cover abpulen... (Ja, mich ärgert dieser Scheiß immer wieder. Warum nicht einfach den Sticker auf die Einschweißfolie pappen?)
Ich bin ja ausdrücklich ein Freund von Bonus-Discs, aber wenn man dafür kein ausreichend starkes Material hat, kann man es auch gerne sein lassen.

Zum Glück ist die CD stark genug, dass ich in meinem nicht vorhandenen Bewertungssystem dennoch höchstens einen halben Punkt von der Höchstnote abziehe.


Zu schade nur, dass es sich hier wohl um ein Abschiedswerk handelt und der grandiose Sänger Rob Lowe in Wacken auch nicht mehr mit von der Partie sein soll.

Ich bete dann mal zum Doom-Gott, dass er nochmal ein ernstes Wörtchen mit seinen Gesandten spricht...


Anspieltipps: The Sound of Dying Demons, Black As Time, Dancing In The Temple (of the Mad Queen Bee), Psalms For The Dead

2012-11-24

LED ZEPPELIN - Celebration Day

10. Dezember 2007, O2 Arena London - das einmalige Reunionskonzert, die größte Kartennachfrage in der Geschichte der Rockmusik. Ich müsste jetzt voranstellen wie sehr ich mir gewünscht hätte, einer der Glücklichen zu sein, die live dabei sein durften... Das wäre allerdings übertrieben.

Zu Led Zeppelin habe ich dann doch eher ein entspannt ambivalentes und weniger fanatisches Verhältnis. Klar, ich sehe bzw. höre einerseits schon ihre musikhistorische Bedeutung, das individuelle Talent der Herren Plant, Page, Jones und Bonham und das Genie der Band als Ganzes. Das Ausmaß des Hypes und der Superlative um die Gruppe kam mir anderseits allerdings schön immer reichlich übertrieben vor.

Doch nun ist das 2007er Konzert nach fünf Jahren auf Bild- und Tonträger in gefühlt dreißig Varianten  erschienen, von denen ich mir das 2CD/2DVD-Digipack ausgesucht habe.

Werde ich nun auch zum fundamentalistischen, an nichts anderes mehr glaubenden LedZep-Knecht?


LED ZEPPELIN - Celebration Day (2012)

Zunächst einmal hatte ich mit "Celebration Day" ja meine Startschwierigkeiten, für die Band allerdings nichts kann. Denn nicht nur dass das eigentlich sehr schöne Digipack durch amazons Sparsamkeit bei der Verpackung schon ziemlich ramponiert aussieht und mich das Entfernen des FSK-Aufklebers mal wieder unnötig Nerven kostete - nein, mein DVD-Player kommt auch nur nach einem Opfer von mindestens drei jungen Ziegen über das Startmenü hinaus.
Hat da mal wieder jemand mit neuen Kopierschutztricks experimentiert? Dass man niemals sicher sein kann, ob eine Silberscheibe auch auf allen Abspielgeräten funktioniert, das hasse ich ja an diesem Medium...

Aber zurück zu Zeppelin: Was die Band da nach so langer Pause auf die Beine gestellt hat, ist wirklich aller Ehren wert. Ob man die perfekt aufeinander abgestimmte Rhythmussektion nimmt, in der Jason Bonham seinem verstorbenen Vater großartig Tribut zollt, Jimmy Pages Gitarrenspiel, oder die altersbedingt natürlich etwas tiefere Stimme Robert Plants: Besser kann man es eigentlich nicht machen.
Die Soli und Improvisationspassagen sind natürlich nicht ganz so ausufernd wie in den 70ern. Da wollte man wohl entweder auf Nummer sicher gehen, oder es fehlte einfach der entsprechende Drogenkonsum. Mich persönlich stört es nicht.

Jenseits der ganz großen Übersongs gibt es ein paar Stücke, denen für mich dieses zeitlose Format fehlt und die deswegen daneben etwas Lückenfüller-Charakter besitzen. Wollte ich also nach Schwächen im Konzert suchen, dann würde ich also am ehesten bei einer handvoll (von sechzehn) Lieder ansetzen, die für mich den Kult um die Gruppe nicht so rechtfertigen. Knaller wie "Kashmir" oder "Dazed And Confused" gleichen das aber im Gesamteindruck leicht wieder aus.

Die eindeutige Schwäche dieser Veröffentlichung ist ganz klar die komplett überflüssige Bonus-DVD, auf der es statt wirklichem Hintergrundmaterial die Generalprobe des Konzerts zu sehen gibt - gefilmt mit Standbild aus gefühlten fünfhundert Metern Entfernung. Da hätte man die Box auch etwas schlanker gestalten können - dann wäre meine vom Transport wohl auch weniger lädiert...

An der eigentlichen Konzert-DVD und den beiden CDs gibt es erwartungsgemäß nichts auszusetzen (sofern sie erstmal laufen - siehe oben). Sound, Bild, alles super.

Fazit: Klasse Konzert, optimal für die Nachwelt aufgezeichnet. An der grundsätzlichen Einstellung zur Band (egal ob man sie liebt, hasst oder alles dazwischen) dürfte "Celebration Day" aber kaum bei irgendwem etwas ändern. Alles was sich neben Led Zeppelin in meine Musiksammlung gewagt hat verbrennen werde ich also nach wie vor nicht.

Glück gehabt.

Anspieltipps: No Quarter, Kashmir, Dazed And Confused, Whole Lotta Love, Stairway To Heaven

SWANS live im Kampnagel, Hamburg (22.11.2012)

"Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist / Wenn sie ihr in den Magen fährt / Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist / Wenn der Boden unter den Füßen bebt [...]"

Weiter habe ich Herrn Grönemeyer nicht mehr singen lassen. Trotzdem schon ein bemerkenswerter Zufall, dass das Stück letzte Nacht gerade dann im Radio lief, als ich gerade nach zwei Stunden Lärmkaskade (= Swans-Konzert) die Heimfahrt antreten wollte.

Dabei ging es doch zunächst ganz entspannt los...

Da ich vorher noch nie im Kampnagel war, vorher noch ein paar Zwischenstopps auf dem Hinweg eingeplant hatte, die dann doch nicht so lang ausfielen, und vor allem weil ich mir nicht sicher war, ob die Zeitangabe auf dem Ticket für Einlass oder Beginn stand, war ich ziemlich früh da und hatte vor Ort reichlich Zeit, mich weiter vorzufreuen und den Merchandising-Stand leerzukaufen. Nur der Umstand, dass ich vergessen hatte, noch etwas Bargeld abzuheben, hat mich davor bewahrt. ;)

Und auch musikalisch war es zunächst einmal eher ruhig.

Sir Richard Bishop setzte sich mit seiner Akustikgitarre mitten in die mit Boxen, Verstärkern und Instrumenten gefüllte Bühne und spielte gekonnt zum Flamenco auf.
Als er dann aber anfing mit Delay und weiteren Effekten zu spielen, wurde es mitunter auch schon ziemlich krank und getösig, also die perfekte Unplugged-Einstimmung auf das, was danach kommen sollte...


Ob die Swans live einfacher oder schwerer zu beschreiben sind als auf Platte, da kann ich mich noch nicht entscheiden. Einerseits leichter, weil sie während der zweistündigen Darbietung von sieben Songs auf ruhigere Stücke komplett verzichtet haben, so dass nur wenige Minuten - extrem relativer - Entspannung im Set blieben. Man kann also sagen, es war eine riesige Krachorgie und liegt damit sachlich nicht falsch.

Anderseits ist der unglaubliche Lärmorkan, den die sechs Herren auf der Bühne entfachen, in seinem Nuancenreichtum sowohl der Darbietung als auch der Rezeption noch viel unmöglicher zu fassen als eine Studioproduktion.

Denn in Wahrheit ist das, was einem da die Ohren grundreinigt, ja nicht zufällig dahingeschreddert, sondern alles vielschichtige, anspruchsvolle Musik, die sich ganz bewusst ihren Plätze zwischen Postrock-Symphonie und Grundrauschen sucht - und sich von dort aus so tonnenschwer auf uns kleine Menschlein stürzt, dass ich mich in dem Tagtraum wiederfinde, die Swans würden in Wacken spielen. Wieviele tausend Metaller würden sich dort wohl vor Angst in die Hosen kacken?

Kontrolliert und dirigiert wird alles von Michael Gira, der minimale Riffs zu Ritualen macht und die überlangen Stücke wie der Zeremonienmeister eines Kultes zelebriert.

Was seine Schwanenkirche mit meiner Seele letztendlich anstellen will, weiß ich zwar noch nicht, doch ich bin zum Jünger konvertiert, so viel steht fest. Obwohl ich ja ohnehin schon lange ein Freund kakophonischer Katharsis bin, hat dieser Abend im Kampnagel mein Musikverständnis noch einmal um einige Meter erweitert.

Und was kann man von einem Konzert mehr erwarten?


Setlist:

  • To Be Kind
  • Avatar
  • She Loves Us
  • Coward
  • The Seer
  • Nathalie
  • The Apostate