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2024-03-30

ALICE COLTRANE - The Carnegie Hall Concert

Impulse! hat mal wieder im erweiterten Archiv gewühlt und ein geradezu mythisches Jazzkonzert restauriert, auf dessen Veröffentlichung Fans schon Jahre länger gewartet haben als meine Existenz überhaupt geplant war.


ALICE COLTRANE - The Carnegie Hall Concert (2CD) (2024)

Und die obige Einleitung enthält genau genommen auch schon einen Fehler, denn die Originalaufnahme sowie ihre einzige 1-zu-1-Kopie für die Coltrane-Familie sind beide unbekannt verschollen. Diese Doppel-Cd (auch auf Vinyl erhältlich) basiert also auf dem Referenz-Mix von Prodzent Ed Michel, also einem Stereo-Mix auf Tape, der noch nicht alle Möglichkeiten ausschöpfte und in erster Linie als Demo diente, um Anzugträger zur Veröffentlichung der Musik zu animieren.

Jene Plattenfirmensesselfurzer waren damals unverständlicherweise allerdings nicht an der Witwe Alice Coltrane als eigenständiger Künstlerin außerhalb des Schattens John Coltranes interessiert, so dass diese Aufnahmen der Öffentlichkeit lange verwehrt blieben. Vor einigen Jahren schaffte es aus diesem Konzert immerhin ihre spektakuläre halbstündige Version von Johns "Africa" auf mehrere inoffizielle Veröffentlichungen (von denen eine beim obigen Foto als Hintergrund dient).

Nun endlich auch die anderen Stücke des Abends hören zu können ist ein unerwarteter Segen!

Dabei ist die Aufnahme, ähnlich wie das letztes Jahr erschienene Album von John Coltrane und Eric Dolphy technisch alles andere als perfekt, wie auch im mit ausführlichen Liner Notes versehenen Booklet detailliert aufgeführt wird. So waren zunächst einmal gar nicht genügend Mikrofone vor Ort vorhanden, so dass zwei Instrumente nur über die anderen Mikros mitzuhören sind, dazu sind die Bläser ab und zu off-mic unterwegs. Und zu guter schlechter letzt stand natürlich nur noch der (immerhin quadrofonischer) Stereomix statt der Originalspuren zur Verfügung. Dank modernster Studiotechnik lassen sich solche Quellen heutzutage aber wesentlich besser aufbereiten als noch vor zehn oder gar zwanzig Jahren. "Africa" hört sich hier auch schon hörbar besser an als auf meiner älteren LP. Ein deutlicher Unterschied liegt in den jetzt viel besser vernehmbaren Percussions. Wer mehr wert auf audiophile Perfektion als auf die Musik an sich legt, der hat hier aber nach wie vor von Anfang an verloren.

Und die Musik... ist nahezu unbeschreiblich. So naserümpfend skeptisch mich persönlich der Gurukult der Sechziger/Siebziger auch macht - Alice Coltrane haben die Lehren Satchidanadas damals sowohl über den Tod ihres Mannes geholfen, als auch zu einem kreativen Höhenflug inspiriert, in dem einige der strahlendsten Juwelen des Spiritual Jazz entstanden sind.
Dass gerade dieses Konzert, mit dem sie sich für lange Zeit aus dem Rampenlicht verabschiedete, zu jener Runde gehören sollte, war nicht abzusehen, zumal ihr angesichts des gemischten, teilweise jazzfremden Publikums auf dem kleinen Festival direkt vor dem Auftritt geraten wurde, nur zwanzig Minuten zu spielen. Eine Idee, die sich nach der begeisterten Reaktion auf "Journey In Satchidananda" als Quatsch herausstellte. Tatsächlich blieb sie dann für nur vier Stücke satte achtzig Minuten lang auf der Bühne.

Alice spielte mit einem fantastisch besetzten Doppelquartett: zwei Drummer, zwei Bassisten (darunter Jimmy Garrison) und die Saxophonlegenden Pharoah Sanders und Archie Shepp.

Die erste Hälfte der Show zeigt ihre von indischer Spiritualität geprägte Seite. In "Journey" und "Shiva-Loka" spielt sie Harfe und verstärkt ihre Band um die beiden Amateurmusiker aus ihrer Guru-Gemeinde Tulsi und Kumar Kramer, deren subkontinentaler Drone auf Tamboura und Harmonium zwar Opfer des erwähnten Mikrofonmangels wurde, hier aber immer noch subtil spürbar bleibt.

Für Johns Kompositionen "Africa" und "Leo" (zu jenem Zeitpunkt noch unveröffentlicht) wechselt sie dann aufs Klavier, welches ihr lautere und wildere Crescendos ermöglicht.
Beide Stücke machen zusammen fünzig Minuten des Albums aus und bieten allen Musikern Raum für Entfaltung, sowohl in Form von Solos/Duetten (die Bässe in "Africa") als auch als Teil des wie himmlisch berauscht spielenden Ensembles, welches in dieser Kostellation so niemals zuvor zusammengekommen war.

Kurz gesagt: Diese Versionen sind einfach irrsinnig gut und taugen als absolute Paradebeispiele, falls Bedarf bestehen sollte, den Begriff Spiritual Jazz zu erklären und man es zunächst instrumental halten - und somit zunächst auf Pharoah Sanders' "Karma" verzichten - möchte. Legendärer geht's kaum!

Ein fantastisches Album, welches ich mir zugegebermaßen vor allem deswegen "nur" auf CD geholt habe, damit das bereits in meiner Sammlung vorhandene "Africa"-Vinyl nicht ganz obselet wird.






2024-03-24

SLIFT und SERVO live im Gruenspan, Hamburg (22. März 2024)

Spätestens seit meiner ersten Motorpsycho-Show im Jahr 2015 weiß ich: Das Gruenspan ist einfach ein verdammt lautes Gemäuer. Und so hörte sich für mich auch nach dem Slift-Konzert am Samstag mal wieder meine eigene Stimme leise und verzerrt an.

Jungejunge, fragt da der weniger livemusikaffine Normalmensch, war es das wirklich wert?

Yupp, auf jeden Fall!




SERVO
Ich muss zugeben, dass ich im Vorfeld etwas enttäuscht war, nicht jenen Abschnitt der Tour zu erwischen, auf dem die überragenden Kanaan oder die mir bereits von drei Alben bekannten, aber noch nicht leibhaftig erlebten Karkara den Support machten. Stattdessen war mit Servo eine ebenfalls der wilderen Psychedelik verschriebene, weitere Gruppe französischer Landsmänner dabei.

Die zentralen Merkmale, welche Servo von den anderen genannten Bands unterscheidet, wurden auch sehr schnell klar: So wurden beinahe alle im Schnitt vielleicht vierminütigen Stücke von energischen Robotik-Beats angetrieben und erfuhren sowohl durch Gitarrenriffs als auch durch die sonore, beinahe synonym für die Achtiger Jahre stehende Gesangslage einen enormen Post Punk-Einschlag.

Ich fühlte mich sowohl an (die allerdings noch live gesehenen) A/lpaca und - insbesondere wenn die Saiteninstrumente sich mehr um trippige Geräscherzeugung als Riffs oder Melodien kümmerten - die frühen Radar Men From the Moon erinnert. Sehr cooles Zeug, präsentiert mit einer einfachen, aber sehr effekticven Lightshow, die einen insbesondere mit ihrer illuminierten Stroboskop-Bassdrum schon auf das visuelle Dauerfeuer beim Headliner vorbereitete.

Das Ende letzten Jahres erschienene Album "Monsters", das ich mir nachher vom Merchstand aberntete, fetzt auch richtig und bestätigte den überzeugenden Eindruck des Trios auch im Nachinein.









SLIFT
Wem Servo schon zu viel auf die Ohren und Augen gegangen war, der hatte nun wohl nichts mehr zu lachen. Allerdings gehe ich mal optimistisch davon aus, dass tatsächlich alle Anwesenden auch für ein Maximenü absolut auf die Spitze getriebener Heavy Psych-Raserei gekommen waren. Und jenes wurde - unterstützt durch absolut epileptischen Lightshow- und Videoscreen-Overkill - zweifellos serviert.

Die Gruppe weiß, dass die Welle, auf der sie reitet, von dem Mix aus hawkwindschem Spacerock, Punkspirit, exzessiven Powertrio-Freakout und over the top fuzzdröhnendem Stoner Doom und Post Metal ausgelöst wurde, wie sie ihn auf ihrem 2020er Jetzt-schon-Klassiker-Album "Ummon" etabliert haben.
So war es - auch wenn sowohl die "Spache Is The Key"-EP als auch das Debütalbum "La Planète Inexplorée" durchaus großartiges Material erhalten -, durchaus verständlich, dass das Set beinahe Hälfte/Hälfte aus den monströsen Oberkrachern von "Ummon" und dem noch düstereren neuen Werk "Ilion" bestand.

Und so groß ist die Hitdichte dieser beiden Werke, dass man einige Stücke schon vermisste. Aber was soll man machen, auf dem Energielevel kann man ja nicht jeden Abend zweieinhalb Stunden auf der Bühne bleiben. In dem Sinne gab es nach neun Epen, von denen Songunkundige wahrscheinlich oft gar nicht sagen konnten wann sie endeten und begannen, auch trotz restloser Begeisterung nur verhaltene Zugaberufe. Slift hatten ihr Statement einfach abgegeben und es war klar, dass man nicht noch mehr verlangen konnte. (Mal ganz davon abgesehen, dass Konzerte im reeperbahnnahen Club eh nie bis in den Morgen gehen.)

Klar, insbesondere "Citadel On A Satellite" hätte ich natürlich gerne noch gehört. Ernsthaft gesehen war ich aber mehr als zufrieden. Aus Clashgründen hatte ich ihre erste Show auf dem Roadburn Festival 2022 ja vor "Lions, Tigers and Bears" verlassen müssen. Und das Ding konnte ich hier eindrucksvoll nachholen. Ansonsten ist es eigentlich unmöglich zwischen dem bereits ikonischen "Ummon", "Nimh", "Hyperion" oder der Singularität "Weaver's Weft" alle Höhepunkte aufzuzählen. Ein kosmisch chaotisches Inferno!

Natürlich kann und wird noch sehr sehr viel passieren, doch für den Moment haben sich Slift für mich ganz klar das Doppel aus Album des Jahres und Clubkonzert des Jahres gesichert. Chapeau!








2024-03-16

YĪN YĪN, PACHYMAN und SCHERRY live im Knust, Hamburg (14. März 2024)


Donnerstag erlebte das ausverkaufte Knust eine außerordentliche Liveparty, und vielleicht sollte ich versuchen, mit meinen Berichten etwas schneller zu werden, denn was auch immer ich hier als Einleitung schreiben wollte, ist meinem Kopf schon wieder entflohen. Egal, kommen wir also gleich zum ersten von zwei Solokünstlern, die als Support dabei waren:






SCHERRY
Touren ist Familienbusiness. Als erstes kam der ehemalige Perkussionist und Bruder des Bassisten des Headliners auf die Bühne. Scherry spielte allerdings komplett elektronische Musik. Ein paar leicht weltmusikalische Anklänge der Marke Yīn Yīn waren aber unschwer erkennbar auch Bestandteil des synthwavegetränkten, mal leicht experimentell sperrigen, oft ummpffummpffummpfftanzbaren Sound des sharp-dresseed Dutchman.

Das war zwar nichts, was ich zwingend zu Hause hören müsste, doch live ging die boombassend groovende halbe Stunde dieser Show sehr flott vorbei. So ein kleines bisschen nerdiger Alleinunterhalter-Cringe/Charme gehörte dazu, vor allem während des mir wie so oft eher passiv bekannten  Achtziger-Jahre-Synthpop-Hits, von dem ich mir eine Textzeile hätte merken sollen, um Titel und Originalinterpret auf die Reihe zu bekommen. Stellt sie mir in einer Reihe auf wie im "I Want It That Way"-Cold Open von Brooklyn 99, und ich erkenne ihn bestimmt wieder! Bestimmt irgendwas mit Schulterpolsterjackett.








PACHYMAN
Als nächstes durfte ich mich mal wieder weit aus dem Balkon meiner Komfortzone hinauslehnen, sind doch karibische Klänge mit ihren plakativ fröhlichen Melodien nicht mein tägliches Brot. Mit Dub allerdings habe ich durchaus schon hier und da Berührungspunkte. Ursprünglichen Reggae Dub, in dem das Mischpult zum Hauptinstrument wird, habe ich bisher aber noch nicht live gesehen.

Auftritt Pachyman, der neben live performten Tasten auch alle vorproduzierten Instrumente tatsächlich selbt eingespielt hat. In der Show ging es aber eher darum, die jamaikanischen Sounds und Grooves durch blitzschnelles Reglerschieben, Knöpfchendrehen und Effektbedienen spontan ein- und auszublenden und zu manipulieren. Das ist schon ziemlich cool, zumal der vor guter Laune platzende Puortorikaner dies auch sehr schön sichtbar präsentierte. Eine interessante Horizonterweiterung und musikalisch für eine Weile auch ansprechend, wurde ich während der letzten zwei, drei Tracks aber schon ein wenig ungeduldig auf die Hauptband des Abends... 










YĪN YĪN
Yēah yēah! Als die Niederländer zum letzten Mal hier zu Gast gewesen waren, hatte es mich auch schon ungemein gejuckt zu kommen, doch leider siegte angesichts vollen Terminkalenders und leerer Kasse die Vernunft. Für diesen März allerdings ist jene zum Glück ausgeschaltet. Und nachdem ich nun erlebt habe, was für Feuerwerk dieses Quartett im Fujiyamapyjama abbrennt, wird zukünftiger Verzicht sicherlich ungleich schwerer fallen.

Wie kann man diese Show angemessen zusammenfassen? Auf mit Tigerfell bezogenen Sitzen ist das Publikum im Glitzercabrio vom Westernsaloon zum Discotempel in Tokyo, durch die Feierviertel Neu-Delhis und Berlins und über die Milchstraße gecruist. Wie schrieb ich im Review zum neuesten Album "Mount Matsu"? Siebziger-Funk trifft Italodisco und Kraftwerkrobotik. Japanischer Pop morpht zu Krautrock und Thaibeat surft mit Memphis-Soul und anderen Amerikana.

Live entwickelte dies nun eine noch immensere Partystrahlkarft als auf Konserve, wobei die Tatsache, dass die Band bereits über einen Monat auf Tour war, auch keine unwesentliche Rolle spielte. Alter, was waren die eingespielt! Wenn das Highlight der Show ein langes Drumsolo kurz vor der Zugabe ist, kann dies bedeuten, dass die Band ansonsten nicht ganz so prächtig unterhalten hat. Hier galt das komplette Gegenteil! Der Drummer, dessen Setup mit Rototoms, Bongos, Timbale und großem Gong schon ein Hinkucker war, erwies sich einfach nur als absolutes Tier und konnte einer an sich schon perfekten Show noch das i-Tüpfelchen aufsetzen.

Was braucht man mehr? Humorvolle Typen, die sich selbst nicht allzu ernst nehmen? Check. Ein Geburtstagskind auf der Bühne. Check. Alter, was war das gut! Ich könnte hier nun eigentlich alle Musiker einzeln mit Lob überschütten, doch die Hauptgewinner sind hier ganz klar die Gruppe als Ganzes, ihr global vereinendes Konzept und die Liebe zur Musik an sich.

Phänomenales Dutchploitation-Tanzkino!