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2018-08-14

CHELSEA WOLFE + PETER WOLFF live im Kampnagel, Hamburg (12.08.2018)

Chelsea Wolfe


Freitag vor dem Konzert des Sun Ra Arkestra kühlte ich mir mit einer Afri Cola den Ellbogen, nachdem mich im "Avant-Garten" des Kampnagel Kulturfabrik eine Bremse gestochen hatte.

Zwei Tage später nutze ich auf der Hinfahrt zum Konzert von Chelsea Wolfe trotz im Vergleich zu den vorigen Wochen relativ frischem Wetter die Klimaanlage im Auto, immer noch, um meinen heißen Arm zu kühlen.

Montag morgen dachte ich zunächst, der Scheiß wäre durch, da Schwellung und Rumgeeitere sich zurückgezogen hatte, doch dafür streuten nun Schmerzen bis zur Schulter und in die Finger. Nun sitze ich also hier, muss planmäßig noch neun Tage lang Antibiotika nehmen und darf meinen rechten Arm eigentlich möglichst gar nicht belasten oder benutzen. Im Grunde ist also schon böse, diesen Konzertbericht zu schreiben. Ich fasse mich also kurz.

Es gibt also leider keine Gourmetkritik des kampnagel-internen Restaurants "Peacetanbul", in dem wir bis zum Einlass noch gespeist haben. Dabei ist der Fraß wirklich gut.



Der Konzertabend, genau wie Freitag wieder im KMH, begann mit dem namentlich passenden Supportact Peter Wolff. Fehlte ja nur noch Anna von Hausswolff als Co-Headliner.

Wolff, während dessen Auftritt es für meine Spielzeugkamera komplett zu dunkel war (also keine Fotos), bestritt alleine ein hauptsächlich von elektronischem Brummgefurze und sparsamem, elegischen Klavier geprägten Auftritt. Die soundtrackartige Musik zwischen Dark Ambient, Drone und gelegentlichen Klassikeinflüssen, war nicht gerade tanzbar partytaugliche Kost, aber für Chelsea Wolfe eine durchaus passende atmosphärische Hinführung, welche von ihrem Publikum auch erwartungsgemäß unbanausig aufgenommen wurde.
Nur wann genau man am besten klatscht, ist bei solcherlei Aufführungen natürlich immer noch ein ungelöstes Rätsel. Gute Musik war es auf jeden Fall.



Chelsea Wolfe


Chelsea Wolfe kam, sah und herrschte.

Dank nur seitlich und von hinten angestrahlter Bühne fast nur als Silhouette auf zehn Meter hohen Plateaus zu sehen, ließ die Königin der Dunkelheit schon mit dem Opener "Carrion Flowers" von "Abyss" keinen Zweifel über die Route des Abends aufkommen.
Dröhnend, pulsierend, ranzig, heavy - und kraft ihrer Stimme doch auch immer geisterhaft schwebend und unheilvoll betörend.

Es standen noch mehr "Abyss"-Tracks auf dem Programm, mit "Demons" und "Feral Love" auch zwei ältere Stücke, vor allem aber natürlich der schwer groovende Gothicdüstermetal des aktuellen 2017er-Albums "Hiss Spun".

Dass Wolfe - ob nun mit oder ohne ihre fabelhafte aktuelle Liveband, die mich ja auch schon auf dem letztjährigen Roadburn Festival überzeugt hatte - irgendwann wieder ins eher stillere, darkfolkloristische Fach zurückkehren wird, kann und darf man sicherlich nicht ausschließen.
Im Moment jedoch scheint sie die direkte, brutale Linie ihrer Performances noch in vollen Zügen auszukosten.

Und spätestens nachdem sie sich im schweißtreibenden Finale "Scrape" sirenenartig heulend an den Bühnenrand - und beinahe ins Publikum - geworfen hatte, war das wohl auch dem letzten Besucher klar.


"I don’t want to be dramatic but I would die for her" oder "I'd destroy nations at her command" sind unter YouTube-Videos von Chelsea Wolfe ja ganz alltägliche Gefühlsregungen.
In Hamburg hat sie sicherlich wieder neue potentielle Weltenzerstörer hinzugewonnen.

Wir hoffen besser alle, dass sie die große Macht zu ihren Füßen auch in Zukunft stets mit Verantwortung nutzt.


































2018-08-12

SUN RA ARKESTRA live im Kampnagel, Hamburg (10.08.2018)

Sun Ra Arkestra


Aus dem 1 x 1 der Clubkonzertkultur:

Ist der Saal bestuhlt, wird während des Konzerts gesessen. Gibt es keine Stühle, so steht man.

Hamburg, Freitag, weit nach zehn Uhr im Kampnagel, es ist ein sehr spätes Konzert, zu dem ich viel zu früh erschienen bin. Nach langer Wartezeit vor der Saaltür begebe ich mich direkt an die Bühne. Die anderen Erste-Reihe-Streber machen Sit-In auf dem Boden. Dann zwei Leute mit von irgendwo mitgebrachtem Stuhl. Das kann nicht gutgehen. Ich stehe schon, der Typ fragt mich, ob ich das Konzert über stehen werde. Ja, was denn sonst?

Schließlich kommt der erste Bühnenebel, die sitzenden Besucher stehen auf und hinter beginnt ein Trottel, sich darüber aufzuregen. Alter, was suchen diese Figuren auf Konzertveranstaltungen?

Jazz, ey. Das ist das Blöde an der Musik.



Ich erinnerte mich zum Glück noch einigermaßen, wie Konzerte funktionieren, obwohl mein letztes ja auch schon ewig her gewesen war. Abgesehen vom Roadburn Festival waren da eigentlich nur meine beiden eigenen Shows im Mai. Es hat mich zwischenzeitlich ein paar Mal gejuckt, aber letztendlich war dann doch immer etwas anderes. Und irgendwie verlangt man nach einer Weile auch, dass diese Pause mit einem richtigen Knaller enden muss. Wie gut, dass ich, während ich mein Kamasi Washington-Review schrieb, recht kurzfristig noch entdeckt hatte, dass das Sun Ra Arkestra ja immer noch live spielt. Und dass eine jener nicht mehr allzu zahlreichen Europashows ausgerechnet in Hamburg bevorstand. Sauber!


Sun Ra Arkestra


Der Meister selbst, mysteriöser Schöpfer des Afrofuturismus, weilt ja seit den frühen Neunzigern nicht mehr unter uns und hat die Rolle des Big-Band-Leaders somit an seinen langjährigen Saxophonisten Marshall Allan abgegeben. Der bereits vierundneunzigjährige Musiker spielt seit 1958 in der Band. Überhaupt ist in dem heute zwölfköpfigen Ensemble (es konnten wohl nicht ganz alle kommen) kaum jemand dabei, der sich nicht schon seit Jahrzehnten legendären Status erspielt hat.

Was die betagten Heeren in ihren glitzernd bunten afrikanisch-interstellaren Bühnenoutfits (plus die glamourös fabulöse Tara Middleton am Mikrofon) in den brühend warmen, ausverkauften Raum gefeuert haben, war unfassbar. Fast die ganze Zeit auf Anschlag im Whiplash-Tempo, bei dem die Rolle des zweiten Perkussionisten hauptsächlich darin bestand, mit der Standtom einigermaßen die Ordung zu halten, fegte das Arkestra durch ein sicher über zweistündiges Set, voller irrer, gerne an der Harmoniegrenze tanzender Improvisationen.
Ruhepausen gab es nur wenn ein Basssolo oder Klavierzwischenspiel anstanden oder es bei einem bluesigen Thema zumindest relativ etwas gemächlicher zuging.

Es ist unmöglich, hier alles herauszustellen, was an diesem Konzert musikalisch herausstach.
Ich stand am Bühnenrand (hier auf Spiegel Online festgehalten, haha), direkt mit der Nase zum Saxophonistentrio aus Allan, James Stewart und Knoel Scott, und alleine was diese drei, die sich in der Praxis auch die Leitung der Band auf der Bühne aufzuteilen scheinen, dem hamburger Publikum boten, sprengt hier schon jeden Rahmen.

Marshall Allans schrille hohe Soli dürften sicherlich John Zorn maßgeblich beeinflusst haben. Überhaupt, wen haben diese Typen nicht beeinflusst? Ein Großteil der Musiker des Sun Ra Arkestra macht diesen Scheiß schon länger, als es die meisten Musikgenres, die ich höre, überhaupt gibt.
Und dann hat er natürlich noch dieses super skurrile elektrische Blasinstrument mit Modulationsrad, welches ihm erlaubt in Sekundenschnelle von allerhöchsten zu dröhend tiefen Frequenzen zu wechseln. Da die Position von Sun Ra selbst in der Band bewusst vakant gelassen wurde, ist dies neben der Gitarre auch die Hauptquelle für spacig abgefahrene Sounds.

Auch Urmitglied Scott ist eine Show für sich. Spielt sich auf Saxophone und Conga in Trance, singt und begibt sich in der zweiten Showhälfte irgendwann zum rechten Bühnenrand, wo er wie ein Irrwisch zum Afrobeat den Space Dance tanzt. Als er zu seinem Platz zurückkehrt und sich gleich wie ein besessener die Trommel schnappt, muss sogar Stewart schon über den Übereifer lachen.

Das ist neben dem physikalischen Wunder, wo zum Teufel diese Musiker bei dem Klima ihre Kondition herzaubern (Jupiter, Herkunftsplanet Sun Ras, ist wahrscheinlich die Antwort), überhaupt das zentrale Element der kompletten Show: dieses intergalaktische Dutzend hat einen unbändigen Spaß an der Sache, der absolut ansteckend ist.
Und wie er sich nicht nur in Polonaisen durchs Publikum, sondern auch musikalisch in den Freejazz-Eskapaden der Band manifestierte, das machte das Konzert für mich zu einer der verrücktesten, außerirdischsten Performances, die ich je gesehen habe.

Das Sun Ra Arkestra live zu erleben, das steht für mich auf derselben Augen öffnenden bucket list wie Magma, Sunn O))), Laibach, Swans. Legendär ohne Ende.


Es bleiben zwar kleine Fragen (Warum hatte Tara Middleton ihre Geige nicht dabei? Warum spielte Farid Abdul-Bari Barron im letzten Drittel nur noch sporadisch Klavier? Ich vermute, die Pedale waren defekt.), doch das ändert alles natürlich keinen Millimeter an der Höchstnote für dieses Liveerlebnis.

T-Shirts in ein, zwei Größen voluminöser wären noch nett gewesen. Ich war so verschwitzt, dass ich nicht darauf verzichten konnte, aber es ist schon eine ziemliche Wurstpelle für mich, haha.


Heute Abend geht es schon wieder Richtung Kampnagel, selbe Bühne im relativ kleinen KMH. Die Königin der Dunkelheit, Chelsea Wolffe, bittet zur Audienz. Da bin ich doch mal gespannt, wie sie mich aus meiner aktuellen Jazz mood herauskicken wird.































2018-08-10

↯↯blitz↯↯ review : DAVE GROHL - Play

Ok, let's try something new here and let me just briefly babble about something I've just seen on this "internet" a couple of minutes ago.

Dave Grohl, drummer of Nirvana and mastermind behind Probot, among a couple of other gigs, has dropped something truly spectacular:

the invention of the 20+ minute instrumental song.


Are you still with me?

Yes?

Ok, then you should better leave now, because that's bullshit.

But anyway, here's "Play":




At least I assume that's also the title of the track, since it's embedded in a half-hour short documentary of the same name, about kids learning instruments. Which is cool, but seriously, who cares?

Do I care about Dave Grohl?

Nah, not so much. He surely is a great guy and musician, but he doesn't play in any band I'm particularly interested in. So naturally I was a little sceptical about this.


But hey, this is really something!

Considering how often I have listened to the tune now (which is exactly once), it's hard to acknowledge how much songwriting finesse went into the piece as a whole, so I won't go into that.
The technical structure however is easy to grasp. The song is divided into three acts, which are seperated by transitions in which Grohl changes from one drumkit to the next.

And that brings us to the main attraction of this whole thing.
It's not about playing an instrumental longtrack. Millions of musicians have done that.

No, the special thing is that this track is audio and video recorded in uneditet takes, meaning that the whole song is played on bass in one uninterrupted take, so if the bass player screws up at mark 19:00 minutes, he has to start all over again.

And since every musician here is Dave Grohl, he had to be recorded over and over again for this until he got every instrument right for the whole 20+ minutes. Boy, that must have been nerve-wracking.

That's the first entertaining aspect of this. Secondly there is the bravery of including instruments he doesn't usually play. You can see that he isn't highly confident behind vibraphone, keys or some percussion instruments, and this display of vulnaribility is probably what I like most about this whole thing. It would be even better if he had centered more on this aspect.


Musically this is absolutely solid. The three acts are each made of multiple parts themselves and can mostly be described as modern punk'n'rolly version of classic prog. So there are lots of "unexpected" changes and style shifts. Nothing totally world-class-level overwhelming, but given that Grohl is tapping into new ground for him here, this is really more than fine.


There are only a few details which bothered me after my first (and only) listen: The transition from act II to act III was lame. I expected some other idea there. As I said a moment ago: more focus on the unfamiliar instruments would have made this even more charming.
Guitars and bass are great, only in a couple of parts the riffs are dragging a little, and since this isn't meant to be nihilistic minimalistic doom, that's not good.

The only instrument that bothered me here and there through the whole piece were the drums.

Yes, Dave Grohl is a fucking great drummer. The only problem is that he knows it, so doesn't want to hold back when it would be the better move. And I get it, it's understandable: He wants to show off that this is his ultimate comfort zone, the instrument that defines him as a musician. And that doesn't fit with the tone he sets on the other instruments.

So maybe he should have played the whole song like act II on a ridiculously small kit which challenges him even there in his "home".


That being said: Check the video out! It's probably the coolest viral thing from a musical artist of this profile which will be "dropped" this year.

And if it gets people into listening to instrumental long tracks, that's cool too, I guess.


Welcome Foo Fighter children to the world of prog, psychedelic, post rock, jazz, drone, film scores, doom, etc...!





2018-08-07

Sommer 2018

 


Es reicht, ey. Heute unterwegs zwischen Kellinghusen und Mühlenbarbek mal spontan das Sinnbild für diesen Dürresommer geknipst.


2018-08-05

THE OSIRIS CLUB - The Wine-Dark Sea

Und dann war da ja noch ein entscheidender Grund, neulich beim Sommer Sale von Indie Records zuzuschlagen.

Die Aufnahmesessions lagen schon eine ganze Weile zurück, doch aus irgendwelchen Gründen hat es doch noch eine längere Weile gedauert, bis der Nachfolger zum Debüt "Blazing World" endlich das Licht der Welt erblickt hat. Nun ist sie aber da, die neue LP von The Osiris Club:




THE OSIRIS CLUB - The Wine-Dark Sea (LP) (2018)

Schnell wird klar, dass die Band sich treu geblieben ist und auf ihrer bewährten Formel aufgebaut hat. In neun Songs, von denen der letzte, "Winters Night On Sentinel Hill", als dreiteiliger Longtrack allerdings mehrfach zählt, gibt es wieder reichlich traditionellen Psychedelic Rock auf die Ohren, eins zu eins mit Prog gemischt und als Ganzes dann mit Hardrock / Metal vermengt.

Das Album durchzieht eine gespenstisch mysteriöse, aber auch höchst britische, irgendwie immer etwas kauzige Atmosphäre.
Nicht jeder Track ist hier der ganz große Wurf, doch das Einstiegsdoppel aus "Wormwood Grange" und der Dank Kristoffer Rygg (Ulver) als Gastsänger gothicsanften "Island Of Stone", sowie der B-Seiten-Opener und Oberohrwurm "Ringing The Changes" und der bereits erwähnte große Abschluss holen die Kohlen für die nicht ganz so schmissigen Anteile locker aus dem Feuer.

Doch, das ist alles schon interessantes Zeug. Wirklich verbesserungswürdig finde ich nur, dass unter den breiten - und bewusst in ihrer Kombination klangmatschigen - Arrangements aus Keyboards, teilweise auch Saxophon und dem stets mit viel trippigem Hall präsentierten Gesang, die Rhythmussektion noch zu dumpf geraten ist. Ein klareres, knackigeres Schlagzeug könnte hier noch mehr Drive und Ordnung schaffen.

Da bin ich ja jetzt schon gespannt, wie Randall Dunn, mit dem die Band bereits am Nachfolgealbum arbeitet, den Sound der Gruppe konservieren wird.

Doch weg von der Zukunftsmusik, zurück zu "The Wine-Dark Sea".

In meiner letzten Kritik habe ich noch vergebens nach insgesamt mit The Osiris Club vergleichbaren Band gesucht. Da ich den Verweis mehrmals gehört habe, habe ich nun mal recherchiert und mir ertmals ernsthaft ein paar Videos von Ghost angeschaut.

Erstens: Hey, die sind ja gar nicht übel.
Zweitens: Ja, das haut schon hin. Nicht hundertprozentig zwar, aber man könnte durchaus behaupten, dass The Osiris Club eine aus obskureren Einflüssen zusammengesetzte, kryptischere Version von Ghost ist. (Auch wenn The Osiris Club anders als auf dem Roadburn 2015 live mittlerweile keine Masken mehr tragen.)

Super. Dann ist die Sache jetzt also auch endlich mal geklärt.





Highlights: Winters Night On Sentinel Hill, Ringing The Changes, Island Of Stone, Wormwood Grange



2018-08-04

ZEAL & ARDOR - Stranger Fruit

Für viele Fans und Kritiker war es das Demo bzw. die EP des Jahres 2016, für andere nach kurzzeitiger Verknappung und Wiederveröffentlichung gar das Album des Jahres 2017. Mit dem Zeal & Ardor-Debüt "Devil Is Fine" hat Manuel Gagneux also zweifellos  einiges richtig gemacht.

Und schon im nächsten Jahr folgte nun das erste richtige Full-Length-Album. Das Ein-Mann-Projekt ist inzwischen zur Liveband geworden, hat renommierte Festivals gespielt (u.a. eine geradezu historische Roadburn-Show; und heute Nacht machen sie den Wacken-Rausschmeißer). Und neben zahlreichen Clubshows durfte man auch auf Einladung von Tom Morello für die Prophets Of Rage eröffnen. Für eine Gruppe, deren Konzept auf einen ausgerechnet durch einen rassistischen Troll inspirierten Stilmix aus schwarzen Sklavengesängen und Black Metal beruht, erscheint das alles doch ziemlich enorm bis außerirdisch.

Teuflische Fügung oder glücklicher Zufall sind hier aber nicht am Werk. Zumindest nicht exklusiv. Denn wie ich schon sagte: Manuel Gagneux hat einfach einiges richtig gemacht.

Und zu diesem Einigen gehört ganz eindeutig auch das Album "Stranger Fruit":





ZEAL & ARDOR - Stranger Fruit (2LP) (2018)


Ich habe dieses Review nun eine ganze Weile vor mir hergeschoben, obwohl meine Meinung zum Album schon längst gefestigt ist. Ich hatte nur bisher keine Lust anzufangen, weil es so schwer ist, über Zeal & Ardor zu schreiben, ohne jedes Mal die komplette Geschichte aufzudröseln, was allerdings schon unendlich viele Interviews und Rezensionen getan haben - und auch ich selbst schon mehrfach in diesem Blog. Es nervt einfach, die x-te Kinoversion von Batman oder Spiderman zu sein und doch wieder bei der Originstory anzufangen.

Es ist fast ein wenig paradox: Zeal & Ardor sind so originell und einzigartig, dass sie ihre mediale Rezeption großenteils in die Gleichförmigkeit zwingen.
Klar, die einen lieben es, die anderen hassen es. Aber an den erklärungsbedürftigen Tatsachen, welche Arten von Musik hier gemischt werden und wie es dazu kam, ändert dies ja nichts.

Und schon begibt man sich auf einen mittlerweile eher unbedeutenden Nebenschauplatz. Klar, der afroamerikanischen Geschichte einen fiktiven satanischen Anstrich zu geben und gleichzeitig den leichenblassen Black Metal mit "echter" schwarzer Musik zu kreuzen, ist cleverer als es auf den ersten Blick scheint und wunderbar doppelt getrollt. Doch letztendlich ist diese grundlegende konzeptionelle Provokation eigentlich ziemlich unwichtig.

Denn auf der einen Seite des Spektrums ist kaum jemand vorhanden, der tatsächlich angepisst ist: Die Black music, deren Wurzeln in Chaingang, Gospel, Blues Zeal & Ardor aufgreift und umkehrt, ist schlicht viel zu mannigfaltig und gigantisch, um von diesem einen querschießenden Spaßvogel überhaupt nennenswert Notiz zu nehmen.

Und die lautstarken ultraorthodoxen Black Metaller, die sich culturally appropriated fühlen? Who fucking cares? Die waren und sind als Stimme der Musikkritik ähnlich relevant und schutzbedürftig wie Jazzpolizisten, die im Jahr 2018 immer noch heulen, dass Free Jazz ja gar keine Musik, sondern nur reiner Krach sei.


Zeal & Ardor live at Roadburn

Nein, der Schlüssel zum Verständnis, was den explosionsartig wachsenden Erfolg von Zeal & Ardor ausmacht, liegt nicht darin, welche Subkulturblockwarte sie herausfordert. Dazu sind diese Gruppierungen zu unbedeutend. Wer glaubt, dass diese Musik primär geschrieben wurde, um sein persönliches Scheuklappentum zu kitzeln, der nimmt sich selbst definitiv zu wichtig.
Ja, es ist ein Nebenprodukt. Doch über die Provokation oder die Suche nach Anerkennung in spezifischen Subgenre-Szenen gehen Zeal & Ardor weit hinaus.


Was auf dem Weg zu "Devil Is Fine" noch als skurriles, spaßiges Experiment begann, ist inzwischen in einem eigendynamischen Prozess zu etwas viel Bedeutungsvollerem geworden. Auch wenn die Produktion der EP noch Schwächen hatte und der Anteil richtiger Songs gegenüber stilistisch vollkommen wild ausscherenden Zwischenspielen noch zu wünschen übrig ließ, war das Ding doch insgesamt dermaßen überzeugend, dass man es unmöglich als reinen Scherz aufnehmen konnte.

Die kurzen, vor allem aus gospelartigen Wiederholungen einprägsamer Parolen bestehenden Texte ließen einem viel Raum, um für sich selbst eine Geschichte darum zu spinnen.

Und dies gilt für "Stranger Fruit" nun noch viel mehr. Schon der Albumtitel selbst impliziert, dass Gagneux selbst nun einen breiteren Rahmen als eine alternative Pulp Fiction amerikanischer Geschichte anstrebt.

In Billie Holidays "Strange Fruit" war jene sonderbare Frucht ein erhängter Schwarzer, Opfer eines Lynchmordes in den Südstaaten.
Die moderne "Stranger Fruit" Zeal & Ardors offenbart sich im Innencover der Platte als Apfel mit Einschusslöchern. Es ist der schwarze US-Amerikaner, der - ganz egal ob er wegläuft oder stehen bleibt, sich wehrt oder kooperiert - von der Polizei erschossen wird.





Der Bogen vom Damals ins Heute ist also gespannt. Doch der Subtext geht auch noch über die schmerzhaften Stillstände afroamerikanischer Geschichte hinaus.

Niemand ist nur seine Hautfarbe. Manuel Gagneux ist schwarz. Er trägt, was der Rezensent eines prominenten deutschen Metalmagazins in geradezu erstaunlicher alltagsrassistischer Ignoranz eine "Hipster-Frisur" nennen musste.
Er ist aber u.a. auch ein universell an Musik interessierter Multiinstrumentalist und Sänger, der zusammen mit seinen schweizer Kumpels in der Weltrock'n'rollhauptstadt Basel lebt. Und Zeal & Ardor funktioniert auch in diesem nicht so sehr täglich von Black Lives Matter durchdrungenem Umfeld.


"Stranger Fruit" ist eine Sammlung von sechzehn Tracks. Alle übrigens wieder beinahe exklusiv von Gagneux eingespielt. Doch da er sich für das Schlagzeug Hilfe geholt hat und nun bewusst für eine Liveumsetzung schreibt, klingt es jetzt jedoch tatsächlich wie ein "richtiges" Band-Album.

Es gibt zwar wieder ein paar Intermezzos und ein Intro, für welches sogar ein Musikvideo als Albumteaser gedreht wurde, doch diese sind über weiteren Raum verteilt, der ansonsten in erster Linie von ohrwurmverdächtigen und radiotauglich kurzen Songs der bewährten "Devil Is Fine"- und "Blood In The River"-Methodik dominiert wird.
Dabei klingen die Leadgesänge nun weniger nach pseudohistorischen Samples (ein guter Gag, der aber für mehr als die EP nicht aufrecht ztu erhalten war), die Gospel-Kanongesänge sind noch feiner ausgearbeitet - und auch der Black Metal-Anteil knallt um einiges brachialer.




Doch Zeal & Ardor öffnet sich musikalisch auch zu anderen Spielarten. Einflüsse aus Blues und Industrial gab es bereits auf der EP, und hier werden sie noch deutlicher. Doch auch melancholischer Indierock, Soulgesänge und lateinische Düsterkirchenbeschwörungen, an System Of A Down erinnernde Grooves oder Anflüge von Thrash Metal verbergen sich auf diesem Album und melangieren zu einer erstaunlich stimmigen - und irgendwie sehr vertraut klingenden - Gesamtheit.

Ich kann "Stranger Fruit" jedenfalls nur wenige Vorwürfe machen. Das eine oder andere Stück fadet mir zu unmittelbar aus und hinterlässt den Eindruck, dass sich der beste Teil doch noch entwickeln sollte. Was allerdings auch eine nervige Eigenheit sehr vieler alter 7"-Singles ist und sich daher auch fast wie eine Reminiszenz anfühlt.

Und wenn Musik so sehr auf Catchiness gebügelt ist, dann können einem ein, zwei Songs zwischenzeitlich auch mal etwas über sein. Anderseits schafft es ein Stück wie das flotte "Row Row" dadurch auch, sich in meiner Gunst von nee, ist doof zu yeah, geil ins Ohr zu dremeln.




Als Fazit bleibt mir neben der obligatorischen absoluten Empfehlung nur noch, aufzulösen in wessen Tradition ich persönlich Zeal & Ardor wirklich sehe.

Musik, die sich auf originelle, vorher nicht gehörte und schwer kopierbare Art quer durch alle Genres bedient, im Vorbeigehen festgefahrene Fanatiker verärgert, vor allem jedoch Hörer aus verschiedensten Ecken zusammenbringt und stadiontaugliche Resonanz erzeugt: Faith No More anyone?

Rebellische, parolenartig eingehämmerte Texte, die sich an konkreten Problemen aufhängen und doch darüber hinaus universal und zeitlos auf zahlreiche weitere Ärgernisse in Gesellschaft und Conditio Humana anwendbar sind: Rage Against The fucking Machine!
Es ist eben kein Zufall, dass Tom Morello Premiumfan ist.

Und System Of A Down habe ich vorhin ja bereits genamedroppt.


Also:
Ein grandioses Album einer der originellsten und wichtigsten Metalbands der Gegenwart. Don't you dare listen away, boy!





PS: Schallplattenhörer aufgepasst! Das Intro ist gar nicht so doomig, wie ihr denkt. Dies ist eine 45rpm-Doppel-LP.

 




Highlights: Don't You Dare, Ship On Fire, We Can't Be Found, Stranger Fruit, Row Row, Waste