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2018-11-29

CHARLES BRADLEY - Black Velvet

Die im zarten Alter von sechzig Jahren gestartete internationale Karriere von Charles Bradley ist ja eines der raren wirklich bewegenden Pop-Märchen der jüngeren Vergangenheit. Zu schade, dass der späte Höhenflug im September letzten Jahres durch den Krebs beendet wurde.

Ganz aus dem Nichts kam der Aufstieg des "Screaming Eagle of Soul" natürlich nicht, hatte der Mann doch schon viele Jahre als Solokünstler live gespielt und Singles veröffentlicht; zudem trat er unter dem Namen "Black Velvet" in einer James Brown-Tributband auf. Dieser Künstlername ist nun auch Titel eines kürzlich posthum erschienenen Albums.




CHARLES BRADLEY - Black Velvet (LP) (2018)


Zunächst einmal muss man natürlich dem Verdacht nachgehen, dass es sich hier um das vorweihnachtliche Recycling eines Backkataloges handeln könnte. Doch tatsächlich sind die Songs allesamt entweder bisher unveröffentlicht oder nur in begrenzter Auflage als 7"-Single erschienen. Es ist also kein Best Of der Album. Könnte sich aber immer noch um Ausschussverwertung handeln, oder?

Zum Glück wurde aber keines der zehn Stücke aus dem Abfall gefischt. Nein, das hier ist alles Qualitätsmaterial. Und dafür, dass alles aus unterschiedlichen, über Jahre verteilten Sessions stammt, klingt das Gesamtwerk erstaunlich koherent. Das ist neben Bradleys eigener Präsenz vor allem der äußerst souveränen Menahan Street Band zu verdanken, die ihn begleitet. Der Titelsong ist sogar - für eine Veröffentlichung dieser Art ungewöhnlich - ein Instrumentalstück der Gruppe, welches sich perfekt einfügt und sowohl als Homage der Musiker an den Sänger als auch Respektbekundung des Labels an die Band verstanden werden muss.

So wie Charles Bradley inklusive der markerschütternden Soul-Schreie mit unglaublicher stimmlicher Ähnlichkeit zur kompletten Bandbreite von James Brown brilliert (am ehesten emanzipiert er sich in den gefühlvollsten, mit seiner eigenen Lebenserfahrung angereicherten Passagen vom Godfather, doch eine achtzigprozentige Übereinstimmung bleibt immer), so taucht auch die Menahan Street Band komplett in den Sound vor allem der Soulphase des Vorbilds ein. Und mit einem Gospelchor im Hintergrund vervollständigt sich das Bild zu einer perfekten The Famous Flames-Wiederauferstehung. Zumindest wenn dies gewollt ist zumindest.

Denn neben den deutlichen Reminiszenzen an den klassischen Brown-Sound, der ja passenderweise in eine Zeit fällt, als Musikalben noch keine originären Werke, sondern Kompilationen von Singles waren, setzt die Gruppe auch eigene Akzente und verweist wie z.B. in der spoken-words-lastigen Ballade "(I Hope You Find) The Good Life" auf modernere Sounds.

Der Song auf den ich am ehesten verzichten könnte, ist wohl das Neal Young-Cover "Heart Of Gold", welches schon auf Tori Amos' Coveralbum "Strange Little Girls" nicht zu meinen unbedingten Favoriten gehörte.

Eine andere Fremdkomposition hingegen überzeugt mich dafür umso mehr. Ausgerechnet dem Fuck-everything-Nirvana-Song "Stay Away" (nicht zu verwechseln mit "Slip Away" sechs Minuten vorher) hauchen Charles Bradley und seine Band hier ein neues, funky punchendes Leben ein, welche das Original erfrischend auseinandernimmt und zu etwas Ureigenem wiederaufbaut, das mir tatsächlich noch besser als bei Cobain und Co. gefällt.

Da die aus schön festem Karton hergestellte Plattenhülle zwar schlicht, aber eben auch schön klassisch gestaltet wurde, das Vinyl gut klingt und vor allem zu einem sehr fairen Preis angeboten wird, ist "Black Velvet" eigentlich ein Album, über dessen Anschaffung man nicht lange hin- und hersinnieren muss.

Für mich war's ein Spontankauf und ich bereue nichts. Ein würdiger Abschied von einem ganz großen Sänger.



Highlights: I Feel A Change, Don't Fight The Feeling, Stay Away, Victim Of Love (Electric Version), Black Velvet



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