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2018-11-25

IMPERIAL TRIUMPHANT - Vile Luxury

Neulich sah ich einen Artikel des Decibel Magazine, in dem eine Black-Metal-Band aus New York ihr fünf All-time-Lieblingsjazzalben vorgestellt hat. Ok, das passiert ja wohl nicht ohne Grund. Interessant.

Reingehört.

Alter, was für ein kranker Hirnfick!





IMPERIAL TRIUMPHANT - Vile Luxury (2LP) (2018)


Leute, gebt es zu: Egal, wie breit man geschmacklich sonst aufgestellt ist, hört man als Fan extremen Metals doch eigentlich nie richtig auf, nach dem noch irreren, noch bekloppteren Brachialkrach zu suchen. "Vile Luxury" ist mit dieser Mentalität ein Album, an dem unmöglich vorbeizuhören ist. Denn fuck, was ist das für ein gnadenloses, chaotisches und auf Melodien scheißendes Brett!

Und schon ist man evtl. auf den einen großen Trick von Imperial Triumphant hereingefallen.

Ok, komm etwas näher! Und pssst, nicht weitersagen! Bereit?
Schnall dich an: "Vile Luxury" is gar kein Metalalbum.

Yep, und damit meine ich nicht nur die Passagen, in denen sie ganz offensichtlich für wirklich jeden erkennbar keinen Metal spielen, sondern auch das laute Zeug!

Aber Stephan, ich höre da derbe böse verzerrte Saiteninstrumente, wildestes Schlagzeuggeprügel, und darüber wird geröchelt und geschrien!

Ja, das höre ich auch. Und ich gebe Dir recht, dass zumindest der Gesang wohl noch am ehesten als Metalkennzeichen gelten musst. Aber reicht Grunzen und Kreischen als alleinige Qualifikation zur Kategorisierung?

Und ist das wirklich Metaldrumming? Ich fühle mich hier her zu den Dead Neanderthals und der New Wave Of Dutch Heavy Jazz transportiert.
Und wo spielen Bass und Gitarre denn einmal wirklich eindeutig ein Metalriff? Die anderen Bands, die ich hier im Sechssaiterspiel heraushöre, sind nicht ohne Grund Exoten:

Die meisten Läufe erinnern mich nämlich ganz klar an die leider frisch aufgelösten norwegischen Psychedelicadvantgardisten Virus. Oder an die blackmetallischsten Seiten Toby Drivers, also die Kayo Dot-Alben "Hubardo" und "Choirs Of The Eye".
Ab einem gewissen Tempo ist dann gar keine Zeit mehr für lange Riffs. Die brutalen Licks oder Auflösungen in reinen Krach, zu denen es dann kommt, kann man vielleicht noch bei Grindcorebands finden. Oder im frühen Zeugs von The Dillinger Escape Plan.

Und klar, vielleicht wirst Du noch die eine oder andere Stelle finden, die direkt nach irgendeinem Song irgendeiner Metalband klingt.

Die Wahrheit ist jedoch: Auch wenn sie wirklich nur mit Bass, Gitarre, Schlagzeug prügeln und ihren Sound nicht gerade mit Piano, Synthesizern und vor allem einen Bläsersextett aus Trompeten, Posaunen und Tuba garnieren (ja, das findet auf dem Album nämlich auch sehr reichlich statt!), sind Imperial Triumphant tatsächlich ein advantgardistisches Freejazz-Trio - welches halt mit den Mitteln des Black Metal arbeitet.

Umso deutlicher wird dies, wenn man darauf achtet, wie souverän und kompetent die tatsächlich eindeutigen Jazz-Parts wie die orchestralen Big-Band-Bläser im Opener "Swarming Opulence", die Klavierakkorde in "Lower World", der schräg-loungige Einstieg in "Cosmopolis" (mal ganz abgesehn davon, was später in dem Song noch abgefahrenes passiert) sind.
Nein, hier bauen nicht Rockmusiker Jazzparts ein. Die Typen hier stecken knietief in der Materie. Das komplette überbordernd überfordernde, übertrieben überladene,  sich fast jeder Eingängigkeit verweigernde, kakophonisch lärmende Album hat den Namen John Zorn deutlich in alle vier Vinylseiten geritzt.

"Vile Luxury" kannst Du direkt nach John Coltranes Inferno "Ascension" auflegen. Die Kombo passt genau so zusammen, wie wenn man Alice Coltranes "World Galaxy" Sunn O)))s "Monoliths & Dimensions" folgen lässt. Hier existiert eine über mehrere Stationen fortschrittene musikalische Geschichte.


Und neben all of that jazz hat dieses experimentelle Schlachtfest ja noch so viele andere Details zu bieten. So haben wir unter diversen Gastvokalisten eine Sängerin die als hysterische Schreihälsin im Stile der aggressivsten Julie Christmas den Paniklevel durch die Decke gehen lässt und eine Opernstimme in "The Filth".

Am Ende von "Gotham Luxe" wird (nach Vorbild von Kate Bush?) plötzlich die Sprache gewechselt und ausgerechnet die deutsche Textzeile "lieber biegen als brechen" mantraartig wiederholt.
Der "Chernobyl Blues" wird logischerweise - und mit was für einer ähem... lieblichen Attila-Csihar-Gedächtnisstimme - auf russisch gesungen.


Als ob es nicht schon von Anfang an für untrainierte Ohren äußerst schwerhörige Kost wäre, wird "Vile Luxury" zum Ende hin sogar noch anstrengender und unverfrorener. Imperial Triumphant schmeißen hier nämlich jede Restidee traditionellen Songwritings von sich, um sich mit "Mother Machine" und "Luxury In Death" in den puren Todesjazztohuwabohustrudel zu werfen oder im Finale von "The Filth" in einer mehrminütigen, auf- und abschwellende reinen Krachkaskade zu ergehen.

Das ist doch keine Musik mehr!


Nein, was deine Mutter als Musik bezeichnet, ist das sicher nicht.

Aber es ist grenzenlos genial. Ich liebe diesen Scheiß.




Highlights: Cosmopolis, Swarming Opulence, Chernobyl Blues, The Filth



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