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2022-08-22

MOTORPSYCHO - Ancient Astronauts

Angesichts der hohen Arbeitsmoral der Norweger ist man ja bei jedem neuen Album von Motorpsycho, welches man in Händen hält, froh, es nicht verpasst zu haben. Und dann kommt ja auch noch der Backkatalog dazu... Die 2019er Neuauflage des exklusiv auf Vinyl erschienenen "Child Of The Future" von 2009 ist z.B. komplett an mir vorbei gegangen. Und jetzt, wo ich sie mir zusammen mit dem neuen Album bestellt habe, muss ich tatsächlich feststellen, dass ich jenes Album irgendwie zu unspektakulär, zu formelhaft finde. Vielleicht meine erste leichte Enttäuschung, seit ich die Band höre?

Aber zum Glück war ja auch das brandneue "Ancient Astronauts" im Carepaket von Stickman Records, und jenes schickt sich an, unmittelbar an das kreative Niveau voriger Alben "Kingdom Of Oblivion" (2021), "The All Is One" (2020), "The Crucible" (2019) oder "The Tower" (2017) anzuschließen, ohne diese zu kopieren.

MOTORPSYCHO - Ancient Astronauts (violet vinyl LP) (2022)

Personell zeigt die Band sich diesmal sparsam. Abgesehen vom eigentlichen, mit viel Liveenergie aufspielenden Trio ist nur Helge Sten, mit dem die Band schon seit den frühen 1990ern in unterschiedlichsten Formen zusammenarbeitet (zumeist hinter den Kulissen beim Recording / Mastering, aber auch als Sänger und Instrumentalist), zu hören. Wer genau was spielt, ist in den Credits nicht spezifiziert, doch es ist davon auszugehen, dass vieles, was hier in Richtung Ambient und Soundtrack tendiert, auf seine Kappe geht. Und das ist gar nicht wenig. Schon der Opener "The Ladder" beginnt mit einem sehr filmscorehaften Intro, um dann allerdings schnell in unverkennbarer Motorpsycho-Manier zu rocken.

Diese speziellen, mächtig rollenden, aber auch detailversessen beschäftigten Midtempogrooves sind im Grunde fast unmöglich zu kopieren. Dafür ist schon der urgewaltigen und doch anspruchsvollen Bass Bent Sæthers einfach zu eigenwillig. Zusammen mit Gitarrist Hans Magnus Ryan und dem irre jazzrockig derwischenden Tomas Järmyr ist hier halt nicht nur die Konzentration von Klasse und Erfahrung unvergleichbar, sondern es entsteht auch dieser ganz eigene ultradynamische Ton, den ich außerhalb von Motorpsycho eigentlich bisher nur bei einer Handvoll weiterer norwegischer Künstler vernommen habe. Ein wenig strahlt die Magie also offenbar regional ab.

"The Ladder" gibt einem gleich alles was man sich vom Rockmodus der Band erhofft. Doch natürlich begnügt man sich nicht damit. Der zweite Track "The Flower Of Awareness" ist eigentlich nur ein kurzes Zwischenspiel oder Intro, eine Ambient-Geräuschkulisse von Järmyr und Sten, die im Grunde komplett einer Yodok III-Performance (siehe mein diesjähriger Roadburn-Bericht) entnommen sein könnte. Doch nach dieser Gelegenheit zum Durchatmen haut die Band mit dem zwölfminütigen Mellotron-Proghalbballaden-Kreativdampfhammer "Mona Lisa/Azrael" wieder grenzenlos richtig auf den Putz und lässt einen mit begeistert offenstehendem Mund und spiralförmig eskalierend wippendem Genick zwangsmitgehen. Epochaler Prog, Jazzrock, räudiger Rock'n'Roll - Motorpsycho können das alles gleichzeitig und knallen einem dabei unvermeidlich die Frage um die Ohren, was zum Henker denn noch auf der B-Seite kommen soll.

Ok, wir sind es natürlich schon gewohnt, dass diese Band irgendwie doch noch einen Schritt weitergehen kann. Auf "Ancient Astronauts" allerdings versuchen sie nun nicht mehr, diesen wilden Ritt noch weiter zu steigern, sondern widmen die komplette zweite Hälfte einer zweiundzwanzigminütigen Komposition, deren Titel uns schon verrät, dass sie etwas anderes möchte: "Chariot Of The Sun – To Phaeton On The Occasion Of Sunrise (Theme From An Imagined Movie)"

Beinahe hätte ich gerade "Instrumental-Komposition" geschrieben, doch dieser Mix aus tatsächlich filmischen Passagen und krautrockig jammender Freiform enthält durchaus einige Gesangspassagen, die sich allerdings Text sparen und vor allem als weitere harmonische Klangfacette dienen.
Zwar nennen Motorpsycho ja mittlerweile einen immensen Katalog an Longtracks dieser Größenordung ihr eigen, doch die Art und Weise wie hier vor allem während der ruhigeren Abschnitte mit Stimmung gepinselt wird, ohne an Vorwärtsbewegung und Eingängigkeit zu sparen, klingt immer noch frisch. Erkennt man den Bandsound? Selbstverständlich. Tut man ja immer. Doch diesen Song haben sie meines Wissens nach vorher noch nicht geschrieben. Und das ist bei der ständig rotierenden Trondheimer Musikmaschine schon durchaus bemerkenswert.

"Ancient Astronauts" ist wieder einmal unschlagbar grandios. Klar, irgendwie ist es schon another day in the office, aber wer einen solchen Büroalltag hat, wird sich wohl niemals über seinen Job beschweren wollen, oder?

Das cineastische Artwork des eine wahlweise schwarze oder transparent violette LP beherbegenden Gatefoldcovers rundet den Gesamteindruck perfekt ab. Fazit: Spitzengruppe in Spitzenform macht alles richtig.

Nur etwas internetaffiner könnten sie ja schon sein, die Jungs, so dass ich diesen Post hier jedenfalls mit einem kleinen offiziellen Previewsoundschnipselchen abschließen könnte. So muss ich mich jetzt wieder darauf verlassen, dass der geneigte Leser meiner vertrauenswürdigen Expertise schon taub vertrauen wird. 







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