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2014-09-01

HAKEN im Logo, Hamburg (31. August 2014)

Haken, die Band mit dem in deutschen Ohren komischen Namen, hat gestern im Logo ein saugeiles Konzert der Note 1+ (mit Herzchen und lachender Sonne) gespielt.

Wer als Band ein Album mit so fabelhaften Progrock- bis Progmetal-Songs wie "The Mountain" präsentieren darf, der hat hat ja ohnehin schon gewonnen.
Und der Wumms, das Gefühl, die Spielfreude und der Humor, mit dem das Sextett sein Gemisch aus Dream Theater, Queen, Pain Of Salvation, Jazz, Mr. Bungle-Zirkus-Eskapaden und vielem anderem darbietet, holen aus dieser Grundlage wirklich alles raus.

Das Publikum hat es Haken gedankt und die (hauptsächlich) Briten nicht vor einer zweiten Zugabe von der Bühne gelassen. Witzig dabei die Szene als einer der Gitarristen sich sein in die erste Reihe verschenktes Plektrum zurückborgen musste.

Man kann noch den perfekten Gesang loben, den von den Fans besonders abgefeiereten Bassisten oder auch das achtsaitige Gitarrenspiel... doch eigentlich ist es müßig, da hier technisch, emotional, entertainmentmäßig überall alles stimmte.

Fazit: Haken sind in ihrem Genre gerade der heiße Scheiß! Ein frenetisches Progfest erster Güte und ein Highlight  in meinem nun wirklich schon sehr starken Konzertjahr.


"Haken" reimt sich übrigens fast auf "Wacken". Na?




















52 Wochen | 33 | my frozen body

223/365 • my frozen body

Öhm ja... vor einer Woche habe ich ja auch diese Ice Bucket Challenge erledigt...

2014-08-31

BLUES PILLS - Live At Rockpalast

Als Appetizer für das selbstbetitelte Debütalbum der aktuellen Alles-Überflieger Blues Pills erschien bereits im Februar eine viertelstündige Kostprobe der Livequalität der Band auf Vinyl bzw. als Download.

Und da der Preis für drei Songs plus ein Instrumental-Intro, allesamt nicht von epischen Ausmaßen, doch ziemlich happig geraten ist, hat jeder mein Verständnis, der sich für die mp3-Variante entscheidet.

Da mein Plattenspieler aber ganz frisch ist, ich dringend Futter brauche, das Cover sehr hübsch ist und ich mit dieser Scheibe das 10-Inch-Zwischenformat in der Sammlung abgehaken konnte, habe ich mir die schwarze Rille gegönnt.

(Und ja - insbesondere, nachdem ich heute zum ersten Mal Laibachs "Iron Sky"-Soundtrack auf Doppel-LP genossen habe, muss ich den Mythos bekräftigen: Vinyl kann einfach mehr!)



BLUES PILLS - Live At Rockpalast (10" Vinyl) (2014)

Die Platte ist wie gesagt schon optisch sehr ansprechend. Und was soll man zur Musik noch sagen?

Großartiger, wilder, aus Bauch und Herzen und mit geschickten Fingern gelebter Bluesrock wie aus dessen Blütezeit gepflückt und nochmal extra begossen. Die Musik hat es ja auch großenteils auf das Album geschafft.

Der fesselnde Gesang Elin Larssons ist hier noch etwas rauher als im Studio und rechtfertigt wohl auch eher die ständigen Janis Joplin-Vergleiche, die ich allerdings nach wie vor nicht hundertprozentig nachvollziehen kann; vielleicht einfach, weil mir die Janis zu anstrengend ist. Dann doch eher Aretha Franklin.

Ich sag einfach mal, Hauptsache Elin.

Man kann an dieser Veröffentlichung vielleicht neben dem Preis noch die Tatsache an sich kritisieren, dass nur ein kleiner Ausschnitt eines kompletten Konzerts veröffentlicht wurde. Da das Debüt zu diesem Zeitpunkt aber noch in Arbeit war und man für das erste vollwertige Livealbum sicherlich auf dann aktuelles und bekanntes Material zurückgreifen möchte, kann ich diesen Move von Nuclear Blast Records allerdings durchaus nachvollziehen.

"Live At Rockpalast" ist ein schöner kleiner Schatz zum Zwischendurch-mal-Auflegen und genießen und steigert noch einmal die Vorfreude auf die Tour im Oktober.


Anspieltipps: Little Sun, Black Smoke


2014-08-30

Pressespiegel 08/2014 : eclipsed / Metal Hammer / Deaf Forever

Boah, was hab ich mich erschrocken! Was ist überflüssiger als Print-Magazine zum Thema Musik? ;)

Und ich hab mir diesen Monat doch glatt drei Stück davon gekauft!


Ein Schnellcheck:



eclipsed 

Was ist die wirksamste Methode, um sich abzugewöhnen, eine Zeitschrift zu lesen? - Ein Abo.

Mit Zeitschriftenabos ist es doch immer dasselbe. Ein Jahr lang liest man das Blatt fleißig von vorne bis hinten durch, doch irgendwann lässt das Pflichtgefühl nach, die Zeitschrift trudelt ein, wird einmal quer durchgeblättert und bleibt erstmal liegen... und irgendwann hört man vielleicht auch mal in die beigelegte CD rein...   Aber kündigen mag ich es im Fall des ecplipsed dann doch nicht. Denn eigentlich hat das Ding schon einiges zu bieten:
Im Abo günstiger als im Handel, dazu jeden Monat eine CD, die fast immer durchweg hörbar bis sehr gut hörbar ist - Ausfälle sind neben dem üblichen Classic-, Art-, Prog-, Post-, Jam-Rock, Blues usw. am ehesten mal kitschige Progmetal-Beiträge. Also eigentlich immer eine gute Ergänzung für den heimischen Zufallsplayer.
Dazu ausführliche Stories (wenn auch mit zu großem Gewicht auf Retro-Wohlfühlerei - ein Jahr ohne gefühlt zwei Pink Floyd-Titelgeschichten scheint unmöglich) und vor allem immer wieder schöne TOP-100-Ratings, die immer anregen, Rockbildungslücklen zu schließen.
Lästig ist manchmal ein gewisser Snobismus, der sich z.B. äußert, wenn in einem Interview unbedingt (erfolglos) versucht wird, aus der Sängerin der Blues Pills eine abfällige Bemerkung zum Metal-Publikum, vor dem die Gruppe auf Festivals viel spielt, herauszukitzeln.

U.a. in dieser Ausgabe:
• Teil 1 einer großen Story zur Geschichte der Rockfotografie - yep, gut gemacht, interessante Interviews und viele Seiten mit relativ großen Bildern
• "Weltkulturalbum" des Monats: Santana "Lotus" - Oh ja, eines der absolut besten Live-Alben aller Zeiten!
• "Weiter im Text - Kultige Songs und ihre Bedeutung": fast immer interessant, diesmal The Velvet Underground "I`m Waiting For The Man" - cool, aktueller Ohrwurm von mir
• Huch, eclipsed schreibt tatsächlich über Godflesh!
• Album des Monats von Opeth - keine Überraschung hier



Metal Hammer

Ich geb's zu:  Über die Notwendigkeit unbedingt eine ausführliche Wacken-Titelstory zu lesen, weil ich selbst ja nur knapp über zwei Dutzend Bands gesehen habe, vergaß ich doch glatt, dass der Metal Hammer ja Springer-Presse ist. War also definitiv das letzte Mal, versprochen!

Weiterhin gibt's auch keinen Grund, die "Metal-Bravo" zu kaufen. Klar, das eine oder andere Interview kann man lesen, aber das meiste ist für mich absolut uninteressant, was sich auch in der beiliegenden CD wiederspiegelt, die durchzuhören teilweise richtig schmerzhaft ist. Nein, in den populärsten Bereichen des Metal tummelt sich viel stumpfer Kitsch.
Die Rezeption zur neuen Opeth fällt natürlich nach guter Metallermanier - zumindest bei einigen Schreibern - sehr viel anders als im eclipsed aus.
Im Wacken-Bericht freue ich, dass immerhin mal auf die "Qualität" des Daueropeners Skyline hingewiesen wird und dass das ganze Ding mit knapp 30 Seiten recht üppig ausfällt.
Geradezu frech ist allerdings die geballte Inkompetenz und das affige Ins-Lächerliche-Ziehen zum Thema King Diamond... ganz untere Schublade. Aber Hauptsache, auf dem Cover macht er sich gut...



DEAF FOREVER

Eine ganz andere Haltung zum King demonstriert da doch die erste Ausgabe des DEAF FOREVER mit einer Titelstory inklusive der königlich abgesegneten Vorstellung diverser Mercyful Fate-Bootleg-LPs.
Diese Titelgeschichte ist natürlich an sich schon ein Statement, ist das DEAF FOREVER doch das neue Kind des RockHard-Urgesteins Götz Kühnemund, der hier u.a. zusammen mit Frank Albrecht und Wolf-Rüdiger Mühlmann, der hier seinen neugewonnen Bock auf Metal und ehrlichen Musikjournalismus ohne Sponsorzwänge auslebt. Und sich so natürlich in eine klar abgegrenzte Position zum RockHard, von dem er sich bekanntlich abgespalten hat / abgespalten wurde, begibt.

Tatsächlich merkt man dem ganze Heft eine Menge Enthusiasmus an, es werden neben Geschichten zu den "Großen" auch viele Bands und Festivals besprochen, die in anderen bundesweit erhältlichen Zeitschriften wohl weniger prominent wegkämen. Die 130 Seiten sind prall gefüllt und lesen sich deutlich besser, als es beim RockHard zuletzt der Fall war. (Soweit ich das beurteilen kann zumindest - ich kaufe das RH ja auch nur noch wenn z.B. eine exklusive Live-CD von Opeth oder Kreator dabei ist.)

Für 100%ige Metalfans, die das ganze Ding richtig leben und auf Linie der hier gebotenen handverlesenen Mischung liegen,  ist das DEAF FOREVER auf jeden Fall zu empfehlen.

Bei mir persönlich kommt es wohl auf die Themen der Ausgabe an. Insbesondere bei der großen Bestandsaufnahme der deutschen Metal-Landschaft, inkl. der 50 wichtigsten deutschen Platten seit der Jahrtausendwende, habe ich gemerkt, dass ich nicht wirklich die Zielgruppe bin. Von den Scheiben kenne ich nämlich mit "Pelagial" von The Ocean tatsächlich nur eine einzige.

Und dass es mir bei vielen der anderen überhaupt irgendwie in den Fingern juckt, kann ich jetzt trotz meiner momentan doch sehr lebendigen Musikbegeisterung nicht behaupten. Klar sind da ein paar interessant klingende Alben dabei, aber sofort reinhören muss ich nicht... Die besten Chancen haben wohl The Oath, weil ich gerade wieder in das Medium Schallplatte eingestiegen bin und mir die Damen auf dem Cover natürlich gerne groß ansehen würde. Aber auch wegen der Musik. ;)




Und NEIN, das hier war ein einmaliger spontaner Text und wird keine feste Rubrik...


KRISTEEN YOUNG - The Knife Shift

Klar, das Sortieren und Präsentieren der persönlichen Film- und Tonträger-Sammlung ist unser aller Lieblingshobby. Zumindest wenn es um anfassbare Medien geht.

Wer allerdings versucht, das digitale Abbild seiner Musiksammlung einigermaßen aufgeräumt zu halten, der stößt ab und zu auf Probleme - wie z.B. dieses: Charles Mingus oder Charlie Mingus?
Google findet unter "Charlie" weitaus mehr Ergebnisse, also habe ich mich in diesem Fall einfach der Mehrheitsmeinung angeschlossen, so dass beide Alben, die ich von ihm habe, nun unter demselben Namen firmieren.

Ähnliche Entscheidung bei der Dame, über deren neues Album ich hier schreiben möchte : Kristeenyoung oder Kristeen Young?

Google würde wenig überraschend die getrennte Schreibweise vorziehen.
Sachlich richtig wäre es jedoch, auf die Vereinheitlichung zu verzichten und beide Schreibweisen beizubehalten, da sie tatsächlich verschiedene Bedeutungen haben. Kristeenyoung (zusammen) bezeichnet nämlich die aus Kristeen Young (auseinander) und dem Drummer "Baby" Jef White bestehende Band, während Kristeen Young halt... naja, eben Kristeen Young ist.

Demnach könnte man auch unterscheiden zwischen dem neuen Album von Kristeen Young (da ohne White eingespielt) und den aktuellen Liveshows von Kristeenyoung (mit White), es sei denn, man vertritt die Ansicht, dass Kristeenyoung nur als Duo Kristeenyoung sind, mit zusätzlicher Bassistin jedoch nicht mehr...

Wie? Zu kompliziert? Ok, wenden wir uns einer Band aus Dänemark zu: Lis Er Stille oder LISERSTILLE?

Nein? Auch Nicht? Gut, entscheide ich mich eben für Kristeen normal geschrieben Young.



KRISTEEN YOUNG - The Knife Shift (2014)

Die Dame mit dem selbstgenähten See-through-Hemd und dem nicht mehr so leicht durchschaubarem Auge auf dem Cover bleibt sich auf den elf Tracks von "The Knife Shift" treu.

Es gibt also keinen Song, den man sich nicht schon auf früheren Werken vorstellen könnte. Kristeen Young streichelt und verkloppt ihr Keyboard wie gewohnt, und ihr exzentrischer meist in hohen bis ganz hohen Lagen ("Jealous Of Loved Children"!) schwebender Gesang ist nach wie vor brilliant - und dürfte viele weniger musikinteressierte Hörer in seiner aggressiven oder melancholischen Intensität nach wie vor irritieren. Als Gesamtbild passt als Beschreibung immer noch: eine Mischung aus der frühen Kate Bush und dem von David Bowie ferngesteuerten Iggy Pop.

Von der Zwei-Personen-Minimalistik von "The Orphans" bzw. dem Zwei-Personen-gehen-bis-elf-Sound von "Music For Strippers, Hookers And The Odd-Onlooker" hat Frau Young sich allerdings verabschiedet.
Schon auf der die glamouröse Seite von "Music For Strippers" fortführenden EP "V the Volcanic" ging die Orientierung in Richtung Bandsound inklusive Bass. Dies wurde nun auf "The Knife Shift" konsequent weiter gedacht und wirkt beim ersten Hören zunächst einmal etwas ernüchternd, da es eben auch konventioneller ist.

Lyrisch stechen zwar sofort einige interessante Zeilen heraus, doch ich war mir zunächst nicht sicher, ob der provokante Aufschrei gegen ihre ungeliebte, streng religiös geprägte Kindheit nicht mittlerweile zur Routine verkommen ist. Ja, eigentlich wollte ich sogar schreiben, dass mir das Album fast schon ein wenig zu schablonenhaft wirkt. Doch ich muss zugeben, dass es bei mehrmaligem Hören  doch immer weiter und weiter gewachsen ist.

Man muss auch bedenken, dass die Messlatte durch "V" wirklich sehr hoch gelegt wurde. Da braucht jedes neue Material eine Weile, um gegen die alten Ohrwürmer anzustinken.

Und dann war da jetzt noch der brilliante Fernseh-Auftritt bei Craig Ferguson (Video siehe unten!), der mich nicht nur durch die punkige Performance des Songs "Pearl Of A Girl" an sich, sondern auch durch die extreme Reaktion sowohl auf die Musik als auch den Text, der sich mit dem Verhältnis der Weltreligionen zu Frauen auseinandersetzt, doch überzeugt hat, dass auf "The Knife Shift" alles im Lot ist.

Der auf dem Video mitwirkende Dave Grohl hat übrigens auf dem Album alle Drums und einen großen Teil der Gitarren eingespielt. Bass und Co-Produktion hat Bowie-Buddy Tony Visconti übernommen.
Dafür, dass Jef White nicht dabei ist, gibt es also verdammt hochkarätigen und kompetenten Ersatz.

Fazit: Kristeen Young ohne riesige Überraschungen, aber mit einigen verdammt starken Songs. Immer noch polarisierend, immer noch geiler Scheiß!
 


Anspieltipps: This Is War, Everything Is Mine Because I Am Poor, Jealous Of Loved Children, Put Down, Pictures Of Sasha Grey

2014-08-25

Schallplatten-Resterampe

Ich habe ja bereits ein paar mal angedeutet, dass der Druck / die Lust, mir nach 20+ Jahren Pause wieder einen Schallplattenspieler zu holen, steigt., z.B. durch exklusive Vinyl-Veröffentlichungen wie Godfleshs "Streetcleaner live at Roadburn".
Und nachdem ich mir neulich aus Versehen eine Jarboe-LP gekauft hatte, habe ich dies zum Anlass genommen mal Ernst zu machen und es endlich getan. Nur das passende Möbelstück wird wohl noch 4 bis 6 Wochen brauchen... zum Glück habe ich eine Übergangslösung für den Standort.

Ich bin ja fast vollständiges Kind der CD-Generation. Ganz am Anfang meines Musikhörerdaseins (Michael Jackson, danach Queen) spielte die Rillenscheibe noch eine Rolle. Die LPs aus dieser Zeit habe ich alle später noch auf Ebay verscherbelt. Waren jetzt aber auch keine Raritäten-Schätze dabei... hoffe ich.

Heute habe ich aus dem verstaubtesten Winkel des Hauses einen Stapel vollkommen verwarzter LPs hervorgeholt, darunter auch einige, zu denen ich als kleines Kind exzessiv getanzt habe - und an deren Verwarzung ich vermutlich auch aktiv beteiligt gewesen bin.

Ich habe sie erstmal nach zwei Kategorien sortiert:
"vollkommen unbrauchbar" und "ich werde zumindest mal probieren, die sauber zu machen".

Auf ein paar davon hätte ich ja schon Bock. Auf andere nicht unbedingt. ;)

Hier ein paar Cover-Eindrücke:























 
ÄHEM! Warum zum Schimpansen kann ich das Bild hier partout nicht hochladen,
ohne dass Blogger es um 90 Grad dreht? Was soll die Scheiße bitte?


2014-08-19

CONAN - Blood Eagle

Der Tod war unangenehm. Öffnung des Rückens. Aufklappen der Rippen. Wie Adlerschwingen. Man nannte es "Blutaar". Odin fand das klasse. Wissenschaftler zweifeln eher. Wie auch immer. Der Trend kommt zurück. Barbarenmusik aus England. Schöner sterben mit Conan.

CONAN - Blood Eagle (2014)

Ich sah Conan live. Natürlich auf dem Roadburn. Kaufte "Horseback Battle Hammer". Und nun "Blood Eagle". Konzept unverändert. Nur noch weiter perfektioniert.

Der Bass brummt. Tiefer als tief. Die Gitarre sägt. Zäh und langsam. Stumpf und gleichmäßig. Immer wieder und wieder. Keine Note zu viel. Eine knirschende Schrammelwand. Melodien sind Luxus. Schlechte Laune herrscht. Massiger Depressionshammer. Wucht in Zeitlupe. Manchmal auch scheppernd schnell. Immer aber entkernt. Das Konzept ist Reduktion. Songs wie Gerippe. Fleischlos und freudlos.

Monotones Geschrei. Fragmente von Mythen. Gottlose Aussätzige. Könige der Sonne. Blutgetränkte Ernte. Vergiftete Winde. Zerstörte Zerstörung. Kollision der Klingen.
Verslänge drei Wörter. Oder zwei. Oft sind es vier. Nur ein einziges Mal fünf. (Es waren doch zwei Mal.)

Menschen verschwindet. Hier ist nur Donner. Nur Krieg und Tod. Ende der Party. Doom der Verdammten.

Doch ich bleibe. Bezwungen vom Monolithen. Erstarrt vor der Macht. Reinigung des Schädels. Kopfschüttelnde Katharsis. Denn das Konzept funktioniert. Der Schlüssel heißt Konsequenz. Gekonnt ist eben gekonnt.

Und Conan kann.



Anspieltipps: Crown Of Talons, Altars Of Grief, Gravity Chasm




BEHEMOTH - The Satanist

FOR THINE IS THE KINGDOM
AND THE POWER
FOR THINE IS THE KINGDOM
AND THE GLORY
FOREVER!

"The Satanist" ist bisher neben Bongs genre-redefinierendem "Stoner Rock" dieses Jahr wohl der kühnste Albumtitel, der mir untergekommen ist. Denn Teufelzeugs an sich ist im Metal natürlich extrem ausgelutscht. Und wenn eine Band es dennoch so unverschnörkelt wie Behemoth auf den Punkt bringt, dann sollte sie  auch besser mächtig abliefern, damit es nicht peinlich wird.

Das Artwork von Cover und Booklet macht auf jeden Mal schon etwas her, und beim Überfliegen der liner notes und Texte verfestigt sich schnell der Eindruck, dass es hier weniger ums Kirchenanzünden und Christenzerstümmeln geht, als um eine metaphorische Erfahrung, verpackt in jenem Satanismus, der sich eher als individualistische Lebensphilosophie sieht und an dem vermutlich am beklopptesten ist, dass er sich überhaupt auf den ganzen Religionsquatsch bezieht.*

Aber was weiß ich schon von der Materie; ich bin ja in erster Linie wegen der Musik hier. Also schmeißen wir das Album doch mal in den Player:


BEHEMOTH - The Satanist (2014)

Boooaaaahhhh! - Das war mein erster Eindruck, und im Grunde hat sich daran auch noch nicht viel geändert.
 "The Satanist" ist vom ersten Moment an - und über seine gesamte Spielzeit - eine beeindruckende Black/Death Metal-Machtdemonstration.

Der Stil von Behemoth ist artverwandt mit Bands wie Morbid Angel, Nile oder den polnischen Landsmännern Vader. Somit ist zu erwarten, dass "The Satanist" sowohl brutal als auf spielerisch höchstem Niveau daherkommt.
Dabei ist das Album allerdings niemals ver-spielt, sondern immer direkt, auf den Punkt, in die Fresse.

Und das bedeutet ganz und gar nicht, dass abseits von tief begrunzter Knüppelei nichts passiert! Nein, "The Satanist" ist tatsächlich voller Abwechslung, frischer Ideen, nicht alltäglicher Sounds. Das Entscheidende ist jedoch, dass hier keine Sekunde verschwendet und jedes Element bewusst dem großen Ganzen dienend platziert wurde.
Ob Gabriel über Blastbeats die Hörner bläst, ob Celli oder Hammond-Orgel im Hintergrund das Trio unterstützen, ob ein für Genreverhältnisse unverhältnismäßig gitarrenheldiges Solo erklingt oder Mastermind Nergal einfach mal über akustischer Gitarre und Saxophon statt englisch zu brüllen auf polnisch spricht - nie fällt die Spannung ab, stets bleibt es intensiv, erhaben, mitreißend... böse.
      
Und der Sound ist grandios. Bei dermaßen brutaler Musik ist die Gefahr immer groß, dass die Produktion zu matschig oder zu klinisch ausfällt. Doch der Klang von "The Satanist" findet das perfekte Gleichgewicht. Trotz reichlichem Einsatz mächtigen großräumigen Halls sind die Instrumente klar erkennbar, bleibt die unbarmherzige Brutalität ungebrochen.

Ja, "böse" und "brutal" kann ich nicht häufig genug sagen. Und zwar nicht, weil es nicht zahlreiche andere Scheiben auf der Welt gäbe, auf die diese Vokabeln ebenso oder sogar noch mehr zutreffen - die gibt es reichlich. Doch dass diese Aspekte bei einer Death Metal-Band dermaßen perfekt inszeniert und doch natürlich, organisch wirken, das kommt nicht jeden Tag vor und ist große Kunst.

Wenn "The Satanist" nach einer wie im Fluge vergangenen Dreiviertstunde mit dem übermächtig bombastischen "O Father O Satan O Sun!" zu Ende geht, ist das schwarze Death-Metal-Herz entweder wunschlos glücklich - oder es drückt Replay. Yep, ich liebe dieses Album, und zwar noch mehr als ich nach dem beeindruckenden Auftritt neulich in Wacken erwartet hätte.



Apropos Auftritt: Die Version des Albums, für die ich mich entschieden habe (erkennbar an der silbernen Box, in der man sich sinnigerweise sehr gut selbst als der Satanist spiegelt), enthält als Bonus eine DVD mit einem Konzert in Russland im Jahre 2012. Kann man natürlich auch gut hören, ist allerdings anstrengend anzuschauen. Ich sag nur: Stroboskop-Gewitter.


Anspieltipps: O Father O Satan O Sun!, Ora Pro Nobis Lucifer, Blow Your Trumpets Gabriel, In The Absence Ov Light



*Damit sich hier nicht nur gläubige Christen alleine auf den Schlips getreten vorkommen, eine kleine persönliche Randnotiz, die mit dem Review an sich nichts zu tun hat:

Ich halte grundsätzlich alle auf reiner Fantasie beruhenden (Hinter-)Weltanschauungen für nicht alltagstauglich, egal ob es sich um Religionen handelt, Teufels- und Geisterkult oder um diffuse Formen von Esoterik oder sonstiger "Spiritualität", die sich explizit von Religion abgrenzen, aber im Grunde doch genau dasselbe meinen, nämlich sich durch Berufung auf Märchen eine äußerst komplexe Welt einfacher zu zaubern.

Anderseits gibt es auch Menschen, die sich die Welt gerne komplizierter schwurbeln, als sie in Wirklichkeit ist. Das nennt sich dann "Verschwörungstheorie" und ist in meinen Augen auch nicht besser.
In der Kunst, egal ob Literatur, Film, Musik etc. haben all diese Phänomene natürlich ihre Berechtigung und oftmals großen Unterhaltungswert (ebenso wie z.B. Selbstjustiz, Mord und Todessterne), aber als Grundlage irgendwelcher Meinungsbildungen, Handlungen und erst recht Gesellschaften in der Wirklichkeit halte ich sie für überflüssig bis gefährlich.
Die Welt braucht nicht noch mehr Spinnerei, sondern vor allem zwei Dinge, die derzeit leider überall eine viel zu schwache Lobby haben: Atheismus und Vernunft.

Amen. 



2014-08-18

52 Wochen | 31 | satanist selfie

210/365 • satanist selfie

Nein, nicht das anspruchsvollste Bild der Woche. Muss aber trotzdem! ;)

Und die Scheibe wird voraussichtlich als nächstes hier reviewt.

2014-08-16

LAIBACH - 1 VIII 1944 Warszawa

Die ersten Absätze meines Reviews zu "Spectre" schlummerten schon monatelang in meinen Entwürfen herum und warteten darauf, dass ich endlich Zeit und Muse finden würde, sie fortzuführen, da erschien ohne Vorankündigung schon die nächste Veröffentlichung von Laibach - eine 3-Track-EP mit neuem und sich deutlich vom Album unterscheidenden Songmaterial.

Herausgebracht nicht vom Label Mute, sondern vom Polnischen Nationalzentrum für Kultur, gedenkt "1 VIII 1944 Warszawa" dem an eben jenen 1. August vor siebzig Jahren begonnenen Warschauer Aufstand, als sich die Polnische Armee für zwei Monate gegen die nationalsozialistischen Besatzungtruppen erhob, und den man tunlichst nicht wie einst Roman Herzog mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto durcheinanderwürfeln sollte.


LAIBACH - 1 VIII 1944 Warszawa (2014)

Naheliegenderweise handelt es sich bei dieser EP um eines der leiseren, feinfühligeren Werke der Band bzw. (gerade in diesem Fall treffener) des Kollektivs Laibach.

Vergleichbar ist die Musik diesmal auf jeden Fall am ehesten mit "Volk", schon weil bei den ersten beiden Songs wie schon damals das Duo Silence maßgeblich den Klang bestimmt. Die beiden Stücke werden demnach auch von der Ausnahmestimme Boris Benkos getragen und ähnlich wie bei der vergangenen Kooperation auf der Nationalhymnensammlung von Milan Fras kommentiert.
Neben den sanften björkeschken Sounds von Silence sticht ein musikalischer Bestandteil besonders heraus, den man generell bei Laibach schon sehr lange nicht mehr - und dieser Form erst recht nicht - vernommen hat, nämlich ein mit leichter Hand teilweise geslappter Bass. Ja, das Saiteninstrument.

Das dritte Lied hingegen stammt aus den Reihen der aktuellen "Spectre"-Tourbesetzung der Band, wurde es doch von Keyboarder Luka Jamnik arrangiert und von Mina Špiler eingesungen. Als Referenz im bisherigen Schaffen fällt mir seltsamerweise am ehesten "Take Me To Heaven" vom "Iron Sky"-Soundtrack ein, obwohl "Mach Dir nichts daraus" eine deutlich ernsthaftere und schwermütigere Komposition ist. 
 
Bei allen drei Stücken handelt es sich um Adaptionen zeitgenössischer Werke, die zur Zeit des Aufstandes populär waren: eine polnische Widerstandshymne, ein jiddisches Partisanenlied und ein deutscher Schlager.
Drei Perspektiven und zugleich auch (mit englisch) Gesang in vier verschiedenen Sprachen über gerade dreizehn Minuten Musik.

"1 VIII 1944 Warszawa" ist ein sehr gut durchdachtes und würdevolles kleines Werk von Laibach, welches seinem Anlass gerecht wird, und welches darüber hinaus den einzigartigen Status der Gruppe als nach wie vor kreativ voranschreitender Band und gleichzeitig kultureller Institution von musealem Wert unterstreicht.


Es bleibt eigentlich nur die Frage, was nun mit dem Weltbild jener übereifrigen Spinner-Fraktion der Antifa passiert, die noch vor gar nicht so langer Zeit - war es in Berlin? - vor einem Laibach-Konzert mit wirren Schildern gesichtet wurde und die Gruppe Jahrzehnte, nachdem eigentlich jeder die Pointe von "Geburt einer Nation" kapiert haben sollte, als böse rechte Verführer verstand...

Da hilft wohl nur, die Alukappen auf dem Kopf enger zu ziehen und sich neue Betätigungsfelder zu suchen! Auf diesen komischen "Montagsdemonstrationen" soll ja z.B. nicht mehr allzuviel los sein, habe ich gelesen. Und Chemtrails sind ja auch so eine Art Nazis. Mit dem kleinen Unterschied, dass es die Nazis wirklich gab, natürlich.






Trackliste (=Anspieltipps):
  • Warszawskie Dzieci
  • Zog Nit Keyn Mol
  • Mach Dir Nichts Daraus



LAIBACH - Spectre

Zweiundzwanzig Jahre ist "Kapital" nun schon alt, jenes sperrige, vielleicht unterbewerteste Album von Laibach, welches mich damals mit der Gruppe angefixt hat. "Kapital" war ein äußerst kryptisches Werk, auf dem in Vorsehung der Reiz- und Informationsüberladung der Gegenwart unterschiedlichste Musikfragmente und Samples gegeneinander stritten. Zentrales Thema, soweit sich überhaupt eines extrahieren ließ, waren die Selbstzerstörungskräfte des Kapitalismus, der zu jener Zeit doch angeblich gerade erst den Kommunismus besiegt hatte.
In der Diskographie steht es natürlich für alle Zeiten im Schatten voriger Veröffentlichungen wie der unvermeidlichen "Geburt einer Nation", die zum etwas böseren Soundtrack zur Deutschen Wiedervereinigung wurde.

Historische Großereignisse bündeln viel Aufmerksamkeit. So werden im voluminösen Schatten seiner Verdienste um eben jene Wiedervereinigung ja auch andere zweifelhafte Ruhmestaten unseres damaligen Sonnenkanzlers gerne vergessen. Eine davon wäre, dass Helmut Kohl zusammen mit der "Eisernen Lady" die Regulierungen der Finanzmärkte gelockert hat und so zumindest mitverantwortlich ist für die vollkommen entfesselten Investmentgeschäfte der Großbanken, die Europa in einen seit Jahren andauernden Strudel aus wirtschaftlichen, politischen und moralischen Krisen gestoßen haben.

Wir wissen heute, dass der Kapitalismus kein "genug" kennt. Je liberaler ein Markt ist, desto eher öffnet er seine Pforten für den größten internen Feind aller menschengemachten Systeme: die Gier.

Hätte man den Bankenkrisen-Mahlstrom verhindern können, wenn die Menschen damals erkannt hätten, was da eigentlich von der europäischen Polit-Elite beschlossen worden war? So wie wir heute sehr viel hellhöriger reagieren (und doch machtlos bleiben), wenn uns Brüsseler Esoterikzirkel das Transatlantische Freihandelsabkommen, Fracking oder andere zweifelhafte Leckereien schmackhaft machen möchten?

Oder hätten wir einfach alle Laibach zuhören sollen?

Denn so wie wir jetzt die faulen Früchte der damaligen wirtschaftspolitischen Entscheidungen ernten, so scheint auch Laibachs Analyse und Vorhersehung aufzugehen.

Zwischen den Hämmern inkompetenter Politiker und ihrer medial eingelullten Wähler, gewissenloser Lobbyisten, hirnloser Nationalisten,  aufrüstender Kriegsrhetoriker und Söldner, die Krieg gegen Flüchtlinge führen, stehen wir bis zum Hals in den Scherben einer lächerlich naiv scheinenden Idee, der Idee eines friedlich vereinten Kontinents.

Und was tun Laibach?

Sie veröffentlichen ein schmissiges Pop-Album.

 

LAIBACH - Spectre (Limited Version) (2014)

Nein, natürlich ist "Spectre" nichts für die "Bravo Hits", aber selten klangen die Slowenen auf den ersten Eindruck so konsensfähig.
Der Großteil des Albums ist eingängig, tanzbar, besitzt Ohrwurmmelodien und eher einfache Texte. Das könnte man als Versuch der Anbiederung an breitere Hörerschichten interpretieren; wenn man nicht wüsste, wie sehr sich bei Laibach Form und Konzept bedingen - und dass es ähnliche Vorwürfe schon viel früher gegeben hat.

Nach "Kapital" kehrten Laibach 1994 zum Konzept eines Cover-Albums zurück und orientierten sich dabei statt an der bis dahin gewohnten Marschmusikästhetik erstmals an aktuellen Euro Dance-Trends. Tanzen statt strammstehen - und das, obwohl "NATO" doch Laibachs großes Statement zum Jugoslawienkrieg war! Das war natürlich kein Zufall, sondern eine jener bewussten Widersprüchlichkeiten, mit denen Laibach immer wieder Fragen aufwerfen und Spannungsfelder erzeugen.

Kann es also sein, dass zumindest teilweise wieder einmal die Musik die Botschaft konterkariert?
Die zentrale Aussage, mit der auch die Konzerte der "Spectre"-Tour (welche ich in Amsterdam und Hamburg erlebt habe) eröffnet wurden, ist ganz klar: "Europe is falling apart." ("Eurovision")

Doch Laibach resignieren nicht angesichts der Gesamtsituation, sondern glauben trotz allem an eine bessere Welt, an Gleichheit und Freiheit, an Glück für alle ("Koran"), sie rufen uns auf mit ihnen zu kommen, um die Welt zu ändern, als revolutionäre Gemeinschaft in gesegneter Mission die Geschichte, Gott und unsere Herrscher zu überwinden, mit Gefühl und erfüllt von Liebe die Sterne zu erreichen... und am Ende steht ein linkspazifistisches Utopia.

Mit der Veröffentlichung des Albums gaben sich Laibach sehr volksnah und offen, was sich u.a. auch daran zeigt, dass sich niemand mehr hinter den Pseudonymen Eber, Saliger, Dachauer und Keller versteckt, sondern alle Beteiligten in den Credits genannt werden. Weil die Zeiten eine klare Botschaft verlangen, sagten sie sich auch erstmals offiziell von ihrer textlichen Ambiguität los.
Und da die Texte alle in leicht verständlichem englisch und ebenso wie die Musik doch großteils relativ straight forward sind, scheinen ihnen das auch ziemlich viele Hörer zu glauben.

Dabei ist dies natürlich Quatsch!
Dies fängt schon beim Albumtitel an, der vieles bedeuten kann.

Wörtlich ist "Spectre" das Schreckgespenst, auf dem Cover symbolisiert durch ein geisterhaftes "S", welches jedoch genausogut das mit dem Nationalhymnen-Album "Volk" etablierte, umgekippte "V" sein könnte.
In Europa gehen derzeit viele Gespenster um, welches meinen Laibach denn nun? Den Nationalismus? Den Militarismus? Nach zweiundzwanzig Jahren immer noch das Kapital? Oder sind Laibach selbst das Gespenst?

Was spuckt Wikipedia zu "Spectre" aus?
In der Comicwelt ist der Spectre ein von Gott geschaffenes, nahezu allmächtiges Wesen, der personifizierte Zorn Gottes. Ähnlich mächtig ist die Terrororganisation Spectre im Universum von James Bond.
Und dass "Spectre" nicht nur ein US-amerikanisches Schlachtflugzeug, sondern auch eine hauptsächlich von der Polizei benutze Maschinenpistole bezeichnet, ist ebenfalls nicht uninteressant.

Man reflektiere unter dem Eindruck dieser Informationen nur mal intensiver über die Textpassage "In the absence of war we are questioning peace / In the absence of god we all pray to police"...


Aber halt! "Spectre" ist außerdem noch der Name der von Laibach neu gegründeten Partei, deren Mitgliedsausweise / Sangesbüchlein dem Album in der DeLuxe-Version beiliegen und deren Slogan die Beastie Boys und Public Enemy zitiert: "Fight for Your Right to Party for Your Right to Fight!"
Das Album selbst ist in Wahrheit nur Beiwerk, auf dem die Parteilieder vertont wurden.


Und dann bleibt natürlich stets die Frage, für wen das "we" in Laibach steht. Denn was man als Botschaft der aufbegehrenden Unterdrückten verstehen kann, funktioniert oft ebenfalls aus der Perspektive der Unterdrücker.
Wer assimiliert im von Star Trek-Zitaten getränkten "Resistance Is Futile" wen?

Man bedenke außerdem das von Anfang an von Laibach benutze Prinzip der Entlarvung durch Über-Identifikation. Wo sich im Staat, der Gesellschaft, Kultur, in der Popmusik das Böse versteckt, da kehren Laibach es in ihrer Adaption besonders heraus und feiern es sogar noch. Die Gruppe hat dies schon mit etlichen Institutionen und Phänomenen durchexzerziert - und nun sind Protest und Revolution dran.


Revolutionen und ihre Hymnen stehen immer mindest kurz vor der Schwelle, an der gute Wille in die böse Tat umschwingt, wenn sie nicht schon drüber hinaus sind. Nämlich immer dann, wenn man fragt, wie die hehren Ziele denn umgesetzt werden sollen. Und eben deswegen hat alles auf "Spectre" entgegen dem offiziellen Statement eben doch einen doppelten Boden.

Konzeptionell verbirgt sich unter "Spectre" also eine Falle.

Der Köder in dieser Falle ist Pop.

Womit ich zur Musik komme, d.h. eigentlich braucht man an dieser Stelle erst anfangen, mein Review zu lesen.



Die Basis von "Spectre" ist eingängiger Elektropop, eingespielt der seit einigen Jahren aktuellen Livebesetzung der Band, der selbstverständlich immer wieder mit dem typisch laibachschen Bombast aufgepumpt wird. Den Gesang teilen sich (wie live inzwischen schon gewohnt, aber hier erstmals auf einem regulären Studioalbum zu hören) auf Augenhöhe Tiefsprecher Milan Fras und Melodrom-Frontfrau Mina Špiler.

Mal geht es schnell und rhythmusbetont zur Sache ("Eat Liver!"), mal ist es bedächtig und einfach nur wunderschön ("Koran"). Manchmal fragt man sich am Anfang eines Songs, ob das so wirklich funktionieren soll (der Pfeifmarsch im Opener "The Whistleblowers" oder die penetrante Refrainuntermalung von "Walk With Me"), nur damit gerade diese Stücke sich später als unabschüttelbare Ohrwürmer festsetzen.

Und dann gibt es sogar Elemente wie dieses aus vielen schlechten Chartsongs bekannte Keyboard in "We Are Millions And Millions Are One", welches man eigentlich hassen möchte, das bei Laibach jedoch plötzlich gekonnt Wirkung entfaltet.

Es gibt auch einige selbstreferenzielle Elemente, welche allerdings bis auf ein, zwei Ausnahmen schwerer auszumachen sind als beispielsweise auf "WAT". Überhaupt wird die musikalisch vielfältige Vergangenheit zwar nie verleugnet, jedoch keine Phase der Bandgeschichte einfach kopiert. Der Gesamtsound von Laibach anno 2014 ist definitiv neu.


Ganz groß wird "Spectre" in Momenten wie dem Instrumentalteil von "Americana", wenn sich über den dynamischen mit Atemgeräuschen angereichrten Beat ein vielschichtiger, sehnsuchtsvoller Teppich aus Chor und Orchester ausbreitet, wie ihn kaum jemand außer den Slowenen komponieren darf, ohne viel Kleingeld in die Kitschkasse werfen zu müssen.

Und im Finale des längsten Stücks "Resistance is Futile" fegt - um die einzige deutsche Vokabel des Albums und eben dieses Tracks zu verwenden - ein wahrer Blitzkrieg aus hartem Groove, aggressiven Elektrosounds und orchestralen Arrangements über den Hörer hinweg, um schließlich in einem tiefen Sound- und Samplesumpf zu versinken, über dem ein aus "Opus Dei"-Tagen vertrautes "Ommmm" brumm-meditiert.

Kein einziger der zehn Songs ist ein Füller, selbst am vergleichsweise schwächsten Stück "Bossanova" ist bis auf den bewusst holprigen Eintieg eigentlich nichts auszusetzen.


 

Und dann ist da ja noch der Grund, warum man sich unbedingt für die DeLuxe-Version des Albums entscheiden sollte: die vier Bonustracks.

Im flotten "The Parade" wagen sich die Bläser - an sich für Laibach ja ein gewohntes Stilmittel - in Ska/Funk-Sphären vor, was für Fans die mit der Ausrichtung des regulären Albums schon Probleme haben, wohl der absolute Todesstoß sein dürfte. Für mich ist dieses überraschend fröhliche - Achtung! Text beachten! - Stück, welches dennoch musikalische Tiefe nicht vermissen lässt, inzwischen eines der Highlights.

Das Cover "Love On The Beat" ist von Konzerten und der "Monumental Retro-Avant-Garde" schon eine Weile bekannt und weiß auch als Studioversion zu überzeugen. Außerdem steht sowohl Milan als auch Mina die Sprache der Liebe wunderbar.

"Just Say No!" war mit nur zweieinhalb Minuten wohl etwas zu kurz und knackig für das reguläre Album, leitet hier mit seiner ruppigen Attitüde aber gut zum abschließenden härtesten Stück, dem ebenfalls schon auf Konzerten gespieltem Cover "See That My Grave Is kept Clean" über, mit dem Laibach "Spectre" auf einer sehr lauten Note beenden.


Ich mag als Parteimitglied Nr. 494 (Party Name: Saliger) vielleicht befangen sein, aber "Spectre" ist für mich eine absolut perfekte Stunde Laibach, an der es nichts auszusetzen gibt - und die mich dazu ja auch schon zwei Mal live überzeugt hat.

Von daher geht mein Kaufbefehl an alle! Und in den Spitzenrängen meiner persönlichen Alben des Jahres, wo es voraussichtlich ziemliches Gedrängel geben wird, ist für Laibach schon ein Platz fest reserviert.




Anspieltipps: Resistance Is Futile, Americana, See That My Grave Is Kept Clean, The Whistleblowers, Eurovision, The Parade