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2014-10-31

JOZEF VAN WISSEM / SQÜRL - Only Lovers Left Alive

Filmreview in einem Satz:

Vampire langweilen sich  - aber mit Stil.

Doch ersthaft: Jim Jarmuschs "Only Lovers Left Alive" ist ein Juwel, nicht nur weil der Vampir an sich ja nach wie vor vom "Twilight"-Franchise erholen muss und jede Form der Rehabilitierung gebrauchen kann, sondern vor allem durch die enorm dichte Stimmung, die der Film erschafft.
Neben der visuellen Präsentation der nächtlichen Handlungsschauplätze Detroit und Tangier ist es vor allem die Musik, welche diese erzeugt.

Und da dem Medium Schallplatte in "Only Lovers Left Alive" eine durchaus prominente Rolle zukommt, erledigt sich die Frage, in welcher Form man sich diesen Soundtrack zulegen sollte, eigentlich von alleine.
 


JOZEF VAN WISSEM / SQÜRL - Only Lovers Left Alive (2LP / Red Vinyl) (2014)

Gewissermaßen ist diese Doppel-LP ja auch einer von wasweißichwievielen Roadburn Festival-Folgekäufen. Mir war zwar schon bewusst, dass es diesen Film gibt, aber der Anstoß, ihn mir anzuschauen, kam eigentlich erst durch die 5-Live-at-Roadburn-CDs-für-10-Euro-Aktion von Roadburn Records, durch die ich auf die White Hills aufmerksam geworden bin, welche im Film einen Gastauftritt als sie selbst mit einem Song von "Glitter Glamour Atrocity" haben.

Und so wie White Hills in den Film passen, so würde sich dieser Soundtrack - ob mit Bildern oder für sich - auch ohne Probleme in das Festival einfügen.


"Only Lovers Left Alive" ist eine Kooperation zwischen dem Komponisten und Lautenspieler Jozef van Wissem und der Band Sqürl, welche aus Regisseur Jim Jarmusch und Mitgliedern seines Filmteams besteht - und welche auch genau aus dem Bedürfnis heraus, seine Filme mit passender Rockmusik zu untermalen, gegründet wurde. Daneben wirken u.a. noch die Sängerinnen Zola Jesus und Yasmine Hamdan mit. Zweite taucht mit dem aus ihrer eigenen Feder stammenden Höhepunkt des Soundtracks "Hal" auch im Film auf.

Doch von vorne: Die beiden blutroten Vinylscheiben sind nach den geographischen Polen des Films getrennt, die erste LP heißt "Detroit", die zweite "Tangier".



Auf "Detroit" dominiert der Rocksound von Sqürl.
Abgesehen vom auch bei Quentin Tarantino gut aufgehobenen Wanda Jackson-Cover "Funnel Of Love" sind die Stücke instrumental und leben in erster Linie von ihren dreckig verträumten Gitarrensounds, welche über den z.T. bewusst etwas losen, unperfekten Grooves schwebt. Stilistisch wurde hier ein Rockabilly-Musiker geknebelt und fest verschnürt in einen Sack gesteckt, auf welchem nun ein fetter Postrock-Blob hockt und zu den Sternen aufschauend Shoegaze spielt.
Und den Tracktitel "Please Feel Free To Piss In The Garden" schlägt dieses Jahr niemand mehr! 

Von der Industrie-Geisterstadt ins nordafrikanische Nachtleben von "Tangier" wechselnd, wird der Soundtrack leidenschaftlicher und lebendiger, die Rockanteile weichen für orientalische Melodien und Rhythmik, was in dem schon erwähnten Highlight "Hal" den Höhepunkt findet, ehe sich am Ende mit "This Is Your Wilderness" wieder der Kreis zum Postzivilisationsrock schließt.

Zusammengehalten werden beide Teile vor allem durch die Arrangements und das Lautenspiel van Wissems, z.B. in den beiden Teilen von "Sola Gratia".

"Only Lovers Left Alive" ist ein erfrischend unkonventioneller, atmosphärischer Soundtrack und auch für vielleicht cineastisch weniger interessierte Fans experimenteller, unkommerzieller Rockmusik ein sehr empfehlenswertes Album.

Dazu noch ein sehr stimmiges, schönes Vinyl-Gatefold. Was will man mehr?

Das ideale Album für das depressiv romantische Gläschen Null Negativ um Mitternacht. 
 


Anspieltipps: Hal, Spooky Action At A Distance, The Taste Of Blood, The Funnel Of Love, Only Lovers Left Alive

2014-10-28

SWANS + PHARMAKON live in Hamburg (27.10.2014)

Es klingelt immer noch in meinem Ohr. Aber mein zweites Swans-Konzert im hamburger Kampnagel (erstes vor knapp zwei Jahren) ist ja auch noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden her.

Und immerhin höre ich meine eigene Kopfstimme nicht mehr verzerrt, wie auf der Heimfahrt.


Ja, es war wieder laut. Lauter als es ein YouTube-Video oder Worte je erklären könnten. 

Michael Gira, der Schamane, und seine Mitstreiter Sheriff, Riese, Barbar plus die beiden, für die mir noch keine so todsichere Beschreibung eingefallen ist, haben es in ihrem zweieinhalbstündigem Set wieder geschafft, irgendwann wirklich jeden Raum mit jeder Frequenz und jedem möglichen Dezibel gleichzeitig zu füllen. Die Swans spielen live nicht Musik, der man zuhört, sondern sie entfachen ein Inferno, welches man körperlich erfährt.

Mit dem fantastischen aktuellen Album "To Be Kind" hatte dieses exzessive Klangbad erwartungsgemäß nur wenig zu tun.
So waren zwar u.a. die Grooves von "A Little God in My Hands" und "Just A Little Boy" präsent, doch was auf diesen aufgetürmt wurde, war weit von einer treuen Wiedergabe der Studioversion entfernt. Nein die Swans sind keine Vergangenheitsverwalter und das gilt auch für die jüngste Vergangenheit. Wenn sie sich mit ihr befassen, also wie gestern Stücke der letzten beiden Alben anklingen lassen, dann modellieren sie sie so sehr, dass die Erinnerung nicht zählt.
Und was sie komplett neues spielen, dass wird sich eines Tages vielleicht auf einem Album finden, jedoch auch in ganz anderer Form. Es zählt nur das HIER und JETZT.

Vergleiche auch der Titel des letzten Livealbums: "Not Here / Not Now"
Und der Text, in den sich der Opener des darauf folgenden Albums steigert: "Love! Now! Breathe! Now! Here! Now! Here! Now! Here Now!"

So gesehen ist ein Swans-Konzert einfach ein Körper und Sinne überfordernder, gewaltiger Moment, gestreckt auf zweieinhalb Stunden. Oder auch einfach nur geil.
Denn es ist einfach grandios gemacht und absolut beeindruckend in seiner Konsequenz.

Es war wieder ein katharsisches Ereignis und auf jeden Fall eines der absoluten Konzerthighlights dieses Jahres!


Ziemlich konsequent psychotisch war übrigens auch die "Vorgruppe" Pharmakon, bestehend aus einer jungen Künstlerin, die sich ziemlich unbequemen Krach zusammenloopte, dazu alles andere als lieblich sang und dabei gerne mal im bereits dicht aufgestellten Publikum herumspazierte, um den Zuhörern dabei direkt ins Gesicht zu schauen oder sie grüppchenweise mit ihrem Mikrofonkabel einzufangen. Das gab ein paar ungewöhnliche Bewegungen für ein Konzert...
Psychisch sehr intensiv, aber im Vergleich zum Hauptact war das kurze Set der Dame natürlich eher ein Zwergenaufstand. Überhaupt ist der Spot vor den Swans ja alles andere als dankbar.
Die Dame konnte sich zwar durchaus etwas Achtung verschaffen, aber alleine in einem kleinen Club hat sie sicherlich bessere Karten.


Anders als neulich bei den Blues Pills hatte ich diesmal auch wieder eine Digital Harinezumi 3.0 Spielzeugkamera dabei.
Diese bewusst auf low-fi gebürsteten Kameras habe jede individuell etwas andere Fehlerquoten, sind also obwohl digital alle individuell verschieden. Leider hat mein neues Exemplar es gar nicht gut mit Differenzierungen bei schwachem Licht und fängt schon bei leichten Schatten schnell an, alles in schwarz zu tauchen. Kurz gesagt: meine alte Knipse (R.I.P.) eignete sich viel besser für Konzerte...

Von Pharmakon habe ich kein einziges brauchbares Bild hinbekommen. Bei den Swans wurde die Bühne dann besser ausgeleuchtet und es ging doch noch ein bisschen was:





















52 Wochen | 39 | green arrow

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2014-10-20

TORI AMOS - Unrepentant Geraldines

Produktivitätspausen sind für Tori Amos ein Fremdwort, und so hat die Dame mit dem Bösendorfer-Klavier auch dieses Jahr wieder ein Album veröffentlicht.

Es ist nicht über Deutsche Grammophon erschienen, ihr mehrjähriger Ausflug in die Klassik ist also beendet. Frau Amos spielt auf "Unrepentent Geraldines" wieder lupenreine "U-Musik", wie der GEMA-Mitarbeiter in seine Schreibmaschine tippen würde. 


TORI AMOS - Unrepentant Geraldines (2014)

Ich persönlich bin ja nach wie vor der Meinung, dass Tori Amos nicht schwach kann, und ich mag auch alle ihre als verkopfter und anstrengender geltenden Werke. Nur mit dem Nicht-Weihnachts-sondern-Winter-Album "Midwinter Graces" geht sie mir teilweise ein Stück zu weit. Doch auch darauf befindet sich durchaus starkes Material. Es sind also immer nur einzelne Songs, aber niemals komplette Alben, die ich skippe.

Es gibt natürlich auch - wie bei jedem kommerziell einigermaßen großen Musikkünstler - jene Fans, die jenseits der ersten zwei Scheiben so gut wie nichts an sich ranlassen, und die in diesem Fall seit zwanzig Jahren jenem jungen (in der subjektiven "Me And A Gun" ausblendenden Erinnerung) unbeschwerten Cornflake Girl hinterhertrauern, welches sich einfach ans Klavier gesetzt, losgespielt und alle fröhlich bezaubert hat.

Mit "Unrepentant Geraldines" schafft Tori Amos es tatsächlich, beide Arten von Fans, unkritische Alles-Möger wie mich und Hardcore-Frühe-Neunziger-Traditionalisten, zu bedienen.

Denn tatsächlich atmet dieses Album viel vom Geist und der Frische jener Zeit. Die Lieder wirken locker herausgesungen, spielerisch, ja manchmal sogar albern verspielt. Und auf der anderen Seite gibt es auch "altersweisen" Tiefgang und einige Gänsehautmomente. Und instrumental gibt es auch nach vielen Durchläufen nicht nur beim Klavier immer noch viele kleine liebevolle Details zu entdecken.
An der Ausnahmestimme der Sängerin gibt es eh keinen Zweifel, und auch die Produktion ist tadellos.

"Unrepentent Geraldines"ist negativ ausgedrückt ein Album, auf dem Tori Amos versucht, es allen recht zu machen. Positiv gesehen kommen aber stets ganz hervorragende Werke heraus, wenn sie eben dies versucht ("Scarlet's Walk", "American Doll Posse"). Das ist hier nicht anders.

Wer Tori mag oder auch erstmals jenseits der unvermeidbaren Klassiker näher kennenlernen möchte, der findet hier ohne Frage ein Spitzenalbum.



Anspieltipps: Weather Man, Unrepentent Geraldines, Trouble's Lament, Oysters 



In meiner persönlichen Blog-Challenge, alle im laufenden Jahr erschienen Musikträger, die ich mir gekauft habe, zu besprechen, habe ich nun übrigens tatsächlich komplett aufgeholt. Nichts mehr übrig! Für den Moment zumindest.
Aber weiß on da nicht schon morgen etwas eintrudelt, was ich vor Wochen oder Monaten vorbestellt habe... Nein, fertig habe ich noch lange nicht. Nur Pause. 


JESU - Infinity (Digital Deluxe Edition)

Wenn man eh schon bei Justin Broadrick einkauft (die neue Godflesh ist ja Pflicht), dann lohnt es sich natürlich auch zu schauen, was Avalanche Records sonst noch so im Angebot hat.

So ist dieses Jahr z.B. die Digital Deluxe Edition von "Infinity" erschienen. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hier um einen Download, es gibt allerdings auch noch Restbestände des Ein-Song-Albums auf Vinyl, und zu diesem bekommt man die Digitalversion umsonst obendrauf.



JESU - Infinity (Digital Deluxe Edition) (2014)

Das Album beginnt mit dem original 50-Minuten-Songbrocken, wie er 2009 auf CD erschienen ist. Das bedeutet, dass Fans, welche diesen noch nicht besitzen, hier schon einmal gar nichts verkehrt machen können.
Auf der LP-Version wurde der Song logischerweise geteilt, was auch gut passt, da er ja ohnehin aus zwei unterschiedlichen Hälften besteht. Die erste Seite unterschied sich jedoch von der CD-Version und wird hier als erster Bonustrack digital für alle nachgereicht.

Track 3 und 4 sind Neuinterpretationen der beiden Songhälften, die sich erheblich vom eher groben Brutalklang des Originals unterscheiden. Stark verkürzt bzw. verdichtet und mit mehr eher melancholischen Soundebenen angereichert, kann man hier im Grunde schon fast von neuen Songs sprechen, die durchaus mehr Fluss haben und stilistisch auch auf den letzten Album "Every Day I Get Closer To The Light From Which I Came" gut aufgehoben wären.

Lohnenswert sind die vier Tracks alle, wenn auch nicht unbedingt hintereinander am Stück. Ich höre mir ja auch Laibachs "Sympathy For The Devil" (mit acht Versionen des Songs) eher selten komplett an.

Auslöser für diese Veröffentlich war ja, dass Justin Broadrick mit der ursprünglichen Version nicht mehr zufrieden war. Nun kann ich zwar nachvollziehen, was ihm nicht mehr gefiel, zumal er ja in den neuen Versionen zeigt, worauf es ihm bei Jesu heute eher ankommt. Für mich bleibt die CD-Originalversion in ihrer gewaltigen, die Grenzen zum Quälenden suchenden Konsequenz und Länge allerdings unerreicht.

Von daher würde ich diese Veröffentlichung vor allem Fans empfehlen, denen "Infinity" ohnehin noch in der Sammlung fehlt. Der Rest ist zwar auch sehr guter Broadrick, aber kein essentieller Meilenstein seines Schaffens.


Anspieltipps: Infinity, Infinity (Part 2 Re-Interpretation)

2014-10-19

GODFLESH - A World Lit Only By Fire

Hallelujah! Das neue Album von Godflesh ist endlich da!

Und noch bevor man die Platte in die Hand nimmt, haben sich die Herren Broadrick und Green bereits Spitzenplätze in den Jahrespoll-Kategorien "ikonenhaftestes Cover" und "evokativster Albumtitel" verdient. Was für ein gewaltiger Ausdruck von Wut und Weltschmerz!

Und daran, dass es dieses Comeback es auch musikalisch in sich haben würde, bestand nach vor ein paar Monaten erschienenen "Decline & Fall"-EP eigentlich auch kein Zweifel.



GODFLESH - A World Lit Only By Fire (Red Vinyl) (2014)

In der Hülle befindet sich bei der von mir erstandenen Version ein Lyricsheet, auf dem wir einen uns auffällig anspringenden Tippfehler gnädig verdrängen, und natürlich das transparente rote Vinyl. Da hört das Auge doch gerne mit!

Neben der regulären schwarzen Variante bekommt man das Album auch auf CD und - angeschnallt! - auf retro-fucking Musikkassette! Auf der japanischen CD-Version befinden sich wieder Bonustracks, und zwar drei Songs in Dub-Mixen (ca. 20 Minuten Musik). Bestellt man jedoch die reguläre LP oder CD direkt bei Meister Broadrick auf Bandcamp, so gibt es diese Stücke auch als Download obendrauf.


Godflesh enttäuschen die hochgeschraubten Erwartungen nicht. "A World Lit Only By Fire" ist tatsächlich das räudigste, zornigste Alben der Briten seit dem Klassiker "Streetcleaner", die Musik lehnt sich auch großenteils an dessen direktere Songs an.

Es handelt sich also wie vorher angekündigt um eine Besinnung auf die ursprüngliche Formel von Godflesh bis inklusive zum "Selfless"-Album, also mit Fokus auf in die Fresse gedrückter Riffmacht, brummknarzig drahtigem Bass, rudimentären Brülltexten (bzw. dem ebenso typischen delayreichen Klargesang) und geradezu unverfrorerem Drumcomputer. Man kann nur staunen, wie lebendig das Resultat trotz dieser überdeutlich maschinellen Komponente geraten ist.
Dennoch schleicht sich mit "Shut Me Down" und mehr noch dessen Dub-Version auch ein Groove aufs Album, der eher dem damals umstrittenen "Songs Of Love And Hate" entsprungen zu sein scheint. In der Umsetzung sollte dies jedoch auch Fans, die mit Werk damals nichts anfangen konnten, nicht stören.
Mit programmierten Sounds jenseits des reinen Beats geht das Album sehr sparsam um, ebenso mit der elegischen Seite der Band, in die es erst gegen Ende mit dem Schluss von "Towers Of Emptiness" und dann vollends in "Forgive Our Fathers" eintaucht.
Justin Broadrick hat diese Seite seiner Kreativität natürlich im Shoegaze-Postrock von Jesu über die letzten Jahre auch schon reichlich erforscht, so dass die Konzentration auf gnadenlose ausweglose Aggression jetzt nur folgerichtig ist.

"A World Lit Only By Fire" ist grobes Godflesh-Kernprogramm, aber das vom allerfeinsten! Kein Track ist auch nur annähernd ein Füller, das Album muss sich vor nichts in der Godflesh-Discographie verstecken.

Comeback des Jahres. Bäm!


Anspieltipps: Forgive Our Fathers, Imperator, Carrion, New Dark Ages

52 Wochen | 38 | digital harinezumi 3.0

260/365 • digital harinezumi 3.0

Seit Freitag nenne ich eine neue Digi-Igel-Kamera mein eigen.

Es geht also nach doch nicht so langer Unterbrechung weiter mit den 365 Tagen bzw. 52 Wochen!

2014-10-18

THE VINTAGE CARAVAN - Voyage

Wie ich schon im Bericht vom Blues Pills-Konzert in Hamburg schrieb, habe ich mir dort das aktuelle Album von deren Supportband The Vintage Caravan migenommen:


THE VINTAGE CARAVAN - Voyage (2LP) (2012/2014)

Eigentlich erschien "Voyage" bereits 2012 auf einem isländischen Label mit einem anderen - auch schon durchaus sehenswertem - Cover. Mit dem Signing durch Nuclear Blast Records wurde das Album nun nochmal neu aufgelegt. Ob an Mix oder Mastering noch etwas gedreht wurde, kann ich jetzt spontan ohne Recherche nicht sagen, auf jeden Fall unterscheidet sich die Tracklist leicht. Der ursprüngliche Opener fehlt, dafür gibt es einen neuen "hidden" Bonustrack, was auf Vinyl bedeutet, dass vorher etwas Leerlauf und das Abheben des Tonarms simuliert werden.

Die Doppel-LP (Achtung - 45 rpm!) entspricht jedenfalls ziemlich genau dem, was ich aufgrund der Liveperformance der Band erwartet hatte:

Von Herzen kommender Classic Rock der entfesselteren Ausprägung, mit einfühlsamer bis wilder Gitarre, ordentlich Zerre im Bass und Wumms im Rhythmus.
Ein paar Tracks wie "Do You Remember" fallen ein wenig ab, da der sehr jungen Band dafür vielleicht doch noch ein wenig die Reife fehlt, was allgemein auch für die Texte gilt. Anderseits ist der Großteil des Albums gerade angesichts des Alters geradezu sensationell souverän.
Das Zusammenspiel ist tadellos, aber vor allem vom Feeling her haben die Isländer einfach ein gutes Gefühl für das was sie tun. Zudem stimmt insgesamt die Balance zwischen der Ehrlichkeit, mit der sie ihre Musikrichtung lieben auf der einen und dem bewussten, sich selbst nicht immer zu ernst nehmenden Spielen mit Klischees.

"Voyage" erfindet zwar das Powertrio nicht neu, kocht aber eine sehr leckere Suppe aus bewährten (Blues-)Rock-Zutaten und lässt den "Psychedelic Mushroom Man" zum Abschmecken ran. Ebenso wie im Live-Package fehlt der Vintagekarawane hier zwar noch einiges zum sensationellen Niveau der Blues Pills. Aber was heißt das schon?
Hier gibt's kurzweiligen, unangestaubten Retro-Rock, der einfach gute Laune macht. Mir persönlich gefallen am meisten die längeren ausschweifenden Stücke, allen voran "Winterland" und der tatsächlich jenseits von Strophe-Refrain eine musikalische Reise unternehmende Quasi-Titelsong "The King's Voyage".

Fazit: eine für alle Classic Rock- und dieser Richtung gegenüber aufgeschlossenen Metalfans empfehlenswerte Scheibe, die optisch auch was hermacht - vorher reinhören oder live begutachten schadet aber sicher nicht.



Anspieltipps: The King's Voyage, Winterland, Midnight Meditation, Expand Your Mind

2014-10-17

BLUES PILLS, THE VINTAGE CARAVAN & THE ARKANES live in Hamburg (15.10.2014)

Das Konzert im Headcrash war komplett ausverkauft, also wurde es ins größere Uebel & Gefährlich verlegt - und war dann auch dort ausverkauft. Die Schlange vor dem Bunker am Heiligengeistfeld war entsprechend lang, der Konzertsaal natürlich proppevoll und das Klima... mmmhhh...

So ähnlich dürfte es momentan überall aussehen, wo die Blues Pills aufschlagen, eine junge Band, die ohne Unterstützung durch den Beat Club oder die ZDF-Hitparade, kraft ihrer Musik, mit ihrem Debütalbum auf Platz 4 der Charts gelandet ist.
Kreischende Teenie-Horden zogen die (Wahl-)Schweden allerdings nicht an, sondern ein Altersgemisch fast wie Empfehlung auf einem Ravensburger Brettspiel. Popkulturell einsortieren würde ich die Fans mal grob in ein Drittel Metallköpfe, ein Drittel Generation Jeansjacke (wird demnächst bei Colosseum wieder die Fabrik beherrschen) und der Rest buntes Allerlei.

Die Künstler waren an diesem Abend alle sehr jung, einige Generationen jünger als die Tradition ihrer Musik. Das kann man ignorant als "Retrowelle" abstempeln, oder man betrachtet und beurteilt halt jede mitschwimmende Gruppe für sich...


The Arkanes kommen aus Liverpool und behaupten, deswegen wie die Beatles zu klingen, was natürlich Käse ist. Wie alle Bands des Abends ist ihr Sound von Cream, Hendrix und Konsorten geprägt, wo The Arkanes auch ebenso viele neuere Einflüsse rauskehren, mit denen sie wohl auch z.B. in den frühen Neunziger Jahren ganz gut aufgehoben gewesen wären.
Ich persönlich fand das mal ziemlich gut, mal weißnicht... Eine ganz ordentliche Band mit mehr Potential nach oben, die ich mir bei Gelegenheit zwar wieder anschauen, für die ich mir jetzt allerdings auch kein Bein ausreißen würde.


Deutlich wilder und interessanter wurde es danach mit dem isländischen Trio The Vintage Caravan, welche ich dieses Jahr schon zwei Mal ganz gerne gesehen hätte - aber Magma waren beim Roadburn Festival doch wichtiger, während in Wacken Carcass Vorrang hatten, beides Entscheidungen, die ich nach wie vor richtig finde. Aber jene Bands sind natürlich auch nicht irgendwer...

The Vintage Caravan sind nämlich durchaus eine sehr sehenswerte Band. Wie schon der Bandname andeutet wissen die drei schon, dass sie eine Retro-Mode bedienen und gehen mit einem gewissen Augenzwinkern damit um. Die Musik an sich ist aber einfach zeitloser ehrlicher Psychedelic Blues Rock mit ordentlich Wumms in der Rhythmussektion, kompositorisch manchmal etwas grob, aber prima für die Liveperformance optimiert.
Gefiel mir sehr gut und als Belohnung habe ich mir auch die "Voyage"-Doppel-LP mitgenommen.


Doch so viel Laune die Karawane auch gemacht hatte - als nach einer quälend langen Pause der Headliner des Abends sein Set begann, war sehr schnell klar, dass hier nochmal eine höhere Liga die Bretter betrat.

Die Blues Pills schlugen den Saal sofort in den Bann und ließen ihn bis zum Ende der Show auch nicht mehr los. Das Gitarrenspiel von Dorian Sorriaux alleine ist es schon wert, sich die Gruppe anzuschauen, insbesondere wenn die Songs gegenüber ihren Studioversionen noch um zusätzliche Schnörkel und Facetten erweitert werden. Die gesamte Band ist unglaublich heiß darauf zu spielen, liebt und lebt diese Musik und steckt ihre Zuhörer damit mühelos an.

Und was soll man zu Frontfrau Elin Larsson sagen? Die Dame ist einfach ein Ereignis!
Da treffen eine tolle eigenwillige Stimme auf große, natürliche und positive Ausstrahlung und eben der gerade schon beschriebenen enormen Hingabe zur Musik - nicht nur sichtbar im mit den Bewegungsmanierismen Joe Cockers vorgetragenen Gesang, sondern auch in den nicht wenigen Passagen, in denen sie "nur" Tamburin oder Rasseln bedient.

Ich könnte jetzt noch die einzelnen Songs belobhudeln und erwähnen, dass "Jupiter" auf schwedisch vorgetragen wurde, doch entscheidend ist eigenlich nur mein Fazit:

Hype hin oder her, diese Musik ist zeitlos und Blues Pills sind eine unglaublich frische Band - der heiße Scheiß der Stunde, den man unbedingt gesehen haben sollte!


Erstklassiges Konzert - und dass ich mir im Anschluss noch ein paar Euro Spritgeld als ÖPNV-Streik-Ausweichtaxi verdienen durfte, war auch ganz nett. ;)

2014-10-14

ARCHIVE - Axiom

Vor knapp einem halben Jahr erschien das neue Album von Archive, welches sich selbst gar nicht primär als solches versteht. Die DVD ist hier nämlich tatsächlich konzeptionell ein bisschen mehr als die übliche Bonusmaterial-Sammlung...


ARCHIVE - Axiom (CD/DVD) (2014)

"Axiom" ist ein experimenteller, dystopischer Sci-Fi-Kurzfilm (inklusive Abspann 40 Minuten), welcher in der gleichnamigen Stadt spielt, einer nach dem dritten Weltkrieg in einer riesigen Höhle errichteten Zuflucht, deren Lebensrhythmus vollkommen vom Läuten einer gigantischen Glocke und dem halbstündig wiederkehrenden tödlichen Echo derselben bestimmt wird. Jede halbe Stunde müssen sich die Bewohner also in ihre schalldichten Wohnungen einsperren lassen... Die "Distorted Angels" sind Rebellen welche die Stille suchen und sich der totalen Überwachung entziehen wollen. Dafür verätzen sie ihr Gehör...

Die CD "Axiom" ist der Soundtrack des komplett mit Musik unterlegten Films. Da jener in Kapitel unterteilt ist, welche genau den Tracks entsprechen, ist es letztendlich Auslegungssache, ob man das Ganze tatsächlich als für sich funktionierenden Film oder eher als zusammenhängende Videosammlung versteht. Abgesehen vom Titelstück, welches auf der DVD mit Abstand am meisten Schauspielertext trägt, hat es für mich eher Videocharakter, was allerdings keinesfalls ein schlechtes Urteil  sein soll und wohl auch damit zu tun hat, dass ich mir die reine Audiovariante nun einmal sehr viel häufiger zu Gemüte führe.

Im Grunde ist die Einordung ja ohnehin rein akademisch. Was zählt ist, dass es hier auf der einen Seite eine Menge starke Bilder und Ideen und auch sehr dick aufgetragenes, aber dennoch effektives Schauspiel zu sehen gibt

Und auf der anderen Seite haben wir die Musik.

Das zentrale Thema liefert auch hier die Glocke, bzw. ein ganzes Ensemble echter Kirchenglocken, um die herum der Rest des Albums konzipiert wurde.

"Axiom" ist ganz typisches Archive-Material, also für alle, die Musik gerne in feste Schubladen einteilen, das nackte Grauen. Vergleicht man mal, was einem Onlineshops, Infoseiten wie discogs, Wikipedia oder die Datenbank des eigenen Musikplayers für Archive anbieten, so bekommt man ja teilweise für ein und dasselbe Album z.B. Electronica, Postrock, Trip Hop, DJ + Dance, Progressive Rock, Alternative und oft auch den Namen Pink Floyd angeboten. Ganz falsch ist wahrscheinlich nichts davon. Demnach könnte man hier ein wildes Gewürfel wie bei Mr. Bungle oder The Dillinger Escape Plan (nur eben mit anderen Genres) vermuten - doch das ist es natürlich nicht.
Archive sind ja sehr sortiert und nachvollziehbar - und klingen dabei eben immer ganz und gar nach Archive.

S
timmungsmäßig liegt "Axiom" nah an "Controlling Crowds", die Sänger(innen) sind dieselben wie auf "With Us Until You`re Dead", also Pollard Berrier, Dave Pen, Holly Martin und Maria Q.
Insgesamt spielt der durchweg tadellose Gesang allerdings dem Soundtrackgedanken geschuldet eine etwas kleinere Rolle als sonst.

Was lässt sich als Fazit zu "Axiom" (dem Musikalbum) sagen?

Fans machen hier nichts verkehrt, wer Archive kennenlernen möchte eigentlich auch nicht, weil hier sehr verdichtet viele stilistische Merkmale der Gruppe zusammenkommen.
Mit nicht einmal einer Dreiviertelstunde Spielzeit ist die Scheibe allerdings recht kurz. Man kann jedoch nicht sagen, dass diese Zeit nicht hervorragend genutzt würde.

Archive auf Normalniveau, sehr gut also.



Anspieltipps: Axiom, Shiver, Transmission Data Terminate

2014-10-11

DREAM THEATER - Breaking The Fourth Wall

Was? Nicht einmal ein Jahr nach "Live At Luna Park" schon die nächste Live-Vollbedienung von Dream Theater?

Ja, so ist es. Allerdings muss man natürlich bedenken, dass der Vorgänger natürlich mit enormer Verspätung herausgekommen ist und das nun vorliegende Konzert wieder im normalen Rhythmus (also Album - Tour - Livealbum - nächstes Album) erscheint.

Natürlich stehen wieder mehrere Varianten zur Auswahl, und da mir die Audioaufnahme wichtig ist - ich höre nunmal weitaus häufiger Musik als dass ich sie mir anschaue -, habe ich mich für die Variante BluRay + 3 CDs entschieden.



DREAM THEATER - Breaking The Fourth Wall - Live From The Boston Opera House (BluRay/3CD) (2014)

Im Bericht vom diesjährigen Konzert im Hamburger Stadtpark habe ich geschrieben, dass die Setlist der aktuellen Tour wohl die beste seit den "Scenes From A Memory"-Konzerten war. Da diese sich auf "Breaking The Fourth Wall" wiederfindet, lässt sich diese Aussage auch 1 zu 1 auf die entsprechenden Live-Veröffentlichungen übertragen, was  alleine beim Fan schon zu mittlerem Kaufrausch führen sollte.

Ein Schwerpunkt des Sets sind natürlich die Stücke vom selbstbetitelten aktuellen Studioalbum, die sich allesamt live sehr gut machen und vor keinem Klassiker verstecken müssen. Die größten Überraschungen im ersten Akt (vor der Pause) waren für mich gleich als zweites der sehr verfrickelte und vor allem vom Ex-Drummer geprägte "Black Clouds"-Track "The Shattered Fortress" und einer meiner Favoriten, der "Falling Into Infinity"-Epos "Trial Of Tears" als Herzstück.

Der zweite Akt besteht zum zwanzigjährigen Jubiläum jenes Albums aus der kompletten zweiten Hälfte des Klassikers "Awake" ab "Lie" und inklusive einer fantastischen Version des vor dieser Tour niemals live gespielten Kevin-Moore-Stücks "Space Dye Vest".
Das gesamte "Awake"-Material wirkt sehr frisch, was auch der Neubelebung durch Tastenhexer Jordan Rudess und dem mittlerweile mehr als komplett in der Band angekommenen Trommeltier Mike Mangini zuzuschreiben ist.

Zum Abschluss des regulären Sets ertönt die zwanzigminütige "Illumination Theory" - und wie!
Nun wird nämlich klar, warum der außergewöhnliche Konzertsaal, das altehrwürdige Opernhaus von Boston, für die Aufzeichnung gewählt wurde:
Der Orchestergraben vor der Bühne befindet sich dort nämlich nicht zum Spaß, und auch hinter den Musikern ist noch Platz, einen kompletten Chor unterzubringen. Das klingt jetzt erstmal nicht ganz neu, da ähnliches ja auch schon in Ansätzen auf "Live Scenes From New York" und natürlich auf der "Score"-DVD zu sehen war. Orchester und Chor bestehen hier allerdings nicht aus alten Hasen, sondern komplett aus Schülern des Berklee College of Music, an dem Mike Mangini bis zu seinem Eintritt bei Dream Theater vor wenigen Jahren noch Lehrer war - und an dem drei Schüler eben jene Band einst gründeten. Im Grunde also was Die Ärzte auf "Rock'n'Roll Realschule" gemacht haben, nur auf einem leicht höheren musikalischen Niveau.

Das Resultat sieht nicht nur mächtig aus, sondern kann sich auch mehr als hören lassen. Insbesondere der reine Orchesterteil von  "Illumination Theory" erfährt hier natürlich eine einmalig eindrucksvolle Livedarbietung.
Auch beim Zugabenteil, einem fünfundzwanzigminütigem Schnelldurchlauf durch "Scenes From A Memory" inklusive der Mutter aller Over-The-Top-Progmetal-Instrumentals "The Dance Of Eternity" sind die Gastmusiker voll dabei. Man kann es drehen und wenden wie man möchte - das ist einfach atembraubend geiler Scheiß! Und dass dieses Konzert für alle Anwesenden etwas ganz besonderes gewesen sein muss, lässt sich am Bildschirm auf jeden Fall nachvollziehen.

Und dass das vorletzte Studiowerk "A Dramatic Turn Of Events" nur am Rande und der Albumklassiker schlechthin "Images And Words" überhaupt nicht im Set gewürdigt werden, stört tatsächlich kein bisschen!

Der Sound ist übrigens deutlich besser als auf "Live At Luna Park", was wohl auch damit zu tun haben mag, dass die Location einfach besser für Musik optimiert ist.
Die Kameraführung und Bildregie ist im Vergleich zur letzten BluRay entspannter, d.h. wenn ein Solo gespielt wird, konzentriert sich das Bild auch in erster Linie auf das Spiel des Solisten. Statt Schnittspektakel steht also die Musik im Fokus. Passt.

Extras gibt es kaum, ich vermisse sie angesichts der tadellosen Konzertaufnahme, an der ich nichts zu meckern finden kann, allerdings auch nicht.

Fazit: "Breaking The Fourth Wall" zeigt die Herren LaBriePetrucciRudessMyungMangini in individueller wie kollektiver Höchstform und demonstriert, warum Dream Theater nach wie vor verdient die unangefochtenen Könige des Prog Metal sind. Ein perfektes Livealbum /-video!


Fun fact am Rande: Auf der deutschen Seite eines bekannten Onlineversandhändlers ist zum Zeitpunkt dieser Rezension bei der BluRay nach wie vor ein gewisser Mike Portnoy als Regisseur gelistet.


Anspieltipps: Space Dye Vest, Strange Deja Vu, Illumination Theory, Trial Of Tears, Breaking All Illusions, Enigma Machine

2014-10-08

SWANS - To Be Kind

Huch, es ist ja schon wieder mitten im Oktober! Bald spielen die Swans in Hamburg. Zeit also, vorher noch ein Review zu schreiben, das ich eigentlich schon lange verfasst haben wollte, dann aber aus zu großer Ehrfurcht vor dem Werk doch stets verschoben habe.

Ist der zweistündige Brocken "To Be Kind" nach viereinhalb Monaten handlicher, fassbarer geworden? - Kaum.

Ok, schon ein bisschen.


SWANS - To Be Kind (2CD) (2014)

Es ist natürlich nicht so, dass Michael Gira mich mit diesem Album vollkommen überrascht hätte. Schließlich bin ich ja mit Schaffen der Post-Reunions-Swans vetraut, habe die Band 2012 live gesehen und das ebenfalls schon zweistündige, maximalmonolithische Vorgängerwerk "The Seer" hier besprochen.

Ja, mehr noch als das: frühere Live- und Demoversionen der Stücke von "To Be Kind" waren mir bereits durch die Crowdfunding-Belohnung "Not Here / Not Now" geläufig.
Seit jener Momentaufnahme haben sich die Kompositionen allerdings noch um viele Schritte weiterentwickelt und präsentieren sich nun wesentlich dynamischer und detailreicher.

Wo Zeremonienmeister Gira live vor allem auf die überwältigende körperliche Erfahrung setzt, finden die Studioversionen der Stücke nun mehr Platz für Zwischentöne. Tatsächlich beginnt das Album mit dem hypnotisch groovenden "Screen Shot" im mittleren Bereich der Intensitätsskala. Von Anfang an herrscht Spannung, doch erst im letzten Viertel des Achtminüters zerbricht die Oberfläche und das infernalische Tier erhebt erstmals sein Haupt.

Das ist überhaupt ein Bild, welches auf große Teile von "To Be Kind" zutrifft: Eigentlich ist die Musik ruhig, einfach, zugänglich, doch darunter schlummert ein launisches kakophonisches Monster, welches jederzeit unerwartet herausbrechen kann, ganz so wie ein zufrieden schlummerndes oder glucksendes Baby ganz unvermittelt zum brüllenden Berserker mutieren kann. Womit ich auch schon eine mögliche Interpretation für das wieder einmal sehr gelungene Cover zur Hand hätte.


Gleich der zweite Song "Just A Little Boy" ist eine der deutlichsten Manifestationen dieses Bildes. Fragt man den Bassisten, so möchte das Lied eigentlich nur ein über zwölf Minuten langer, fast schon entspannter Blues sein. Doch immer wieder quängelt das Monster aus Michael Gira heraus, er schreit "I'm just a little boy!", "I'm not human!", es folgen ihm schallendes Gelächter und brodelnder Gitarrenkrach. Die Lärmattacke zerfällt, der Bass bleibt unbeeindruckt, das Spiel beginnt von vorn... Was sonst eher live ersichtlich ist, nämlich Giras Rolle als Zeichen gebender, alles dirigierender James Brown der Gruppe, führt dieser Track auch sehr deutlich in der Studiovartiante vor.

"A Little God In My Hands" beginnt im Prinzip ähnlich, wobei die Grundlage hier eher so etwas wie die maximal reduzierte Version eines Funk-Licks ist, über die sich Schicht für Schicht immer mehr Instrumente und Gesang auftürmen, ehe das mit sieben Minuten zweitkürzeste Stück des Albums in der Swans-Entsprechung eines Hupkonzertes untergeht.

Jetzt aber geht es erst richtig los! Der Doppelschlag "Bring The Sun / Toussaint L'ouverture" ist für dieses Album das, was für "The Seer" der Titelsong war. Das epische Ungetüm von vierunddreißig Minuten wirft die gesamte Brachialität, aber auch Erhabenheit der Swans in den Ring.

Gestern habe ich dieses Stück im Auto gehört, als in Heide gerade ein mit Blitz und Hagel wütendes Unwetter geherrscht hatte und der Himmel immer noch düster war. Als ich auf der A23 nach Hause fuhr, klarte es auf und die Sonne  spannte den epochalsten Regenbogen, den ich seit sehr sehr langer Zeit gesehen hatte über einen Windpark... ein absolut beeindruckendes Schauspiel. Und dazu singt der Schwanenchor zu einem wahnsinnigen musikalischen Crescendo immer wieder "SUUUUUUUUUN... Bring the sun!" - Mehr kann Musik nicht!

In diesem Herzstück der ersten CD ist alles auf elf gedreht; das Brutale, das Glorreiche, das Exzessive. Der Text wird - nicht nur hier auf dem Album - zweitrangig, wenn Gira im Rausch ist, dann wird er zum besessenen Schamenen, schreit, RRRRRRRRRRrollt das RRRRRR und bellt wie ein tollwütiges Tier.


Danach darf man mit dem ruhigen "Some Things We Do", einem Song der auch aus der "Ende Neu"-Phase der Einstürzenden Neubauten stammen könnte, wieder ein wenig runterkommen.



Und das war erst Teil 1 des Albums. Die zweite CD hält das Niveau, und ich könnte auch hier wieder auf jedes Stück einzeln eingehen. Doch das spare ich mir mal. Auch hier hat jeder Track seinen grundeigenen Charakter und seine ganz großen Momente. Besonders auffallen beim ersten Hören dürfte das perkussiv sehr harte und für Swans-Verhältnisse ungewöhnlich schnelle "Oxygen".

Auch was Instrumentierung, Gastsängerinnen, Texte, die Aufmachung der handsignierten Special Edition uvm. angeht könnte ich hier noch viele Zeilen füllen, aber ich glaube man merkt auch so schon, dass ich einigermaßen angetan bin.


Der Sound dieses Doppelalbums ist extrem lebendig und druckvoll und obwohl sich aus den zahlreichen Saiteninstrumenten, den Drums, Percussions, Bläser usw. gewaltige Klangmassen aus den Boxen schieben, doch noch erstaunlich differenziert. 

Ist man mit den Swans bisher noch wenig in Berührung gekommen, so ist es sicherlich viel wert, dass man anfangs erst stufenweise weichgekloppt und für die ganz großen Kaskaden vorbereitet wird. In dieser Hinsicht überfällt einen "To Be Kind" weitaus weniger als das Vorgängeralbum "The Seer".
Natürlich bleibt dies aber nach wie vor Musik, die sehr viel Aufmerksamkeit und Zeit vom Hörer abfordert. Doch war "The Seer" eher eine Collage der Extreme, so ist das aktuelle Werk schon songbasierter und somit zugänglicher, ohne dadurch im Vergleich merklich an monolithischer Größe einzubüßen.

Tatsächlich überstrahlt "To Be Kind" fast alles, was sonst in diesem (von meiner Warte aus fantastischen) Musikjahr erschienen ist.

Natürlich kann man einige Alben überhaupt nicht hiermit vergleichen, und tatsächlich gibt es auch Veröffentlichungen, welche den Swans in Einzelkategorien das Wasser reichen mögen. Doch in seiner Gesamtheit, mit seinen zwei Stunden Spielzeit, von denen keine einzige Minute langweilig oder verschwendet ist, von seinen feinfühligsten bis infernalischen Szenen, mit der vehementen Leidenschaft, in der es die Grenzen dessen, zu was Rockmusik fähig ist, herausfordert, ist an "To Be Kind" kein Vorbeikommen.

Erlaubt Dir deine Religion nur, höchstens ein Musikalbum pro Jahr zu kaufen, dann muss muss muss es dieses sein! (Und Du solltest schnell aus jener bekloppten Sekte austeigen...)


Michael Gira ist einer der größten Musiker der Gegenwart und "To Be Kind" ein perfektes Album ohne das geringste Härchen in der Suppe. Meine Fresse, was hab ich schon Bock auf die Tour!



Anspieltipps: Screen Shot, Bring The Sun/Toussaint L'Ouverture, Oxygen, She Loves Us, A Little God In My Hands, To Be Kind

2014-09-30

52 Woche | 37 | death, death, nothing but fucking death

257/365 • death, death, nothing but fucking death

Leider ist mein 365-Tages-Projekt mit der Digital Harinezumi 3.0 nun zwangsweise vorbei, da ich Depp das Ding natürlich mit Schallplatten in einer Hand und einer leeren Cola-Dosa in der anderen aus der Tasche kramen und fallen lassen musste. :(

Mein letztes Foto vor dem Unglück war übrigens dieses:





 Ich würde sagen, da war eindeutig das Motiv schuld!

Ich möchte schon gerne Ersatz haben, allein schon weil die Konzertfotos damit Laune machen, aber die Dinger sind normalerweise leider schweineteuer, da muss sich also erstmal eine Gelegenheit auftun...

Sollte es irgendwann soweit sein, mache ich einfach direkt bei Tag 258 bzw. Woche 38 weiter.


R.I.P. kleiner Igel.



2014-09-22

MORGOTH - Odium

Ein neues Medium heißt ja immer auch, alte Sachen noch einmal zu kaufen. Blu Ray statt DVD --> alle Tarantino-Filme verscherbeln und die Box holen. Compact Disc ist der heiße Scheiß? --> Ich höre euch nie wieder, Schallplatten!

Und nun bei mir eben umgekehrt. Zumindest zwei Mal habe ich in meinem ersten LP-Kaufrausch schon Platten gekauft, deren mittlerweile antike CD-Versionen schon arg mitgenommen sind: zuerst den zwanzig Jahre alten Death Metal-Klassiker "Covenant" von Morbid Angel (Ticket für die Jubiläumstour ist schon gesichert!) und wenig später den... öhm... tatsächlich zwanzig Jahre alten Death Metal-Klassiker "Odium" von Morgoth.





MORGOTH - Odium (Orange Vinyl) (1993/2014)

Die neue alte Morgoth kommt mehrfach aufgehübscht daher: Das damals von der Band selbst gestaltete Cover, auf welches sie inzwischen nicht mehr ganz so stolz sind, obwohl es die Atmosphäre des Albums wirklich gut aufgreift, hat seinen damals überflüssig breiten Rahmen abgeworfen, die Innenhülle, enthält die nicht immer ganz sprachsicheren, daber trotzdem sehr wirksamen Texte, sowie ein zurückblickendes Interview und natürlich die transparent orange Vinylscheibe.

Auch klanglich wurde geklotzt und die im Original doch sehr mittenlastige Scheibe hat im Remastering eine fettere Abrundung nach unten bekommen. Schade ist nur, dass es kein beiliegendes Soundupdate für die digitale Musiksammlung gibt.

Und die Musik?
"Odium" ist mit seiner dystopischen aggressiven Grundstimmung nach wie vor mein Lieblingsalbum von Morgoth. 100% klassischer Death Metal, nicht virtuos, aber mit mächtig Motivation und mit vielen Ideen. Dass einige davon damals den einen oder anderen Reinheitsgebotsfanatiker auf die Palme gebracht haben, wirkt aus heutiger Sicht natürlich noch lächerlicher als damals schon.

Verglichen mit dem Stilmix, der heute alltäglich ist, waren es nämlich wirklich nur kleine Akzente - hier ein hardcoriger Groove, da ein paar Industrialmetal-Drumsounds oder winzige Gothicanleihen -, die von der absoluten Lehre abwichen, aber in Wahrheit niemals irgendwie daran rüttelten, dass die Scheibe unterm Strich doch noch aus reinem Todesblei bestand.

Was auf dem folgenden Album geschah, steht ja auf einem ganz anderen Blatt...

Das wichtigste ist sowieso, dass das Ding einfach schweinegut ist. Ich habe es ja mal bestimmt mindestens zehn Jahre lang nicht mehr gehört, und es hat danach sofort wieder geknallt, als wäre es nie weg gewesen. Und nun auf der schwarzen orangen Rille ist es natürlich nochmal besser.

1993 ist u.a. durch Klassiker von Cynic, Voivod, Coroner, Disharmonic Orchestra und natürlich den eingangs erwähnten Morbid Angel vielleicht mein persönlich größtes Hach-damals-Jahr, was Metal angeht.

Und Morgoths "Odium" war eindeutig der deutsche Spitzenbeitrag dazu.


Anspieltipps: Odium, Under The Surface, Golden Age, Submission



52 Wochen | 36 | nuts

250/365 • nuts

Bis auf das Konzert von Maiden United am Freitag hat meine Harinezumi eine Fischaugenwoche gemacht.


2014-09-21

YOB - Clearing The Path To Ascend

Vor dem letzten Roadburn Festival nannte ich noch kein einziges Album von Yob mein eigen, mittlerweile sind es fünf. Von daher bin ich von dem Trio an sich noch so weggeblasen, dass eine detaillierte Differenzierungen zwischen den Werken von mir nicht erwartet werden kann.

Der bisherige Schaffenshöhepunkt liegt für viele bei "The Great Cessation", mir ist allerdings "Atma" mit seinem speziellen trockenen Sound fast noch lieber. Doch egal ob diese beiden, "The Unreal Never Lived" oder "The Illusion Of Motion", ein für die schmale Besetzung erstaunlich fett und breit klingendes Gemisch aus Stoner Sludge und Doom Metal mit dem gewissen in sich ruhendem Etwas, wird einem immer geboten.

Das ist auch auf "Clearing The Path To Ascend" nicht anders.


YOB - Clearing The Path To Ascend (2014)

Der siebzehnminütige Opener "In Our Blood" fast schon einmal alle primären Qualitäten der Band zusammen. Ultraschwere, packende, sich viel Zeit lassende Riffs treffen auf philosophische Texte, Mike Scheidts Gesang geht scheinbar mühelos von hohen Metalhelden-Gefilden der Marke John Arch trifft Ozzy Osbourne in infernalisches Death Metal-Gebrüll über.

"Nothing To Win" ist mit "nur" elfeinhalb Minuten der kürzeste und auch ganz klar der brutalste Song. Der aggressive Gesang und das Hauptthema wecken Erinnerungen an die stilprägenden Melvins, und in der zweiten Songhälfte Ende wird gar der Knüppel aus dem Sack geholt und schnell und in hohem Tempo gescheppert, was angesichts des für langsame Heavyness optimierten Klangs - ähnlich wie bei Bongripper oder Conan - zunächst etwa ungelenk und ungestüm wirkt, aber gerade durch dieses Scheißen auf populärmetallische Produktionskonventionen noch mehr knallt.

Doch im Vergleich zu dem, was einem im dritten Track erwartet, war das alles nur Vorspiel. Ein Muster, welches sich durch die Yob-Discographie zieht, ist, dass es am Schluss noch einmal die entscheidende Stufe epischer und mächtiger wird. Und so packt "Unmask The Spectre" die ganz weltbeherrschenden Riffs aus und wuchtet noch ergreifende emotionale Melodien obendrauf. Riesengroß - Yob at it's very best!

Doch halt! Das war ja noch gar nicht der Abschluss des Albums! Da folgt tatsächlich noch ein neunzehnminütiger Brocken. Meinen die etwa wirklich, noch eine Schippe nachlegen zu können?

Ja, das meinen sie. Und das können sie!
"Marrow" ist zwar im Schnitt wohl der ruhigste Song, doch insgesamt tatsächlich noch größer, noch ergreifender - was für hypnotische Leadgitarren! Was für ein Gesang! Yob spielen den ultimativen Doom.

Das einzige was man nicht tun darf, ist herauszufinden, dass man auf die zweite Hälfte des Liedes prima "Wicked Game" von Chris Isaac singen kann - dieses Ohrwurmmonster wird man nämlich so schnell nicht wieder los.

Yob ist eine der eigenwilligsten und besten Metalbands der Welt und "Clearing The Path To Ascend" vielleicht ihr bisher größter Wurf. Hätte ich ein Benotungssystem, dann würde ich hier ganz klar die Maximalpunktzahl ziehen!



Anspieltipps: Marrow, Unmask The Spectre


QUEEN - Live At The Rainbow '74

Sie wird immer noch kräftig gemolken, die Queen-Kuh. Doch die meisten CDs, DVDs, die Tribute Bands, Musicals usw. sind für mich nur noch Grundrauschen, dem ich keine große Aufmerksamkeit schenke. Ganz anders sieht es jedoch mit dem aktuellen Release aus, erschienen in verschieden umfangreichen Varianten und Formaten.

Ich habe mich für die Doppel-CD entschieden:



QUEEN - Live At The Rainbow '74 (2CD) (2014)

1974 war vielleicht das heißeste Jahr in der Geschichte der späteren Rock-Legenden Queen. Die Live-Klassiker stammten noch allesamt vom selbstbetitelten Debüt bzw. waren Coverversionen, man tourte für den genialen Nachfolger "Queen II", brachte Album Nr. 3 "Sheer Heart Attack" mit der ersten großen Hitsingle "Killer Queen" heraus und ging auch dafür auf Tour.

Nebenbei begannen schon die Aufnahmen für "A Night At The Opera", jenes in jedem Bestes-Rockalbum-aller-Zeiten-Ranking ganz weit oben vertretenes Werk, welches Queen vollkommen in die Stratosphäre schicken sollte... Doch das ist zum Zeitpunkt der beiden hier festgehaltenen Konzerte im Rainbow Theatre, London, noch Zukunftsmusik.

Da das Repertoire der Band noch überschaubar war, ähneln sich die beiden im März und November aufgezeichneten Konzerte natürlich im Grundaufbau und auch einigen Details. Trotzdem sollte man sich keinesfalls mit der 1-CD-Version, welche nur das November-Konzert enthält, zufrieden geben.

Gerade die März-Show war für mich ein Kaufargument, enthält sie doch z.B. mit "The Ferry Feller's Master Stroke" und "Great King Rat" rare Perlen, die leider in Folge der kommenden Alben aus dem Liveprogramm der Briten verschwanden.

Das spielerische Niveau ist bereits mehr als beachtlich und Junge, was klingt die Band hungrig! Wir alle wissen um das Genie von Brian May und natürlich dem unsterblichen, damals noch nicht mit Oliba vorstellbaren Freddie Mercury, doch ganz besonders hervorheben möchte ich den nach wie rockhistorisch sträflich unterbewerteten Roger Taylor, der sich hier als absolutes Tier an den Drums zeigt, was sich in "Liar" sogar in diversen kleinen Proto-Thrashmetal-Attacken äußert. Und sein Falsett-Gesang (Taylor hatte die höchste Stimme im Queen-Chor) ist einfach irre!
Die Leadstimme im "Modern Times Rock'n'Roll" hatte er live allerdings an Mercury übergeben.

Die am 20. November aufgezeichnete November-Show kenne ich zumindest in Teilen schon länger, wurde sie doch - in etwas kürzerer Form und gemischt mit Aufnahmes des Zwillingskonzertes einen Tag zuvor - bereits im Booklet "In The Lap Of The Gods" veröffentlicht. Doch auch für die bereits vertrauten Tracks lohnt sich die Neuanschaffung schon durch den aufgehübschten, restaurierten Klang der offiziellen Veröffentlichung.

Beide Konzerte präsentieren eine eigenwillige, manchmal kauzige, doch mit riesigem Showtalent ausgestattete Band auf Weltklasse-Niveau, noch bevor man ahnen konnte, wie sehr sie nur wenige Monate später weltweit explodieren würde.

Ein Rock'n'Roll-Geschichtsdokument - und zwei absolut überzeugende Konzertaufnahmen.


Nur zwei Dinge gibt es hier zu bemängeln:

Lieber Hersteller, hast Du schon einmal versucht, das Booklet aus dem Digipack zu holen? ... Aha, dachte ich mir.

Was aber vor allem nervt, ist die Track-Herausschinderei. Da bei vielen CD-Playern und in mp3-Form ja sowieso immer lästige Absätze zwischen den Tracks auftauchen, sollte man meiner Meinung nach auf unnötige Unter-Unterteilungen verzichten. Doch was passiert hier? "Keep Yourself Alive" läuft zweieinhalb Minuten, dann kommt (wie in der Studioversion!) ein Drumsolo und der Song geht schließlich weiter. Daraus werden hier drei Tracks mit den Spielzeiten 2:22, 0:27 und 1:22 Minuten. Was soll der Quatsch?

Das gleiche Spiel mit "Son And Daughter" und dem Gitarrensolo. Und da beide Songs in beiden Sets auftauchen, hat man insgesamt 8 Tracks aus dem Nichts gezaubert. Mich wundert nur, dass das Coversong-Medley vom März-Konzert nicht auch noch zerpflückt worden ist.
Das Medley aus "In The Lap Of The Gods", "Killer Queen", "The March Of The Black Queen" und "Bring Back That Leroy Brown", in der früheren Bootleg-Version noch ein einzelner Siebeneinhalb-Minuten-Track, wurde nämlich durchaus in Kleinteile zerlegt...

Schade, das sind Abzüge in der B-Note. 


Das ändert allerdings nichts am Fazit:

Unterm Strich ist "Live at the Rainbow '74" für mich in Ablösung von "In The Lap Of The Gods" die beste aller Live-Veröffentlichungen von Queen. Das heißt, wer dieses Jahr noch ein relevanteres Livealbum von wem auch immer erwartet, dem gehört die Rocklizenz entzogen. Denn an Kult und Klasse ist dieses Ding einfach nicht zu schlagen.

Die Vinyl-Version ist sicherlich das Nonplusultra, war für mich zum Zeitpunkt der Vorbestellung allerdings noch keine Option und wäre mir jetzt auch noch zu teuer. Vier LPs kosten eben Geld... Die BluRay mit dem November-Konzert plus vier Stücke vom März-Konzert (mehr Bild-Aufzeichnungen gibt es vermutlich nicht) könnte ich da noch eher in Erwägung ziehen.


Anspieltipps Disc 1: Great King Rat, The Fairy Feller's Master Stroke, Father To Son, Liar

Anspieltipps Disc 2: In The Lap Of The Gods (Revisited), White Queen (As It Began), Flick Of The Wrist, Ogre Battle

2014-09-20

MAIDEN UNITED im Logo, Hamburg (19.09.2014)

Maiden United, die großartige, sich hauptsächlich aus holländischen Musikern zusammensetzende Iron Maiden-Unplugged-Coverband, die ich 2011 in Wacken kennenlernte, spielten gestern im Logo. Und wie gut, dass mein Bruder und ich uns kurzfristig entschieden haben, uns das anzuschauen!

Die Gruppe spielte fast alle Songs ihrer beiden Alben. Ihre Interpretation der Stücke ist dabei so souverän, dass man - würde man unmöglicherweise das Original nicht kennen - sie glatt für Eigenkompositionen halten könnte.

Und was ist für eine Maiden-Tributband noch besser als ein Sänger, der einigermaßen an das Original erinnert? - Ein Sänger, der gar nicht erst versucht, wie Bruce Dickinson zu klingen, weil er sich mit seinem eigenen Stil schon auf Weltklasse-Augenhöhe mit ihm befindet.

Ja, der sympathische Frontmann Damian Wilson, der direkt vor dem Konzert alle Fans persönlich begrüßte und auch danach gleich statt in die Backstage direkt zum Plaudern ins Publikum ging, war ganz klar der Mittelpunkt der Show. Unfassbar, was der Mann in der dünnen Saunaluft des Logos aus seinen Lungen hervorgezaubert hat! Hatte er irgendwo einen Geheimvorrat?

Im Publikum gab es keine zwei Meinungen - alle waren beeindruckt und sehr gut unterhalten. Wer sich da auf den parallel auch heute noch stattfindenden Hamburg Metal Dayz herumtrieb, dem schenke ich hiermit eine virtuelle Tüte Mitleid.

Schönes Detail am Rande: Statt eines Banners hatten Maiden United einen Teppich mit Ihrem Logo dabei. Sehr passend zum entstöpselten Setting. Und... it ties the stage together.



Meine lütte Digitaltrashknipse war auch wieder dabei. Hier ein paar Bilder: