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2020-10-29

SUN RA ARKESTRA - Swirling

Dieses Album - so viel gleich vorweg - war wohl schon lange überfällig.

Nicht, dass es an Gelegenheiten mangeln würde, für das Schaffen Sun Ras Geld auszugeben, erscheint doch ständig rares und neu aufgelegtes Material aus der genauso gigantischen wie unübersichtlichen Diskographie des Jazz- und Afrofuturismus-Vorreiters.

Nun hat allerdings der Meister selbst diesen Planeten ja bereits 1993 verlassen, und Marshall Allan zwei Jahre danach die Leitung des Sun Ra Arkestra übernommen. Und aus jener langen Zeit, die der Saxophonist nun schon dem Repertoire mit seinen Arrangements seinen Stempel aufdrückt, existiert bislang kein Studioalbum.

Diesem Mangel wird offiziell morgen (30. Oktober) mit "Swirling" ein Ende bereitet.



SUN RA ARKESTRA - Swirling (clear vinyl 2LP) (2020)


Der Titeltrack des Doppelalbums ist ein von Marshall komponierter, im Herzen leichter, aber durch die typisch schräge Vielstimmigkeit der Big Band doch unverkennbar in der Sun Ra-Tradition verhafteter Swing.

Der komplette Rest von "Swirling" besteht allerdings  aus aktuellen Inkarnationen bekannter Stücke, eine gesunde Mischung aus greatest hits und deeper cuts.

"Braucht man das wirklich?" mag der eine oder andere vielleicht jetzt noch einmal nachfragen, und meine Antwort ist ganz klar: auf jeden Fall!

Ob es die instrumentalen und gesanglichen Performances der die Liveband über die letzten Jahre prägenden Mitglieder sind (von denen insbesondere Sängerin Tara Middleton und natürlich das schrille Saxophon und die spacigen Eskapaden Marshall Allans auf dem elektrischen Windinstrument hervorstechen), oder die großartige, den Livesound der Gruppe perfekt einfangende Produktion - diese Veröffentlichung rechtfertigt sich auf allen Ebenen.

Letztendlich - und diese Wahrheit darf man bei einem Ensemble, dem mehrere aktive Mitglieder bereits seit den 1950er Jahren angehören, ruhig aussprechen - wird "Swirling" auch ein zentrales Vermächtnis für alle Hörer sein, die in den letzten drei Jahrzehnten zum Arkestra gefunden haben. Und vielen, die bisher keine Berührung mit der advantgardistischen Jazzlegende hatten, mag es in Zukunft auch einen sinnvollen Einstieg in den Kosmos Sun Ras bieten.

Marshall Allan & Sun Ra Arkestra, Überjazz 2019
Selbst ohne Pandemie musste man ja schon für jedes Jahr dankbar sein, welches die Veteranen um den mittlerweile sechsundneunzigjährigen Bandleader auf den Livebühnen dieser Welt sah.
Ich habe das Privileg genossen, sie sowohl 2018 als auch 2019 erleben zu dürfen, und beide Shows waren genauso unglaublich wie horizonterweiternd und inspirierend. Eine Band, die es so nur einmal geben kann.

Und wer kann angesichts der Weltlage voraussagen, ob das Arkestra je wieder zusammen auf Tour gehen kann? Mehr als ein paar besonders gesicherte und begrenzte Einzelshows kann ich mir auch für 2021 jetzt noch nicht vorstellen. Vor allem bei einer derart buchstäblichen Risikogruppe.

Mit Perkussionist Stanley "Atakatune" Morgan und Saxophonist/Flötist Danny Ray Thompson sind zwei der an diesen Aufnahmen beteiligten Musiker indes schon nicht mehr hier und betrachten gemeinsam mit Sun Ra und ehemaligen Erdreisenden wie June Tyson und John Gilmore unser Treiben aus der galaktischen Ferne.

Was auch immer die Zukunft bereit hält - und ich wünsche ja der ganzen Truppe, noch fitte 107 Jahre zu werden, wie es Trommelpionierin Viola Smith jüngst geschafft hat -, genau jetzt sind wir zu Hause und haben dieses Album.

Vom  knapp an traditionellen Konventionen Vorbeischrammenden, irgendwie schon immer Vertrauten (denn das Arkestra war ja gefühlt schon immer da und hat seinen kreativen Einfluss weit gestreut) zum immer noch überraschend Abgefahrenen, von Afrobeat und Vocal Jazz, zu experimenteller Trickfilmsoundtrackmusik stellt "Swirling" eine umfang- und abwechslungsreiche Werkschau dar - und gleichzeitig ein in sich stimmiges und für sich alleine bestehendes Album.

Keine Frage: Wer irgendwie an Jazz, Black Music und generell saugutem, nicht alltäglichem Scheiß interessiert ist, der sollte das Sun Ra Arkestra dieses Jahr unbedingt auf dem Schirm haben.  



Während die Musik für mich über jeden Zweifel erhaben ist, gibt es doch zwei Kritikpunkte an der Veröffentlichung:

1. Zwar sieht die LP (erhältlich in schwarz, gold oder exklusiv über HHV transparent) super aus, doch lesen kann die winzigen Credits ohne Lupe doch niemand! Und das ist kein Spruch, sondern ich habe tatsächlich eine Lupe zur Hand genommen. Da wäre noch genügend Platz gewesen, um den Schriftgrad erheblich zu erhöhen.

2. Mit "Unmask The Batman" und "Space Loneliness" fehlen auf der Doppel-LP zwei Tracks der digitalen Version, und trotz Präsenz auf Bandcamp liegt kein Downloadcode bei, was zusätzlich enttäuscht, wenn dies bei einer anderen LP des Labels, welche man gerade bekommen hat, machbar gewesen ist.  

Das ist dann wohl ein Argument, sich die Schallplatte direkt über Bandcamp (dort allerdings nur in klassisch schwarz) zu ordern.






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