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2020-10-21

IMPERIAL TRIUMPHANT - Alphaville

Ok, dann wollen wir mal das aktuell überfälligste Review in meiner Warteschlange abfrühstücken!

Apropos Mahlzeit: Wer auf konventionellere - oder gar leichtere - Metalkost steht, der sollte vielleicht davon absehen, sich Imperial Triumphants "Alphaville" schon am frühen Morgen aufs Sandwich zu schmieren - dieser irre Aufstrich kann Dir nämlich leicht aus allen Körperöffnungen wieder herausschießen!

Wer sich hingegen eh schon regelmäßig von sperrig unbequemem Avantgarde Black Metal und Jazz ernährt, der kann und sollte hier jederzeit reinhauen. Gerne auch nachts um drei, wenn's sein muss.   





IMPERIAL TRIUMPHANT - Alphaville ("Broadway Blues" opaque blue vinyl 2LP) (2020)


Der Vorgänger "Vile Luxury" war ja schon ein garstiges, irrsinniges Brett (und die komplette Livedarbietung des Albums eine meiner Lieblingsshows 2019), doch wenn die drei goldmaskierten Avantgardeextremisten aus New York eines können, dann ist es, den ohne hin schon auf elf gedrehten zerebralen Overkill noch weiter auf zwölf hochzukurbeln.

Am einfachsten ist die Entwicklung zwischen den Alben wohl zu beschreiben, wenn man sagt, dass es von allem mehr gibt. Auch wenn das technisch natürlich nicht ganz akkurat ist, wenn man gewisse Details wie die Bläserensembles von "Vile Luxury" betrachtet, die hier nicht wiederkehren.
Dafür hinterlässt allerdings die Solo-Posaune in "Transmission To Mercury" umso mehr Eindruck.

Dies gilt überhaupt für alle jazzigeren Passagen. Den Vorgänger hatte ich ja noch als Emulation eines Free Jazz-Albums mit den Mitteln des Black Metal verstanden, doch hier machen sich diese Einflüsse abgesehen vom ständig jazzgeladenen Bassspiel insgesamt etwas rarer. Wenn sie jedoch kommen, hauen Imperial Triumphant und diverse Gastmusiker noch sehr viel mehr auf den Putz. Die bereits erwähnte "Transmission" oder auch das Klavier in "City Swine" sind Paradebeispiele dafür.

Doch auch der Metalanteil geht noch viel mehr auf Steroiden steil als zuvor. Der Black Metal ist psychotischer, die Riffs und Rhythmen sind wilder und schräger. Sowohl Voivod als auch Atheist kommen immer wieder als Einfluss in den Sinn.
Und wer Oranssi Pazuzu, insbesondere deren urbanere Werke wie "Mestarin Kynsi" oder das Debüt "Muukalainen Puhuu" mag, der wird auch reichlich bedient. Imperial Triumphant sind allerdings weniger für lange hypnotische Build-Ups zu haben als die Finnen, und springen sehr viel unberechenbarer umher.

Ob sich dabei dreizehneckige Riffmonster und unförmiger Krach abwechseln, ob cineastische Chöre, Barbershop-Gesang, Klassikeinflüsse, japanische Teiko-Trommeln für Abwechslung sorgen oder ob wir mitten im Song einfach mal wartend am Flughafen stehengelassen werden; "Alphaville" ist immer fordernd und anstrengend und übertrieben.

Und genau das macht dieses Album so hirnfickend gut.

New York, insbesondere Brooklyn hat ja durchaus eine von John Zorn begründete Tradition der extremen Metal und Freejazz einschließenden, scheuklappenfreien Krachfusion. Toby Driver muss hier natürlich als prominenter Vertreter gewürdigt werden.
Und Imperial Triumphant fühlen sich in dieser musikhistorischen Gesellschaft ganz offensichtlich sauwohl. Dass Mr. BungleTrey Spruance als Produzent und Gastmusiker an "Alphaville" beteiligt ist, erscheint da mehr als nur folgerichtig.

Doch nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich und ästhetisch bleiben Imperial Triumphant tief in ihrer Heimatstadt verwurzelt. Schon die retrofuturitische, erneut mit "Metropolis"-Anklängen nicht geizende Covergestaltung lässt keinen Zweifel daran, dass dieses Album wohl nur in New York entstanden sein kann.

Das kräftige Blau der "Broadway Blues"-Edition ist eine sehr ansprechende Vinylfarbe. Im Nachhinein kann ich mir jedenfalls gut einreden, dafür gerne unnötigerweise über einen Monat zu lang auf das Doppelalbum gewartet zu haben.

Ok, das war jetzt gelogen.



Neben dem nicht nur gut aussehenenden Vinyl und dem beiliegenden Poster des Artworks, ist aber vor allem Seite D erwähnenswert, die mit der in meiner Sammlung bisher noch nicht vertretenen Kuriosität von zwei parallelen Rillen aufwartet. D.h. je nachdem, wo man die Nadel am Anfang aufsetzt, wird ein anderer, exakt vier Minuten und achtundvierzig Sekunden langer Song gespielt.

Es handelt sich bei den Stücken um zwei Coverversionen, die passender kaum sein könnten, da beide nicht nur als Einfluss auf dem gesamten Album präsent sind, sondern auch gekonnt adaptiert und in das imperiale Chaos überführt wurden.

"Happy Home" von den Residents ist schon im Original höchst schrägkünstlerisch und experimentell. Dass Imperial Triumphant die manischen Qualitäten des Stücks u.a. durch Blastbeats des auf dem gesamten Album komplett außerirdisch performenden Drummers noch mehr herausstellen, ist zweifellos der richtige Ansatz. Herrlich kranker Scheiß!

Das andere Cover wird mit einem der ikonischsten Thrash-Riffs aller Zeiten eröffnet. Besser als das Original kann man Voivods "Experiment" natürlich nicht spielen, doch in seiner gleichzeitig kruden wie präzisen Höllenschlundigkeit inklusive vollkommen übertrieben staubsaugiger Interpretation von Gastgrunzer Phlegeton (Wormed), stellt Imperial Triumphants Version auch hier eine komplette stilistische Einverleibung dar.
Beide Stücke machen somit bereits für sich Freude, ergeben jedoch besonders im Zusammenhang des kompletten Albums Sinn.

Und jenes überzeugt mich schon ohne die Bonustracks von vorne ("Rotted Futures") bis hinten ("The Greater Good") komplett. Da kann ich mir höchstens minimale Detailkritik aus den Fingern saugen, wie z.B. dass ich die Taiko-Drums wohl gerne einen Tick lauter und mächtiger gemixt hätte. Kleinkram also.

Nein, das hier ist wunderbar gnadenlose, kakophonische Dystopie in Perfektion. "Alphaville" ist ganz klar eines der besten und wichtigsten Metalalben des Jahres.








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