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2018-11-25

IMPERIAL TRIUMPHANT - Vile Luxury

Neulich sah ich einen Artikel des Decibel Magazine, in dem eine Black-Metal-Band aus New York ihr fünf All-time-Lieblingsjazzalben vorgestellt hat. Ok, das passiert ja wohl nicht ohne Grund. Interessant.

Reingehört.

Alter, was für ein kranker Hirnfick!





IMPERIAL TRIUMPHANT - Vile Luxury (2LP) (2018)


Leute, gebt es zu: Egal, wie breit man geschmacklich sonst aufgestellt ist, hört man als Fan extremen Metals doch eigentlich nie richtig auf, nach dem noch irreren, noch bekloppteren Brachialkrach zu suchen. "Vile Luxury" ist mit dieser Mentalität ein Album, an dem unmöglich vorbeizuhören ist. Denn fuck, was ist das für ein gnadenloses, chaotisches und auf Melodien scheißendes Brett!

Und schon ist man evtl. auf den einen großen Trick von Imperial Triumphant hereingefallen.

Ok, komm etwas näher! Und pssst, nicht weitersagen! Bereit?
Schnall dich an: "Vile Luxury" is gar kein Metalalbum.

Yep, und damit meine ich nicht nur die Passagen, in denen sie ganz offensichtlich für wirklich jeden erkennbar keinen Metal spielen, sondern auch das laute Zeug!

Aber Stephan, ich höre da derbe böse verzerrte Saiteninstrumente, wildestes Schlagzeuggeprügel, und darüber wird geröchelt und geschrien!

Ja, das höre ich auch. Und ich gebe Dir recht, dass zumindest der Gesang wohl noch am ehesten als Metalkennzeichen gelten musst. Aber reicht Grunzen und Kreischen als alleinige Qualifikation zur Kategorisierung?

Und ist das wirklich Metaldrumming? Ich fühle mich hier her zu den Dead Neanderthals und der New Wave Of Dutch Heavy Jazz transportiert.
Und wo spielen Bass und Gitarre denn einmal wirklich eindeutig ein Metalriff? Die anderen Bands, die ich hier im Sechssaiterspiel heraushöre, sind nicht ohne Grund Exoten:

Die meisten Läufe erinnern mich nämlich ganz klar an die leider frisch aufgelösten norwegischen Psychedelicadvantgardisten Virus. Oder an die blackmetallischsten Seiten Toby Drivers, also die Kayo Dot-Alben "Hubardo" und "Choirs Of The Eye".
Ab einem gewissen Tempo ist dann gar keine Zeit mehr für lange Riffs. Die brutalen Licks oder Auflösungen in reinen Krach, zu denen es dann kommt, kann man vielleicht noch bei Grindcorebands finden. Oder im frühen Zeugs von The Dillinger Escape Plan.

Und klar, vielleicht wirst Du noch die eine oder andere Stelle finden, die direkt nach irgendeinem Song irgendeiner Metalband klingt.

Die Wahrheit ist jedoch: Auch wenn sie wirklich nur mit Bass, Gitarre, Schlagzeug prügeln und ihren Sound nicht gerade mit Piano, Synthesizern und vor allem einen Bläsersextett aus Trompeten, Posaunen und Tuba garnieren (ja, das findet auf dem Album nämlich auch sehr reichlich statt!), sind Imperial Triumphant tatsächlich ein advantgardistisches Freejazz-Trio - welches halt mit den Mitteln des Black Metal arbeitet.

Umso deutlicher wird dies, wenn man darauf achtet, wie souverän und kompetent die tatsächlich eindeutigen Jazz-Parts wie die orchestralen Big-Band-Bläser im Opener "Swarming Opulence", die Klavierakkorde in "Lower World", der schräg-loungige Einstieg in "Cosmopolis" (mal ganz abgesehn davon, was später in dem Song noch abgefahrenes passiert) sind.
Nein, hier bauen nicht Rockmusiker Jazzparts ein. Die Typen hier stecken knietief in der Materie. Das komplette überbordernd überfordernde, übertrieben überladene,  sich fast jeder Eingängigkeit verweigernde, kakophonisch lärmende Album hat den Namen John Zorn deutlich in alle vier Vinylseiten geritzt.

"Vile Luxury" kannst Du direkt nach John Coltranes Inferno "Ascension" auflegen. Die Kombo passt genau so zusammen, wie wenn man Alice Coltranes "World Galaxy" Sunn O)))s "Monoliths & Dimensions" folgen lässt. Hier existiert eine über mehrere Stationen fortschrittene musikalische Geschichte.


Und neben all of that jazz hat dieses experimentelle Schlachtfest ja noch so viele andere Details zu bieten. So haben wir unter diversen Gastvokalisten eine Sängerin die als hysterische Schreihälsin im Stile der aggressivsten Julie Christmas den Paniklevel durch die Decke gehen lässt und eine Opernstimme in "The Filth".

Am Ende von "Gotham Luxe" wird (nach Vorbild von Kate Bush?) plötzlich die Sprache gewechselt und ausgerechnet die deutsche Textzeile "lieber biegen als brechen" mantraartig wiederholt.
Der "Chernobyl Blues" wird logischerweise - und mit was für einer ähem... lieblichen Attila-Csihar-Gedächtnisstimme - auf russisch gesungen.


Als ob es nicht schon von Anfang an für untrainierte Ohren äußerst schwerhörige Kost wäre, wird "Vile Luxury" zum Ende hin sogar noch anstrengender und unverfrorener. Imperial Triumphant schmeißen hier nämlich jede Restidee traditionellen Songwritings von sich, um sich mit "Mother Machine" und "Luxury In Death" in den puren Todesjazztohuwabohustrudel zu werfen oder im Finale von "The Filth" in einer mehrminütigen, auf- und abschwellende reinen Krachkaskade zu ergehen.

Das ist doch keine Musik mehr!


Nein, was deine Mutter als Musik bezeichnet, ist das sicher nicht.

Aber es ist grenzenlos genial. Ich liebe diesen Scheiß.




Highlights: Cosmopolis, Swarming Opulence, Chernobyl Blues, The Filth



2018-11-24

WANG WEN - Invisible City

Direkt vor ihrer Europatour über den Jahreswechsel im Studio von Sigur Rós auf Island aufgenommen, ist im September ein neues Album der Post-Rocker Wang Wen erschienen.




WANG WEN - Invisible City (exclusive band edition coloured 2LP / special packaging) (2018)


Es ist ja nicht das erste Mal, dass mich die Chinesen zum Kauf eines der luxuriöseren Musikpakete des Jahres verleiten. 2016 gab es mit der 4x10"+DVD+Fotobuch-Veröffentlichung "In Course Of The Miraculous" und dem ungewöhnlich designten regulären Album "Sweet Home, Go!" sogar gleich zwei davon.

Auch das neue, auf LP dreiseitige Album (Seite D hat ein Edging) besticht durch ein nicht alltägliches Design. Und entscheidet man sich noch für die "Band Edition" dann bekommt man ein ganz spektakuläres Teil mit transparenter Außenhülle, Aufklappoptionen und selten gesehenem Vinylfarbmuster. Das sieht alles sogar noch schicker aus, als ich es fotografisch festhalten konnte:


 
 
 
 
 


Der einzige Nachteil, den ich nicht bedacht hatte, ist, dass diese Variante nicht von Pelagic Records verpackt wurde und deswegen keinen Downloadcode enthält.


Musikalisch schließen Wang Wen, jetzt nur noch in sechsköpfiger Besetzung, auf "Invisible City" an den Vorgänger an. Es ist erneut die reine, mit ihrem speziellen Bouquet abgerundete, eskapistische Post-Rock-Lehre mit einer sehr präzise aufeinandersitzenden Rhythmussektion, in der sich Ausflüge in extremere Genres wie noch auf "Eight Horses" sehr rar machen.

Auch auf Gesang wird wieder weitgehend verzichtet, nur das einzige über zehn Minuten lange Stück "Stone Scissors" wartet mit sehr verfremdeten Vocoder-Stimmen auf, wie die Gruppe sie auch schon 2010 auf "L & R" verwendet hat, während bei "Lost In Train Station" Sprachsamples in die Bresche springen.


Wang Wen live 2018
Das unverkennbarste Markenzeichen neben den gelegentlich chinesisch-folkloristischen Anflügen von Gitarre und Keyboards bleiben die Blasinstrumente. Wenn Huang Kai Althorn oder Trompete erklingen lässt, dann droht höchste Seelenentschwebungsgefahr.

Doch Wang Wen belassen es selten bei den perfekt umgesetzten Schöngeistigkeiten. Nicht nur entwickeln die Grooves bisweilen eine bewusste harte Kantigkeit oder walzen plötzlich unerwartet fette Bass/Gitarren-Wände aus den Boxen. Nein, man merkt zudem auch, dass ihnen im Studio viele analog-elekronische Spielzeuge zur Verfügung standen, mit denen sie reichlich experimentiert haben, man lausche da z.B. dem kratzbürstigen Herumgeräusche in "Mail From The River".

Eine gewisse Spannung zwischen Zeitlosigkeit und Moderne erhalten Wang Wen über die gesamte Länge des Albums aufrecht, so dass meine Zuhörerphantasie immer wieder zu einem Dronenflug durch endlose melancholische bis brutalistische chinesische Metropolen aufbricht.
 

Die Produktion ist fabelhaft. Perfektionistisch, sortiert, aber auch ungestüm, wenn sie es sein muss. Insgesamt wirkt der Sound noch ganzheitlicher als auf "Sweet Home, Go!", es gibt also zumindest gefühlt weniger Klangunterschiede zwischen den einzelnen Tracks.

Trotzdem möchte ich hier gar nicht mit besser oder schlechter anfangen. "Invisible City" ist einfach eine weitere Großtat innerhalb einer ohnehin herausragenden Diskographie.


Genau wie bei der Abbildung der Plattenhülle habe ich auch bei der Beschreibung von Wang Wens Musik das Gefühl, dem Gebotenen in diesem Review niemals gerecht werden zu können.

Ich liebe diese Gruppe einfach. Für mich persönlich sind sie aktuell mindestens die zweitbeste Post-Rock-Band dieses Planeten!





Highlights: Stone Scissors, Silenced Dalian, Lost In Train Station



RIVERS OF NIHIL - Where Owls Know My Name

Death Metal. Der Sänger, growlend:

"You've wasted all that you have been given
Still hoping to find a way
To make life worth living" 

Unmittelbar danach ein lebensbejahendes Achtziger-Jahre-Saxophonsolo.


Ein absolut brilliant umgesetzter Moment im Titelsong des im März erschienenen aktuellen Albums von Rivers Of Nihil. Und bei weitem nicht der einzige.


RIVERS OF NIHIL - Where Owls Know My Name (CD) (2018)

Das ganz klassisch vom vom visuellen Premium-Ausstatter des Genres Dan Seagrave gestaltete Cover verrät bereits, dass die Basis der ca. 55 Minuten aus Death Metal besteht.

Fett produzierter technischer Death Metal, der seine Wurzeln in Death, Morbid Angel und ihren Nachfahren hat, jedoch ständig eine breite Palette anderer Einflüsse zulässt. So erinnert die Band bei cleanen Gesangspassagen wie dem Refrain von "Subtle Change" an den Prog Metal von Haken, und auch Fusion-Momente mit der patentierten Cynic-Stimmung kommen vor, wobei die Gruppe sich allerdings weniger direkt inspiriert präsentiert - und auch weniger zur Over-the-top-Instrumentalangeberei neigt - als es der naheliegendste Vergleich, die deutschen Kompliziertdeathmetalfahnenträger Obscura, tut.

Ob brachiales Gekloppe oder sanftere Parts; das Songwriting von Rivers Of Nihil setzt bei aller Liebe zum gelegentlichen Hirnfick eher auf Atmosphäre und scheut dabei vor keinem Mittel zurück, die gewünschte Stimmung zu erreichen, was im ständigen - und meist eher subtilen - Einsatz zusätzlicher Instrumente mündet.
Das kann die vom Gitarristen gespielte, in diesem Kontext an Amorphis erinnernde Orgel sein, oder die von Gastmusikern beigesteuerten Elemente wie Trompete, Cello und vor allem gleichmäßig über das Werk verteilt das teils im Hintergrund agierende, teils in immer wieder andere Stile beschwörenden Soli triumphierende Saxophon.

Ich sage ja immer, dass ich ein einfach gestrickter Mensch bin: Gib mir saugeile Musik, pack ein Saxophon obendrauf und ich finde sie noch saugeiler. Hat hier mal wieder super geklappt.
Aber auch ohne die Tröte wäre "Where Owls Know My Name" schon ein mehr als beachtliches Album.

Denn so sehr die Band auch auf überwältigenden Mehr-ist-mehr-Sound setzt: Die Songs bleiben immer nachvollziehbar und einprägsam. Rivers Of Nihil beweisen perfektes Gespür dafür, wann was in welchem Maß richtig ist. Und so wird jedes Stück für sich zum Hit.

Fazit: Death Metal mit Eulensmiley und Sternchen.






Highlights: Subtle Change, Where Owls Know My Name, The Silent Life




2018-11-22

ZEAL AND ARDOR + NYOS live im Knust, Hamburg (21.11.2018)

Zeal & Ardor


Das Knust war offiziell ausverkauft. Keine Überraschung, denn der mit der "Devil Is Fine"-EP gestartete und mit dem diesjährigen Album "Stranger Fruit" fortgeführte Überraschungshype um Zeal And Ardor ist immer noch quicklebendig. Es wurde also kuschelig vor der Bühne.

Und in der ersten Reihe wurde es zunächst einmal höllenlaut.


Nyos

Ein Schlagzeug, eine Gitarre, eine fleißig getretene Pedalsammlung inklusive gleich zwei Loopern - und gleich drei fucking full stacks. Das waren die Mittel, mit denen das finnische Duo Nyos dem Publikum ordentlich in Trommelfell und Hirn getreten hat.

Die Mixtur aus Gitarren- und Gitarrensynthesizerschleifen, Drone, Noise und Sludgeriffs und gelegentlichen Mathcoreanfällen mit einem sehr beschäftigetem Panikdrumming könnte man durchaus als Postrock auf Steroiden bezeichnen. Ich persönlich fühlte mich sehr zu MNHM auf dem Roadburn Festival 2017 zurückversetzt.

Geil intensiv irres Zeug. Und die Jungs hatten Vinyl für einen Zehner dabei. Lässig.


Zeal & Ardor

Ein bisschen merkwürdig ist es ja schon, wenn dir die Supportband mit dem Bühnensound von nur einer Gitarre dermaßen die Ohren zerpeitscht, dass Du in der ersten Reihe kaum das Schlagzeug hören kannst - und beim sechsköpfigen Headliner dann fast das Gegenteil der Fall ist. Dank In-ear-Monitoring und komplett über die Saalanlage laufender Saiteninstrumente kam bei Zeal & Ardor nämlich nur das Schlagzeug hörbar von der Bühne.
Dass man als Erste-Reihe-Fan öfter Soundkompromisse eingeht, da man nicht den vollen PA-Klang mitbekommt, ist ja normal, doch in diesem Fall fühlte es sich doch schon speziell seltsam an. Für eine kleine PA-Box am vorderen Bühnenrand wie neulich auf dem Überjazz Festival wäre ich für ein bisschen mehr Wumms schon dankbar gewesen.

Ich wünschte mir ohnehin - und das ist wohl auch meine einzige musikalische Kritik -, dass Manuel Gagneux und seine satanischen Blackmetalgospelbluescrossoverfreunde ein bisschen weniger exakt auf Spur, sondern eine Ecke organischer und exzessiver daherkämen, wie es den meisten Stilen, mit denen sie hantieren, ja auch am besten zu Gesicht steht. Anderseits verstehe ich aber auch, dass man gerade bei Arrangements, die Samples beinhalten, auch ein bisschen kontrollfreakiger vorgehen muss.

Meiner pingeligen Wenigkeit zum Trotz war das Ganze natürlich wieder eine energiegeladene, zurecht abgefeierte Show zwischen vielkehligem Singalong des Publikums zum Frontmann und seinen beiden Gesangssidekicks, gelegentlichem Eskalationsradau und jenem einen, dann für Hamburg im November doch etwas gewagten Stagedivingversuch...

Kein Kult für die Ewigkeit wie der unvergessliche Patronaat-Auftritt vom vergangenen Jahr, was ja auch kein Mensch erwarten kann, aber ein durchaus ziemlich unglaublicher Siegeszug für eine so junge Gruppe, die ihr Debütalbum spazieren fährt.

Was mir ja eher selten unter die Nase kommt, ist eine Setlist mit über zwanzig Stücken. Ja, es wurde beinahe alles, was von EP und Album als Band aufführbar ist, gespielt - und dazu bereits wieder ein paar neue Songs, die z.T. mit Einflüssen aus von Zeal & Ardor vorher noch nicht beackerten Spielwiesen aufwarteten. Eines ist sicher: die schweizer Jungs (plus Mädel) sind kreativ auf unbestimmte Zeit versorgt. Da geht noch einiges!








Nyos:

 
 
 
 
 
 
 
 



Zeal & Ardor:

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 



2018-11-15

MOEWN - Ad Astra

Die Maritim-Postrocker Moewn haben sich dieses Jahr ja leider auf den Grund des Ozeans zurückgezogen. Zum Abschied gibt es auf Bandcamp aber noch das nach "Acqua Alta" und der als Split-LP mit Camel Driver veröffentlichten EP "Aestus" ein posthumes Album zu hören.

Auf Wunsch von Fans soll das Ding nun auch in kleiner Vinyl-on-demand-Auflage veröffentlicht werden. Für fünfzehn Euro (plus Versand) kann man sich noch bis Jahresende eines der zweihundert Exemplare (inkl. Download) sichern, welches dann voraussichtlich im März aus dem Presswerk kommen soll.


MOEWN - Ad Astra (download / LP pre-order) (2018)

"Ad Astra" setzt die Entwicklung der Vorgängerwerke fort, d.h. es kommen zwar durch aus noch heavy Riffs vor, doch insgesamt geht die Musik deutlich weg vom grob Brachialen, hin zum elegisch Verträumten.

Wie letztes Jahr live zu sehen hat sich zu Bass, Gitarre und Drums ein Synthie-Spieler als vollwertiges Bandmitglied gesellt. Besonders auffällig in den Vordergrund drängen die Elektroklänge nicht, doch sie addieren stets eine zusätzliche atmosphärische Schicht zum bekannten Moewn-Sound.

Nach wie vor erfinden die seemännisch betitelten Instrumentalsongs der Band den Postrock nicht neu, und man kann auch bemäkeln, dass sich die Grundstimmung aller sechs Tracks schon ziemlich ähnelt. Ein bisschen mehr Mut, die Grenzen des konzeptionellen Rahmens weiter auszuloten bzw. zu dehnen, hätte dem Album sicher nicht geschadet.

Ein Monument für die Ewigkeit haben die hamburger Jungs also nicht abgeliefert. Aber das sollte ja auch nicht ernsthaft die normale Erwartungshaltung an das zweite volle Album einer Undergroundband sein, oder?

Nee, "Ad Astra" ist schon ein sehr gelungenes Postrock-Album und ein stimmiger Abschluss der Moewn-Trilogie. Von daher - und auch weil das erneut tolle Coverartwork den Sprung vom Bildschirm in den großformatigen Druck verdient hat - würde ich mich auf jeden Fall freuen, wenn die nötigen Vinyl-Käufer bis Silvester zusammenkämen. Mein Exemplar ist jedenfalls reserviert.


Also Freunde des Wellengangs, hier geht's lang:

VORBESTELLUNG AUF DIGGERS FACTORY


 

Highlights: Polarlicht, Gezeiten, Sturmtief



2018-11-14

LIQUID VISIONS - Hypnotized

Yeah, das ist nach der letzten Sulatron-Rezi von vor wenigen Minuten doch schon wieder ein ganz anderer Schnack.


LIQUID VISIONS - Hypnotized (2002/2018)

Liquid Visions waren eine von Meister Sula Bassanas vor Electric Moon bespielte Wiese, bei der er allerdings nicht Gitarre, sondern Bass und Tasten bediente.

Ihr 2002er Album "Hypnotized" wurde nun mit neuem Coverartwork erstmals auf LP veröffentlicht.

Die Musik ist durchgehend prima und lässt sich - für mich angesichts zum baldigen Jahresende hin wachsenden Zeitdrucks sehr willkommen - mit wenigen faulen Sätzen blitzrezensieren.

So ca. siebzig Prozent von "Hypnotized" gehen nämlich problemlos als Motorpsycho-Worship durch, wenn jene sich auf einem vom 60er bis 70er Psychedelic Rock inspirierten Trip befinden. Und der Closer "Paralyzed" enthält sogar einen der patentierten Dynamiksprünge, die den Song plötzlich auf ein dampfwalziges Volumen von elfeinhalb pushen.

Die restlichen dreißig Prozent gehören dem epischen "Morning Rain", welches von einer obskuren französischen Band namens Third Twyn gecovert wurde. Naja, und welches eigentlich auch zu mindestens fünfzig Prozent nach Motorpsycho-Worship klingt.

Von daher: Wenn Du auf Pasta stehst, dann magst Du wahrscheinlich auch Nudeln.

Und das ist kein Plagiatsvorwurf, sondern ein lupenreines Kompliment.

Welches vielleicht schon zu spät kommt, denn wer weiß, ob zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt noch Exemplare zu haben sind. Bei Interesse ist hier wohl Schnellzugriff gefragt.

Astreine Scheibe!


Highlights: Butterflight, State Of Mind, Morning Rain



ASTRAL SON - Wonderful Beyond

Rezensiere ich hier eigentlich nur noch Psychedelic-Alben? Ok, die Handvoll aktueller Promos von Sulatron Records macht sich in meinem digitalen Stapel natürlich bemerkbar.

Nachdem mir die Veröffentlichungen von Ufo Över Lappland und Sherpa gut und besser als gut gefallen haben, wird es nun doch ein bisschen, ähm... anstrengender.


ASTRAL SON - Wonderful Beyond (2018)

Astral Son ist das Soloprojekt eines niederländischen Multiinstrumentalisten namens Leonardo, was bestimmt sein kompletter bürgerlicher Name ist. Wie auch immer, in diesem Satz sind bereits drei Boxen gecheckt, die zusammen mit dem Coverartwork und dem Label schnell zu dem Schluss führen, dass es sich bei diesem Mann um eine Art Mischung aus Arjen Lucassen und Syd Barrett handeln muss.

Und damit haben wir an sich schon eine ganz adequate Beschreibung des Sounds der zwölf Tracks auf diesem Album. Leider allerdings nicht der Qualität.

Der Astral Son ist zweifellos ein guter Musiker und dieses Album enthält auch einige gelungende Ohrwürmer. An sich beackert der auf frühen Pink Floyd basierende Sound auch ein recht breites musikalisches Feld. Und wenn ich in der richtigen Stimmung bin, habe ich auch kein Problem damit, mich von "Wonderful Beyond" nebenbei berieseln zu lassen. Zu einem anderen Zeitpunkt kann mich allerdings der extrem dick aufgetragene hippieske Ton nerven. Und so kann mich je nach eigener Laune einfach nicht entscheiden, ob es sich um Bug oder Feature handelt.

Dass sich das Album leider durch einen mediokren Mittelteil schwächelt, ist hingegen nie zu leugnen.

Die Hälfte der Songs weglassen und in diesen wiederum auf die Hälfte des Gesangs verzichten - dann hätte man eine richtige Spitzen-EP. Oder vielleicht alternativ nur die schwächsten zwei, drei Stücke streichen und die Fuzz Flower Power so übertrieben weit aufdrehen, dass es schon wieder gut ist?
Ich weiß es nicht. Belassen wir's dabei, dass mich dieses Album nur punktuell begeistern kann und insgesamt einfach nicht meine Tasse Tee ist.

Wer sich als peacetrippiger als mich einschätzt, kann sich bei Sulatron (CD) oder Headspin Records (LP) nach "Wonderful Beyond" umschauen.




Highlights: Journey, She, Time And Space



2018-11-08

KIKAGAKU MOYO - Masana Temples

Vor kurzem habe ich hier ein Album mit brilliantem Coverartwork rezensiert, welches irgendwie mit Formen (Mythic Sunship "Another SHAPE Of Psychedelic Music") zu tun hatte und sich musikalisch als eines der wahrscheinlich besten Psych-Alben 2018 herausstellte.

Heute rezensiere ich hier ein Album mit brilliantem Coverartwork, welches irgendwie mit Formen zu tun hat ("Kikagaku Moyo" = "geometrische Muster") und sich musikalisch... ok, wir wollen ja nicht gleich alles spoilern, oder?




KIKAGAKU MOYO - Masana Temples (green vinyl) (2018)


Es führt kein Weg daran vorbei: Bei diesem Album muss man zunächst einmal angesichts der Verpackung ausflippen! Schon vom Zeichenstil und der Farbgebung her fällt mir wirklich nichts ein, was mit dem Artwork, welches Phannapast Taychamaythakool für die Band gezaubert hat, vergleichbar wäre. Dass ich bei einer Platte beinahe die komplette Laufzeit über das Cover in der Hand halte, um Stimmung und Details zu bestaunen, kommt nicht alle Tage vor.

Und ich bin gewiss nicht der einzige, der sich die grünvinylige Version von "Masana Temples" in erster Linie wegen des Gatefold-Covers gegönnt hat. Die normale schwarze Variante enthält zwar ebenso  das Panorama-Motiv, allerdings verteilt auf die zwei Seiten der Innenhülle.




Optisch kann das Album also schon einmal alles.
Der Klang des Tonträgers ist ebenso einwandfrei.

Und musikalisch?

Die einfachste Beschreibung wäre wohl die Feststellung, dass Kikagaku Moyos Musik in jeder Beziehung perfekt zur äußeren Erscheinung des Albums passt.
Es sind Klänge, die einen zu unbekannten, märchenhaften Orten voller buntem Leben entführen. Einzelne Elemente sind vertraut, doch ihre Kombination fühlt sich einzigartig an.

Die Japaner brauen auf "Masana Temples" ein Gemisch aus psychedelischem Krautrock, fernöstlichen und in Form der Sitar sehr prominenten indischen Einflüssen. Doch auch tarantinoeske Coolness und jazzige Gelassenheit finden hier und da ihren Platz.

Die Basis sind meistens ruhige, manchmal geradezu naive Töne, in die auch alle (soweit ich weiß durchgehend japanischen) Gesangspassagen eingebettet sind. Tatsächlich muss ich schon sehr angestrengt nachdenken, um auf Rockbands zu kommen, in denen vergleichbar sanft gesungen wird.

Erstaunlicherweise hindert dies die Musik aber niemals daran, aufregend zu sein. Hier ist zu jedem Moment eine Menge los, ohne dass es zum überproggten Selbstzweck wird. Und wenn die aufgebaute Spannung aufgelöst wird, geschieht dies mit einer genauso virtuosen wie natürlich wirkenden Dynamik.

Kikagaku Moyo live auf dem Roadburn 2018
Im Vergleich zu "House In The Tall Grass", dem einen älteren Album, welches ich mir nach den fabelhaften Auftritten von Kikagaku Moyo auf dem Roadburn Festival (einmal regulär alleine, einmal im großen gemeinsamen Jam mit Earthless) zugelegt habe, ist das Songwriting deutlich straffer und fokussierter geworden. Jeder Ton ist bewusst komponiert, die Arrangements sind äußerst präzise und die Band verliert sich trotz des gewaltigen Talents dafür niemals im Jam-Leerlauf.

Nein, "Masana Temples" enthält keine Minute Füller, alles ist tolles Songwriting voller Ohrwürmer, die auch nach Wochen bei jedem Hören besser werden. Und doch hat das Album diese transzendierende Qualität eines spontanen spacigen Jams, bei dem die Sterne perfekt stehen.


Nicht als i-Tüpfelchen, sondern eher schon als logische Konsequenz ist auch die Produktion des Ganzen großartig. Ein so sauberer, aber nicht klinischer Klang, der in jeder Lautstärke, ob im Vorder- oder Hintergrund funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit.

An "Masana Temples" stimmt für mich alles. Selbst die relativ kurze Spielzeit von vierzig Minuten mag mich nicht ernsthaft stören, sondern motiviert mich eher, das Album einfach nochmal zu hören.


Das Fazit kann nur sein, was ich wahrscheinlich ganz am Anfang schon dezent angedeutet habe: Kikagaku Moyo haben hier eines der besten Psychedelic Rock-Alben des Jahres gezaubert.

Ich freue mich jetzt schon, die Band in zweieinhalb Wochen wieder live zu erleben!







Highlights: Gatherings, Dripping Sun, Nana, Orange Peel